Die 100-Tages-Bilanz der neuen Bundesliga-Trainer

Die Bundesliga-Novizen: Marco Rose, David Wagner, Achim Beierlorzer, Alfred Schreuder (oben von links) sowie Oliver Glasner, Ante Covic, Steffen Baumgart und Urs Fischer (unten von links)

sportschau.de zieht ein Zwischenfazit

Die 100-Tages-Bilanz der neuen Bundesliga-Trainer

Von Christian Hornung

Nach sieben Spieltagen in Österreich stand vergangene Saison Marco Rose (Salzburg) vor Oliver Glasner (Linz) - so ist es jetzt auch in der Bundesliga: Die zwei Neuen stehen an der Tabellenspitze. Aber auch die Abstiegsplätze sind fest in der Hand von Erstliga-Novizen. sportschau.de zieht eine 100-Tages-Bilanz der acht Bundesliga-Novizen auf der Trainerbank. Was wurde versprochen, was wurde gehalten?

Marco Rose (Borussia Mönchengladbach)

Dass Rose mit seinen Gladbachern nach sieben Spielen spitze ist, hat er ganz sicher nicht versprochen - wohl aber Dinge wie "Gier, Emotionalität und Aktivität gegen den Ball." Dazu war sein Hauptziel, die Borussen in Bewegung zu bringen, sie laufen zu lassen - und das tun sie. Platz 18 in der Sprint-Tabelle ist Geschichte, vor allem zuletzt beim 5:1 gegen Augsburg konnte man eine Halbzeit lang den echten Rose-Stil sehen: hohes Pressen, sofortiges Umschalten, konsequente Läufe in die Tiefe, viele Spieler vorm gegnerischen Tor, schnelle Abschlüsse. Als Gladbach-Fan darf man sich gar nicht ausmalen, wo das noch hinführen soll, wenn die "Fohlen" solche Leistungen plötzlich konstant abrufen - das haben sie bisher trotz 16 Punkten nämlich nicht getan.

Rose: "Meine Spielidee basiert auf Emotionalität" Sportschau 07.10.2019 00:43 Min. Verfügbar bis 07.10.2020 Das Erste

Oliver Glasner (VfL Wolfsburg)

Die Spielidee von Oliver Glasner, die er vergangene Saison beim Linzer ASK in Österreich vorführte, hat er ähnlich wie Rose beschrieben: "Sehr aktiv", wolle man sein. "Wenn wir den Ball haben, wollen wir ihn schnell vors Tor bringen. Wenn nicht, wollen wir ihn möglichst schnell zurückerobern." Bisher darf man sagen: Hut ab! Die "Wölfe" insgesamt sind engagiert, bissig, ein unangenehmer Gegner. Spieler wie Josip Brekalo und Renato Steffen hat Glasner eindeutig besser gemacht, Wolfsburg ist keineswegs nur Wout Weghorst. Vor knapp drei Wochen nach drei Remis in Serie monierte der Coach noch: "Wir treten auf der Stelle. Mir geht die Entwicklung zu langsam, ich will mehr Konsequenz und mehr Verantwortung für die Situationen sehen." Wurde prompt umgesetzt. Glasner jetzt: "Wir sind ungeschlagen, die Jungs ziehen mit - ich bin sehr zufrieden."

Glasner: "Wir wollen für einen aktiven Spielstil stehen" Sportschau 07.10.2019 00:17 Min. Verfügbar bis 07.10.2020 Das Erste

David Wagner (FC Schalke 04)

Ralf Rangnick und Jürgen Klopp haben David Wagner beeindruckt und beeinflusst, das hat er bei seiner Antrittsrede betont. Und gesagt: "Das sind Leute, die das spannend finden, was ich selbst auch spannend finde." Heißt: leidenschaftlichen, mitreißenden Fußball, alle Mann in Bewegung, den Gegner stressen - so sollte "Königsblau" auftreten. Und in der Tat: Es ist im Gegensatz zur Vorsaison keine Strafe mehr, Schalke zu gucken. Dass die Punktausbeute stimmt, ist das eine. Aber auch optisch ist vieles besser geworden - nicht immer, aber öfter. Allein für die Tatsache, dass Wagner es geschafft hat, Amine Harit ins Gefüge einzubinden und ihm die Lust auf geniale Momente zu entlocken, müssen ihm die S04-Fans sehr dankbar sein. Wenn jetzt auch noch Guido Burgstaller das Tor trifft, wird die 200-Tages-Bilanz gigantisch ausfallen.

Wagner: "Dass dich solche Leute beeinflussen, macht es natürlich extrem spannend" Sportschau 07.10.2019 00:31 Min. Verfügbar bis 07.10.2020 Das Erste

Ante Covic (Hertha BSC)

Hertha unter Pal Dardai war zumeist 4-2-3-1. Ante Covic trat an, um sein Team mehr zu fordern, er wollte Flexibilität und die Fähigkeit, auch 4-3-3-, 3-5-2- und 4-4-2 zu beherrschen. Covic: "Es geht darum, dass wir die Schwächen des Gegners besser ausnutzen können. Dazu braucht es taktische Flexibilität." Doch in der Startphase der Saison wirkten seine Spieler überfordert. Nach dem 2:2 in München gab es drei bittere Pleiten. Covic musste sich bereits öffentlich die Frage stellen lassen: "Kann der das?" Zumindest kann er gewinnen: Paderborn, Köln und Düsseldorf waren die richtigen Gegner zur richtigen Zeit. Es gibt positive Ansätze: Einem Javairô Dilrosun bei der Arbeit zuzusehen, macht richtig Spaß. Im Tabellenmittelfeld hat Covic nun etwas mehr Ruhe, seine Fußballidee zu vermitteln. Noch ist die nicht bei allen angekommen, weder auf dem Platz, noch außerhalb.

