Wintertransfers - die Krise verändert den Markt

Martin Schmidt, Sportdirektor in Mainz (l.), Frankfurts Luka Jovic und Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic (r.)

Bilanz nach der Transferperiode II

Wintertransfers - die Krise verändert den Markt

Von Frank Hellmann

Die Corona-Krise hatte den Transfermarkt lange weitgehend lahmgelegt. Am Ende war dann noch einiges los. Der Blick auf drei Klubs zeigt, dass Leihgeschäfte gerade ein interessantes Mittel für Kaderkorrekturen sind.

Fredi Bobic hat sein Geschick auf dem Transfermarkt oft genug mit Geduld gepaart. Erst am letzten Tag der Wechselfrist zuzuschlagen, das hatte beim Baumeister von Eintracht Frankfurt früher fast Methode. Kevin Trapp, Martin Hinteregger oder einst auch Marius Wolf verpflichtete der Sportvorstand des hessischen Bundesligisten allesamt kurz vor Ende eines Transferfensters.

Viel weniger Geld im Umlauf

Doch am Montag (01.02.2021) hat sich der Sportvorstand des aktuellen Tabellenvierten fast schon entspannt zurückgelehnt. Zwar vermeldete die Eintracht den perspektivisch angelegten Wechsel des türkischen Toptalents Ali Akmen, doch der laut Bobic europaweit begehrte 18-Jährige kommt erst im Sommer nach Frankfurt, um sich für vier Jahre zu binden. Ein Last-Minute-Deal kam nicht zustande – war aber auch gar nicht beabsichtigt.

Das Corona-Virus hat auch den Transfermarkt in erheblichem Umfang infiziert. Die globalen Einbußen treffen auch die prosperierende Fußball-Branche, die sich von ihrem scheinbar unaufhaltsamen Wachstumskurs verabschieden muss. Und das ist jetzt in der Transferbilanz abzulesen, die sich trotz der finalen Aktivitäten wie ein Gebot neuer Bescheidenheit liest.

Statt kostspieliger Transfers prägen kostengünstige Leihgeschäfte das Bild. "Es ist so, dass die Vereine ganz genau draufschauen, weil sie nicht wissen, wie lange die Pandemie uns noch im Würgegriff hat", sagte Bobic: "Es ist sehr wenig Geld im Umlauf, das spürt man einfach auch. Es gibt viele Leihgeschäfte, gefühlte Tauschgeschäfte manchmal sogar."

Transfereinbußen von bis zu 350 Millionen Euro

Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga, prognostizierte bereits vor dem Jahreswechsel für die Bundesliga Einbußen auf dem Transfermarkt zwischen 250 und 350 Millionen Euro. Völlig utopisch, dass die Bundesliga noch einmal auf die 675 Millionen an Transfereinnahmen aus der Saison 2018/2019 kommt. Nun las sich die Bilanz dieses Winters so: Lediglich 8,3 Millionen Euro an Einnahmen standen weniger als 50 Millionen an Ausgaben gegenüber (Quelle: Transfermarkt.de).

Damit investierte die Liga so wenig wie seit der Saison 2013/14 nicht mehr. In den vergangenen Jahren gehörte es fast schon zum guten Ton, auch in der deutlich kürzeren Transferperiode II noch einmal den Kader aufzumotzen - oder Verpflichtungen vielleicht vorzuziehen. Im Winter der Vorsaison pumpten die 18 Klubs fast 200 Millionen Euro in Neuverpflichtungen, allein Hertha BSC gab unter Jürgen Klinsmann und dank Investor Lars Windhorst rund 77 Millionen aus.

Jochen Schneider tut auf Schalke, was er kann

Borussia Dortmund zahlte 20 Millionen, um Erling Haaland aus Salzburg in die Bundesliga zu holen, aber auch 1899 Hoffenheim (21 Millionen) oder Bayer Leverkusen (35 Millionen) nahmen viel Geld in die Hand. Jetzt gibt es mit dem talentierten Ungarn Dominik Szoboszlai, der für rund 20 Millionen aus Salzburg zum Schwesterklub nach Leipzig wechselt, nur einen Profi dieser Preisklasse. 2021 dürfen große Namen nicht zu viel kosten.

