Transfers - Das Gebot der Sparsamkeit

Werder Bremens Sportchef Frank Baumann

Ende der Transferperiode

Transfers - Das Gebot der Sparsamkeit

Von Frank Hellmann

Die Corona-Krise hat mit voller Wucht auf die Transferbilanz durchgeschlagen. Die Bundesliga hat diesen Sommer tatsächlich mehr Geld beim Verkauf von Spielern eingenommen als für den Kauf ausgegeben. Inzwischen haben die Finanzvorstände und -experten in den Klubs nämlich einiges zu sagen.

Einen Vorgeschmack auf die Herausforderungen dieser gerade beendeten Transferperiode lieferte Klaus Filbry bereits am 10. Juli dieses Jahres. An jenem Freitag traten die Bosse des SV Werder Bremen vor die Presse, um nach dem erst in der Relegation erzitterten Klassenerhalt eine "offene, ehrliche und selbstkritische Analyse vorzunehmen", wie der Vorsitzende der Geschäftsführung sagte. Dabei redete der gebürtige Münsteraner schnell Klartext, als es um die Zukunftsfragen für den sportlich wie wirtschaftlich angeschlagenen Bundesligisten ging.

Das Fußballgeschäft werde sich nachhaltig verändern und stelle den Verein vor gewaltige Herausforderungen, sagte der 53-Jährige. Mindereinnahmen von 30 Millionen Euro, resultierend aus den Einbußen beim Sponsoring, Spielbetrieb, Ticketing und den Medienerlösen, kämen auf die Norddeutschen zu. Was der für die Finanzen zuständige Vorstandsvorsitzende ausdrückte: Die Sparzwänge würden alle Aktivitäten bei den Grün-Weißen bestimmen.

Werder Bremen leidet unter der Pandemie besonders

Und wenn es noch eines Beweises bedurfte, lieferten ihn die Bremer am Deadline-Day (05.10.2020). Geschäftsführer Frank Baumann sprach am Montagabend im Grunde  mit anderen Worten aus, was Kollege Filbry ein Vierteljahr vorher gesagt hatte: "Ich glaube, es wird immer noch stark unterschätzt, dass wir nach wie vor unter den Auswirkungen der Pandemie leiden. Wir müssen hohe Einnahmen erzielen und in allen Bereichen Einsparungen vornehmen."

Zwar ging Davy Klaasen am Montag für elf Millionen Euro Basisablöse zurück zu Ajax Amsterdam, doch um Ersatz bemühte sich Baumann erst gar nicht. Verhandlungen wegen Marko Grujic vom FC Liverpool gab es nicht - es habe nicht einmal einen Ansatzpunkt gegeben, dass solch ein Transfer realistisch sei.

Die Posse um Milot Rahica

Hatte Trainer Florian Kohfeldt, der am Montag seinen 38. Geburtstag feierte, noch am vergangenen Wochenende geunkt, "Deadline-Day-Frank" würde wie einst mit Serge Gnabry noch eine Überraschung in letzter Minute aus dem Hut zaubern, herrschte diesmal Funkstille. Durch den Weggang des Leistungsträgers und Topverdieners Klaassen habe Werder nun einen Sommer erlebt, "in dem wir so viel ausgegeben wie eingenommen haben", erklärte Baumann, der sich die Kaufverpflichtungen für Ömer Toprak und Leonardo Bittencourt in zweistelliger Millionenhöhe vor der Corona-Zeit selbst ans Bein gebunden hatte

Unterm Strich verlief die Transferperiode aus Sicht des Fast-Absteigers Werder ernüchternd. Baumann: "Es reicht überhaupt nicht, um die Auswirkungen der Pandemie abzudecken." Eigentlich wollten die Bremer auch noch Milot Rashica, ihren hoffnungsvollsten Akteur verkaufen, doch weder erst mit RB Leipzig, dann mit Bayer Leverkusen kam es in letzter Minute zu einer Einigung. Der Werksklub wollte den Kosovaren nur ausleihen, spekulierte auf ein Schnäppchen. Über die Kaufoption kam keine Einigung zustande, so dass der bislang noch nicht eingesetzte 24-Jährige vorerst an der Weser bleibt - bis im Winter das nächste Transferfenster aufgeht.

Mainz ist eigentlich auf Transfereinnahmen angewiesen

Bremen ist das beste Beispiel, wie sehr das Spardiktat das Handeln bestimmte - und wie viel Macht die Finanzfachleute auf der Ebene der Entscheider besitzen. Beim 1. FSV Mainz 05 hatte der früher bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) beschäftigte Finanzvorstand Jan Lehmann sehr früh klargemacht, wie existenzbedrohend die Pandemie für einen Klub ist, der zuletzt stetig schwarze Zahlen schrieb, weil ordentlich Ablösesummen in die Bilanz flossen.

Versiegt diese Quelle plötzlich, hat der Klub ein Problem. Die Rheinhessen einigten sich mit allen Angestellten auf einen Gehaltsverzicht, dann ging allerdings in der Kommunikation mit den Profis über die Nicht-Rückzahlung gestundeter Gehälter so viel schief, dass es am Bruchweg zu einem schon jetzt historischen Trainingsstreik kam, der auch Sportvorstand Rouven Schröder schwer beschädigt hat.