Alfred Schreuder (TSG 1899 Hoffenheim)

"Eine Ergebnisvorgabe gibt es nicht. Aber der Verein würde gerne sehen, dass wir mutigen und offensiven Fußball spielen. Dann gehen auch die Zuschauer zufrieden nach Hause." Das sagte Alfred Schreuder zu Saisonbeginn dem SWR. Ganz ehrlich: Davon war phasenweise überhaupt nichts zu sehen. Geradezu furchtbar war beispielsweise der Heimauftritt gegen Leverkusen, als Hoffenheim mit neun defensiv ausgerichteten Spielern ein 0:0 ermauerte - bei 0:19 Ecken. Das hatte mit dem von Julian Nagelsmann geprägten Begeisterungs-Fußball der vergangenen Jahre aber auch gar nichts mehr zu tun. Immerhin: Beim 1:1 in Wolfsburg und zuletzt beim 2:1 in München zeigte Schreuder, dass er zumindest auswärts Kompaktheit herstellen und diszipliniert spielen lassen kann. Der Spaß-Faktor kam in seinen ersten 100 Tagen aber unheimlich kurz.

Urs Fischer (1. FC Union Berlin)

"Eklig sein, ein hohes Laufpensum haben, um jeden Meter kämpfen, immer wieder Nadelstiche setzen und ins Umschaltspiel kommen." Mit dieser Vorstellung will Urs Fischer in der Bundesliga bestehen. Geradezu brillant haben die "Eisernen" das beim 3:1 gegen Borussia Dortmund umgesetzt, ansonsten aber ließen sie viel zu viele Punkte liegen. Ein großes Problem ist bislang die Chancenverwertung, in Partien wie gegen Augsburg, Bremen, Frankfurt und auch zuletzt in Wolfsburg war deutlich mehr möglich. Trotzdem: Union hat noch alle Chancen, sich unter dem stets ausgeglichenen und analytischen Fischer in der Bundesliga zu etablieren. Und neue Gesichter wie Marius Bülter sind absolut erfrischend.

Achim Beierlorzer (1. FC Köln)

Der neue FC-Trainer ist angetreten, um "sehr aktiven Fußball in allen Spielphasen" zu bieten, er wollte "dem Gegner keine Ruhe geben" und "lieber schnell vorne rein als dreimal hinten quer" zu spielen. Als mögliche "Waffe" bezeichnete er das Kölner Umschaltspiel. Davon hat der Tabellenvorletzte in den ersten 100 Tagen aber herzlich wenig umgesetzt. Statt Aktivität gab es beispielweise gegen Berlin beim 0:4 kollektive Arbeitsverweigerung mit einer historisch schlechten Laufleistung (104 Kilometer). Das sprach Beierlorzer aber dann auch offen und ehrlich an - und er bekam eine Reaktion: Beim 1:1 auf Schalke stand Köln endlich kompakt, arbeitete kollektiv gegen den Ball und war auch bemüht im Spiel nach vorne. Damit es aber mehr wird als eine Saison im Abstiegskampf, müsste Beierlorzer Spieler wie Rafael Czichos, Louis Schaub oder Jhon Cordoba noch deutlich voranbringen.

Beierlorzer: "Unser Umschaltmoment könnte eine Waffe werden" Sportschau 07.10.2019 00:53 Min. Verfügbar bis 07.10.2020 Das Erste

Steffen Baumgart (SC Paderborn)

Steffen Baumgart hat beim Aufstieg ein Versprechen abgegeben: "Von unserem Fußball werden wir nicht abgehen. Wir spielen mutig und offensiv - etwas anderes können und wollen wir gar nicht." Das waren keine Phrasen. Baumgart steht zu seinen Worten, seine Mannschaft lieferte spektakuläre Partien wie in Leverkusen (2:3) oder gegen Bayern (2:3). Spektakulär schlecht ist aber die Punktausbeute. Und mit Leistungen wie beim 1:5 gegen Schalke geht es auf direktem Weg zurück ins Unterhaus. Baumgart spricht Klartext: "Sieben Spiele, ein Punkt – da müssen wir nicht drum herumreden. Diese Bilanz ist Müll. Nur dabei zu sein, ist nicht unser Anspruch." Jetzt mit Mauerfußball anzufangen, hieße allerdings, die eigene DNA zu verraten. Und es wäre auch wenig erfolgversprechend. Unabdingbar ist allerdings, dass Baumgart seinen Spielern aufzeigt, wie sie die das defensive Umschalten hinbekommen und die zahlreichen Abwehrfehler abstellen. Sonst kann er in weiteren 100 Tagen schon mit der Zweitligaplanung beginnen.

Stand: 07.10.2019, 21:41

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