Video-Assistent im Revierderby - Rätsel um die "fehlende Wahrnehmung"

Felix Zwayer im Spiel Borussia Dortmund gegen Schalke 04

Bundesliga

Video-Assistent im Revierderby - Rätsel um die "fehlende Wahrnehmung"

Von Chaled Nahar

Viele Fans standen beim Revier-Derby vor einem Rätsel, als es in Dortmund den Handelfmeter für Schalke 04 gab. Neben dem "klaren, offensichtlichen Fehler" gibt es beim Video-Assistenten mit der "fehlenden Wahrnehmung" eine weitere Ebene - von der aber längst nicht jeder weiß. Auch der DFB räumt ein: Der Video-Assistent ist an dieser Stelle schlecht erklärt worden.

Es gab kaum Proteste, das Spiel lief normal im Mittelfeld, als Schiedsrichter Felix Zwayer im Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 den Bildschirm in die Luft deutete. "Warum?", dürfte die erste Frage im Stadion und auf vielen Sofas gewesen sein, "und warum erst jetzt?"

"Falsche Wahrnehmung" und "Fehlende Wahrnehmung"

Damit der Video-Assistent im Fußball eingreifen darf, muss eine "klare, offensichtliche Fehlentscheidung" vorliegen. Und zwar in diesen vier Situationen:

  • Tore
  • Strafstöße
  • Rot-würdige Vergehen
  • Spielerverwechslungen bei Karten

So wurde es stets von Verbänden und Schiedsrichtern kommuniziert, so haben es viele Fans verinnerlicht. Was bei Dortmund gegen Schalke passierte, war jedoch keine Fehlentscheidung - es war gar keine Entscheidung. Und da lag der Grund für den Eingriff von Video-Assistent Guido Winkmann. Denn wenn ein Schiedsrichter einen wichtigen Vorgang beispielsweise wegen seines Stellungsspiels nicht sieht, soll der Video-Assistent ebenfalls eingreifen. Und Zwayer hatte Julian Weigls Handspiel offensichtlich nicht gesehen.

Neben der "falschen Wahrnehmung" ("klarer offensichtlicher Fehler") kann also auch eine "fehlende Wahrnehmung" einen Eingriff in den vier genannten Situationen rechtfertigen. Und die macht es kompliziert, weil das längst nicht alle Fans und Aktiven wissen. Da beim Spiel in Dortmund fast keine Proteste aufkamen, war die Verwunderung über Zwayers Gang zum Monitor groß. Erst recht, weil die Prüfung der Bilder beim Video-Assistenten in Köln natürlich Zeit brauchte und die Zuschauer lange im Ungewissen waren.

DFB räumt Nachholbedarf bei der Erklärung ein

Jochen Drees, Projekleiter Video-Assistent im DFB, hat das Problem erkannt. Er räumte bereits bei einem Termin Anfang März im Gespräch mit sportschau.de ein, dass die "fehlende Wahrnehmung" nicht ausreichend kommuniziert worden sei. "Da haben wir noch ein bisschen Nachholbedarf", sagt Drees. Denn die Sache kann in großem Unverständnis enden.

Drees: "Video-Assistent? Wir müssen mehr informieren und erklären" Sportschau 10.03.2019 05:41 Min. Verfügbar bis 10.03.2020 Das Erste

Ein Beispiel: Es gibt zwei ähnliche Situationen. In der ersten sieht der Schiedsrichter den Vorfall, bewertet ihn und begeht dabei keinen "klaren, offensichtlichen Fehler" - der Video-Assistent greift in diesem Fall nicht ein. In der zweiten Situation ist dem Schiedsrichter die Sicht versperrt. Da er es gar nicht gesehen hat, ist die Überprüfung am Bildschirm nach der "fehlenden Wahrnehmung" aber die einzige Möglichkeit, überhaupt einen Eindruck von der Situation zu bekommen - der Video-Assistent greift ein. Und wenn sich der Schiedsrichter im zweiten Fall dann anders entscheidet als beim ersten, ist das Unverständnis groß.

Die Frage lautet, wie es die Verbände deutlicher machen können, dass es zwei identisch erscheinende Szenen geben kann, "aber es dabei zu einem unterschiedlichen Ergebnis hinsichtlich des Video-Assistenten kommen kann", sagt Drees. "Eine Patentlösung habe ich auch noch nicht."

Schiedsrichter-Experte: "Fehlende Wahrnehmung" kann verwirrend sein

Dabei hat die "fehlende Wahrnehmung" schon oft eine Rolle gespielt. Der prominenteste Eingriff auf dieser Grundlage dürfte der von Ivan Perisic verursachte Handelfmeter im WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien sein. Schiedsrichter Nestor Pitana sah die Situation nicht und entschied auf Abstoß. Erst dann wurde er zum Monitor gerufen und entschied auf Strafstoß für Frankreich. Hätte er das Handspiel wahrgenommen und als nicht strafbar angesehen, wäre das Spiel weitergelaufen, da kein "klarer, offensichtlicher Fehler" vorgelegen hätte.

Alex Feuerherdt, der den Schiedsrichter-Podcast "Collinas Erben" betreibt, hält den Begriff der "fehlenden Wahrnehmung" für teilweise verwirrend. Er schlägt deshalb eine grundsätzlich andere Vorgehensweise vor. "Der Video-Assistent sollte unabhängig von der Wahrnehmung des Schiedsrichters eingreifen. Er sollte ausschließlich prüfen: Ist die Entscheidung irgendwie vertretbar? Nur, wenn sie das nicht ist, sollte er dem Schiedsrichter eine Ansicht der Bilder empfehlen." Eine solche Änderung sei jedoch unrealistisch - die Regelhüter vom IFAB müssten sie vornehmen.

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"In zwei, drei Jahren haben wir hoffentlich einen Großteil mitgenommen"

Drees, der Projekleiter Video-Assistent, stellt solche Forderungen nicht. Am Protokoll des Video-Assistenten wolle er nichts ändern, sagt er. "Im Grundsatz bin ich zufrieden, so wie es ist. Wir müssen nur das, was da geschrieben steht, nach außen viel deutlicher transparent machen."

Das komplexe System des Video-Assistenten bleibt bislang aber für viele Fans schwer verständlich. "Optimistisch gesehen sind wir in zwei, drei Jahren soweit, dass wir einen Großteil der Leute mitgenommen haben", sagt Drees. Beim Spiel in Dortmund waren wohl noch nicht so viele dabei.

Stand: 27.04.2019, 21:29

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