Ungewöhnlich lange zog sich denn auch die Bestätigung des Top-Transfers dieses Winters hin, bis Sami Khedira seinen Wechsel zu Hertha BSC bestätigte. Der Weltmeister, obwohl ohne jede Spielpraxis bei Juventus Turin, bringt die meiste Strahlkraft in die Liga. Und wenn sein Gehalt wirklich nur zwei Millionen Euro beträgt, ist auch das finanzielle Risiko überschaubar.

Sami Khedira

Wechselt zu Hertha BSC: Sami Khedira

"Mit Sami Khedira bekommen wir einen Topspieler, der in den vergangenen Jahren bei europäischen Spitzenklubs unter Vertrag stand und uns mit seiner Erfahrung aus seinen Spielen in der Champions League, Serie A, La Liga und auch mit der Nationalmannschaft bei Welt- und Europameisterschaften sofort weiterhelfen wird", sagte Sportdirektor Arne Friedrich. Abwarten, ob die Meriten der Vergangenheit dem auf Selbstfindungssuche befindlichen Hauptstadtklub sofort helfen.

Auch Schalke 04 setzt im Kampf um den Klassenerhalt auf die namhaften Helden besserer Tage. Nach Sead Kolasinac (FC Arsenal) kehrte auch Torjäger Klaas-Jan Huntelaar (Ajax Amsterdam) zurück, dazu kam auf Leihbasis noch Rechtsverteidiger William (VfL Wolfsburg). Die schwindsüchtige Kasse der "Königsblauen" erlaubte nicht mehr Korrekturen, die dem Kader vielleicht gutgetan hätten. "Alles tun, wozu wir in der Lage sind", hatte Sportvorstand Jochen Schneider versprochen.

Am letzten Tag der Wintertransferperiode tat sich auf Schalke tatsächlich dann noch was: Die Gelsenkirchener gaben Innenverteidiger Ozan Kabak an den FC Liverpool ab und holten Shkodran Mustafi vom FC Arsenal als Ersatz. "Diese Wechsel muss man aus zwei Perspektiven betrachten: Wirtschaftlich ergibt der Transfer von Ozan Kabak für Schalke 04 extrem viel Sinn, gerade mit Blick auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie", teilte Schneider mit. "Darüber hinaus sind wir davon überzeugt, dass wir mit Shkodran Mustafi einen sehr guten Innenverteidiger verpflichten konnten, der die sportliche Lücke, die Ozan unzweifelhaft hinterlässt, füllen wird." Doch es ist typisch, dass richtig Geld für Kabak erst im Sommer fließen soll. Zu groß ist allerorten der Sparzwang.

Überragender Corona-Januar für Fredi Bobic

"Es gab schon einen Einbruch von knapp 60 Prozent während der Transferperiode im vergangenen Sommer, was erschreckend war", erklärt Frankfurts Sportvorstand Bobic. Mit einem Mal sei durch die Pandemie im vergangen Jahr ein Eigenkapital von 60 Millionen Euro weg gewesen. Notgedrungen habe das ein Umdenken bei den Profiklubs bewirkt, was Spielerverpflichtungen und Personalkosten angeht. Das gilt auch für die Eintracht - und doch hat sich kaum ein Klub so umfassend an die Korrekturen gemacht.

Die derzeit auf einem Champions-League-Rang gelisteten Hessen haben mit den Leihgeschäften von Dominik Kohr und Danny da Costa (beide zum FSV Mainz), dem Abgang von David Abraham (aus privaten Gründen nach Argentinien) und dem Verkauf von Mittelstürmer Bas Dost (für vier Millionen Euro zum FC Brügge) ihren Gehaltsetat um fast fünf Millionen entlastet. Bobic spricht von einem "überragenden Corona-Januar".