Schalke mit voller Breitseite getroffen

Mit voller Breitseite hat die Krise auch den FC Schalke 04 getroffen, der bekanntlich eine NRW-Landesbürgschaft in Anspruch nahm, um nicht insolvent zu gehen. Der Klub steuerte zuletzt so tief in die roten Zahlen, dass der langjährige Geschäftsführer Peter Peters seinen Job verlor, dafür setzte der Aufsichtsrat  Christina Rühl-Hamers zum 1. Oktober als Vorständin Finanzen, Personal und Recht ein, die sich aus einer dreistelligen Bewerberzahl durchsetzte.

Am letzten Tag der Transferperiode bekamen die "Königsblauen" immerhin noch Großverdiener Sebastian Rudy von der Gehaltsliste, der sich wieder zur TSG Hoffenheim ausleihen ließ und angeblich auf eine Million Euro Gehalt (von sechs Millionen) verzichtet. Die finanziellen Nöte auf Schalke sind gewaltig: Kein Cent floss in Ablösesummen. Am Montag kam Rechtsverteidiger Kilian Ludewig aus Salzburg auch nur auf Leihbasis.

Frankfurt macht Tauschgeschäfte

Findig zeigte sich Eintracht Frankfurt. Sportvorstand Fredi Bobic, der einen engen Austausch mit den Vorstandskollegen Axel Hellmann (Marketing) und Oliver Frankenbach (Finanzen) pflegt, erkannte früh die Notwendigkeit, sich den durch das Virus verursachten Gegebenheiten anzupassen. Frankenbach hatte im Sommer öffentlich gemacht, dass sich der Umsatz der Eintracht im schlimmsten Falle von 300 Millionen Euro aus 2019 halbieren werde.

Bobic ließ sich auf Tauschgeschäfte als Nullsummenspiele ein: Mijat Gacinovic ging nach Hoffenheim, im Gegenzug kam von der TSG dafür Steven Zuber. Torwart Frederik Rönnow wechselte nach Gelsenkirchen, im Gegenzug heuerte Markus Schubert als Ersatzkeeper bei der Eintracht an. Besonders geschickt wirkte der am vergangenen Samstag vermeldete Deal: die zweijährige Leihe von Amin Younes, immerhin fünffache Nationalspieler, ohne jede Gebühr vom SSC Neapel.

Auch über solch verschlungene Wege hat es die Bundesliga geschafft, dass 232 Spieler kamen, während 229 gingen. Die Einnahmen (324,9 Millionen Euro) übersteigen dabei leicht die Ausgaben (321,4 Millionen). Wie sehr auf das Gleichgewicht geachtet wurde, verdeutlicht das Beispiel 1. FC Köln: Erst als mit Jhon Cordoba (für 15 Millionen Euro zu Hertha BSC) ein prominenter Akteur ging, konnten nacheinander die Neuverpflichtungen Sebastian Andersson (Union Berlin), Ondrej Duda (Hertha), Dimitrios Limnios (PAOK Saloniki) oder Marius Wolf (Borussia Dortmund) geholt werden. Aber alle vergleichsweise spät.

England gibt weiterhin im großen Stil aus

Wie sehr die Pandemie eine wichtige Umsatzgröße abschmilzt, zeigt der Blick in den Wirtschaftsreport der Deutschen Fußball Liga. In der Saison 2018/2019 trugen die Erlöse aus Transfers (Sommer und Winter) mit 675,1 Millionen Euro (16,8 Prozent) zum Bundesliga-Umsatzrekord von vier Milliarden Euro bei. Die Transfererträge waren auf einem Höchstwert angekommen. Nun schrumpften diese Erlöse auf fast die Hälfte zusammen. Das Gute: In der Vorsaison leistete sich die Bundesliga laut "transfermarkt.de" ein Minus von 172,6 Millionen Euro in der Sommertransferperiode: Einnahmen von 574,3 Millionen Euro standen üppige Ausgaben von 747 Millionen Euro gegenüber.

Dass es diesmal ein Plus gab, ist allerdings nicht neu: In der Spielzeit 2018/2019 holten die 18 Erstligisten in der Summe sieben Millionen Euro herein. Einfacher Grund: Damals zahlte der FC Bayern keine Ablösen für neue Spieler, zudem ging die Premier League auf Einkaufstour in Deutschland, lockte Naby Keita (von RB Leipzig zum FC Liverpool), Bernd Leno (Bayer Leverkusen zum FC Arsenal) oder Sokratis (Borussia Dortmund zum FC Arsenal). Die Premier League hält - Corona hin oder her - vom Sparen übrigens nicht so viel wie die Bundesliga: Dort stehen Transfereinnahmen von 450,9 Millionen Euro bisher sagenhafte Ausgaben von 1,4 Milliarden Euro gegenüber. Und auf der Insel sind sogar noch weitere Wechsel zwischen den englischen Profiligen erlaubt.

Stand: 06.10.2020, 12:06

Bundesliga | Tabelle

RangTeamSP
1.RB Leipzig513
2.Bayern München512
3.Bor. Dortmund512
4.Bayer Leverkusen59
5.VfB Stuttgart58
 ...  
16.1. FC Köln52
17.FC Schalke 0451
18.1. FSV Mainz 0550
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