Spannung in der Bundesliga - eine Frage der Lesart

Fans von Borussia Mönchengladbach

Bundesliga, 7. Spieltag

Spannung in der Bundesliga - eine Frage der Lesart

Von Tim Beyer

Die Bayern hinter Gladbach und Wolfsburg, Dortmund nur auf Platz acht. Der Blick auf die Tabelle sagt: Die Bundesliga ist spannend wie seit vielen Jahren nicht. Ist das wirklich so?

Die Stadt Wolfsberg hat 25.000 Einwohner und ein schönes altes Schloss, sie liegt idyllisch mitten im schönen Lavanttal in Kärnten. Sie hat auch einen Fußball-Erstligisten, den Wolfsberger AC, er vertritt Österreich in der Europa League und hat vor einigen Wochen sehr überzeugend gegen Borussia Mönchengladbach gewonnen. Und der WAC, man kann das nicht anders sagen, hat auch eine sehr aufmerksame Medienabteilung.

Borussia Mönchengladbach hatte am Sonntag gerade mit einem 5:1 gegen den FC Augsburg Platz eins in der Bundesliga erobert, da twitterten die Wolfsberger auch schon ein Foto der Tabelle, versehen mit den Worten: "Deutschebundesligaspitzenreiterbesieger".

Der Tweet kam gut an, so gut sogar, dass der WAC kurz darauf nachlegte. Es gibt jetzt auch ein T-Shirt zu kaufen, auf dem die Tabelle der deutschen Liga verbildlicht ist, es kostet 19,90 Euro.

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In Gladbach bleiben sie vorsichtig

Während sie sich in Wolfsberg also noch einmal selbst feierten, reagierte man in Gladbach sehr viel zurückhaltender. Es lief bereits die 65. Minute, und Gladbach führte 4:0, als die Fans doch noch jene "Spitzenreiter, Spitzenreiter, hey, hey"-Rufe anstimmten, die Menschen in der ganzen Bundesrepublik immer dann singen, wenn ihr Team eine Tabelle anführt. Womöglich konnten sie es gar nicht glauben, immerhin ist es acht Jahre her, dass Borussia zuletzt Spitzenreiter der Bundesliga war.

"Ich will die Dinge nicht überbewerten. Wir haben 16 Punkte, sind Spitzenreiter in einer sehr engen Liga. Aber wir haben noch sehr viel Arbeit vor uns", sagte Gladbachs neuer Trainer Marco Rose.

Seine Mannschaft machte gegen Augsburg ein tolles Spiel, die sportliche Darbietung dürfte Roses Idealvorstellung schon recht nahe gekommen sein. So überzeugend wie gestern waren die Leistungen der Gladbacher nicht immer. Es gab auch Spiele wie jenes gegen Wolfsberg, da lief überhaupt nichts zusammen.

Eine Tabelle, keine Aussagekraft?

Dass die Gladbacher trotzdem Tabellenführer der Bundesliga sind, passt zu den ersten Wochen dieser Saison. Die Gladbacher sind nicht die einzige Überraschung. Der VfL Wolfsburg ist mit einem Punkt Rückstand Tabellenzweiter. Vierter ist der SC Freiburg. Drei Teams also, die man so weit oben eher nicht erwartet hatte. Die Bayern hingegen sind nur Dritter, Dortmund steht gar auf Platz acht.

Auffällig ist auch: Den Ersten Gladbach und die Leverkusener auf Platz sieben trennen lediglich zwei Punkte. Ist die Bundesliga also ausgeglichen wie lange nicht mehr?

SaisonTabellenführer nach Spieltag siebenAbstand auf Rang siebenMeister
2019/20Borussia Mönchengladbach2 Punkte?
2018/19Borussia Dortmund7 PunkteBayern München
2017/18Borussia Dortmund8 PunkteBayern München
2016/17Bayern München6 PunkteBayern München
2015/16Bayern München10 PunkteBayern München
2014/15Bayern München6 PunkteBayern München
2013/14Borussia Dortmund9 PunkteBayern München
2012/13Bayern München11 PunkteBayern München
2011/12Bayern München8 PunkteBorussia Dortmund
2010/11Mainz 0510 PunkteBorussia Dortmund
2009/10Hamburger SV6 PunkteBayern München
2008/09Hamburger SV5 PunkteVfL Wolfsburg
2007/08Bayern München6 PunkteBayern München
2006/07Werder Bremen2 PunkteVfB Stuttgart

Eine solch enge Konstellation im oberen Tabellendrittel hat es zum gleichen Zeitpunkt seit Einführung der Drei-Punkte-Regel in der Saison 1995/96 erst einmal gegeben: Vor 13 Jahren, in der Saison 2006/07, lagen nach sieben Spieltagen zwischen dem Tabellenführer Werder Bremen (13) und dem Siebten Borussia Dortmund (11) ebenfalls nur zwei Punkte. Meister wurde am Ende aber keines dieser Teams, sondern der VfB Stuttgart mit Trainer Armin Veh und jungen Spielern wie Mario Gomez und Sami Khedira.

Stuttgarts Meisterschaft war eine Überraschung, es sollten nicht mehr viele folgen. Klammert man die aktuelle Spielzeit mal aus, dann standen nach sieben Spielen zuletzt fast immer Bayern oder Dortmund an der Spitze. Oft hatten sie zum gleichen Zeitpunkt schon einen komfortablen Punktevorsprung. Meister wurden dann fast immer die Münchener, nur 2011 und 2012 kam der Titelträger aus Dortmund.

Als Grafite, Dzeko und Misimovic die Liga verzauberten

Die Saison 2008/09 ist die einzige, in der Bayern und Dortmund zu keinem der beiden für diesen Text relevanten Zeitpunkte an der Tabellenspitze standen. Nach sieben Runden führte der Hamburger SV, auch der spätere Meister kam aus dem Norden: der VfL Wolfsburg. Der Trainer hieß Felix Magath, und auf dem Platz zauberten Grafite, Edin Dzeko und Zvjezdan Misimovic. Lang ist's her.

Erinnerungen an die Mainzer "Bruchweg-Boys"

Zwei Jahre später führte im Herbst überraschend Mainz 05 die Tabelle an, drei Punkte hatten die damals noch von Thomas Tuchel trainierten 05er Vorsprung auf den BVB auf Platz zwei. Und weil Adam Szalai, André Schürrle und Lewis Holtby so frech und gleichzeitig erfolgreich auftraten, war schnell von der erstaunlichen Entwicklung der "Bruchweg-Boys" die Rede. Am Ende wurde Mainz immerhin Fünfter und qualifizierte sich für die Europa League.

Dortmund hofft auf Wiederholung der Saison 2011/2012

Auch heute wäre es eine große Überraschung, wenn Freiburg, Wolfsburg und Gladbach die aktuelle Platzierung halten könnten. Doch wenn sie die Spannung in der Bundesliga noch einige Zeit aufrechterhalten würden, hätten sie dem Sport schon einen Gefallen getan. In München wird man das nicht so gerne lesen, auch in Dortmund haben sie andere Ziele.

Ein Gutes hat die aktuelle Situation dann aber doch noch, zumindest für den BVB: Als die Gladbacher vor acht Jahren zuletzt Tabellenführer waren, mussten sie diese Position schon eine Woche später an die Bayern abgeben. Den Titel jedoch holten neun Monate später die Dortmunder, trainiert noch von Jürgen Klopp.

Stand: 07.10.2019, 13:56

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