Das Paket für den im Gegenzug leihweise zurückgekehrten Luka Jovic soll nämlich bei weniger als 1,5 Millionen Euro liegen, versichert der Frankfurter Macher: "Wir haben zum richtigen Zeitpunkt mit dem Spieler und Real Madrid eine Konstellation gefunden, die eine Win-Win-Situation ergibt."

Neue Erfahrungen für Martin Schmidt

Erstmals in der Verantwortung agierte Martin Schmidt als neuer Sportdirektor des 1. FSV Mainz 05 auf dem Transfermarkt. "Bis zur letzten Stunde des Deadline Days muss man wach bleiben. Es kommen immer wieder Telefonate oder Abfragen in alle Richtungen", plauderte der Schweizer aus seinem neuen Alltag. Jeden Tag seien ihm viele Spieler angeboten worden, sagt Schmidt, und nicht immer hätten die zu den Zielen des Klubs gepasst. "Manche werden zum Scouting abgeschoben, manche sehen wir aber auch überhaupt nicht bei uns, weil wir ein klares Profil haben, was zu uns passt. Nach mehr als einem Monat ist man tief drin in der Arbeit als Sportchef - und das macht auch viel Spaß."

Martin Schmidt, Sportdirektor von Mainz 05

Martin Schmidt, neuer Sportdirektor des FSV Mainz 05.

Der Hauptinhalt seines Jobs, sagte Schmidt gegenüber der Sportschau, sei der Austausch mit den Beratern. "Manchmal treffe ich mich allein mit ihnen, manchmal ist Christian (Heidel, Vorstand Sport, Strategie und Kommunikation, Anm. d. Red.) dabei. Das ist ein gutes Teamwork. Es geht meist derjenige von uns an den Spieler oder Berater heran, der einen besseren Bezug hat." Letztlich laufe vieles auf die wirtschaftliche Frage hinaus.

Auffällig ist, dass gerade für jüngere Spieler die Perspektive wegbricht. Weil die Bundesligisten ihre Ladenhüter nicht losbekommen, die Kader oft zu groß sind, fehlen Plätze für die Nachrücker. Die Blockade des Transfermarktes geht damit auch zu Lasten der Nachwuchsförderung.

Qualität nur mit Leihgeschäften zu bekommen

Selbst ein Ausbildungsverein wie Mainz, wo eigentlich auf große Durchlässigkeit vom eigenen Nachwuchsleistungszentrum zu den Profis großen Wert gelegt wird, ist wegen der sportlichen und wirtschaftlichen Zwänge zum Umdenken gezwungen, erklärt Schmidt: "Es hätte ja keinen Sinn, dass wir einen jungen Spieler holen, der Potenzial hat, aber noch ein halbes Jahr braucht, bis er hier dran ist. Für Direkthilfe braucht es Qualität, die recht hoch ist. Tendenziell sind solche Spieler bei einem größeren Verein und zu unserem Glück vielleicht nur Backup. Weil solche Spieler mit der Reputation sonst nur schwierig für einen Verein wie Mainz zu kaufen sind, ist die Leihe ein probates Mittel. Nur gute Qualität hilft uns weiter."

Das glauben die 05er nicht nur mit Da Costa und Kohr gefunden zu haben – am Montag vermeldeten die Mainzer auch noch einen Ersatz für Jean-Philippe Mateta, denn ihren besten Torjäger hatte der Tabellenvorletzte zuvor für die stolze Leihgebühr von 3,5 Millionen Euro zu Crystal Palace ziehen lassen. In seine Fußstapfen soll Robert Glatzel treten, der zuletzt bei Cardiff City in der zweiten englischen Liga spielte. Der in München geborene Angreifer, zwei Spielzeiten beim Zweitligisten 1. FC Heidenheim überaus treffsicher, kommt an den Bruchweg. Auf Leihbasis, natürlich. Anders geht es in Corona-Zeiten nicht.

Stand: 01.02.2021, 22:00

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