Coronavirus im Profifußball

Kurzfristiges Fanverbot im Stadion: Wann wird entschieden - und auf welcher Grundlage?

Chaled Nahar

In Köln und München sollten am Wochenende zunächst Fans zuschauen dürfen - dann wurde der Stadionbesuch von den Behörden untersagt. Der Ablauf wirft mehrere Fragen auf.

Karl-Heinz Rummenigge sieht Gesprächsbedarf. Vor dem Eröffnungsspiel der Bundesliga zwischen Bayern München und Schalke 04 sollten zunächst 7.500 Menschen ins Stadion kommen, dann wurde die Genehmigung wieder zurückgezogen - wegen steigender Coronazahlen. Man habe das natürlich akzeptiert, sagte Bayern Münchens Vorstandschef in der Talk-Sendung "Sky90". "Aber es gibt eine bisschen andere Interpretation von unserer Seite, was die Umsetzung des DFL-Hygienekonzepts angeht. Es gibt zwei Faktoren, die wir anders interpretieren", sagte Rummenigge.

Dabei geht es um die Sieben-Tage-Inzidenz, die berechnet, wie viele Neuinfektionen es innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner gegeben hat. Der Wert, ab dem keine Fans mehr ins Stadion kommen dürfen, liegt bei 35. Rummenigge bezog sich auf zwei Fragen, wie dieser Wert bei der Zulassung von Fans angewendet wird.

Frage 1: Welcher Tag soll für die Genehmigung entscheidend sein?

"Im DFL-Konzept heißt es ausdrücklich: Montag ist der Stichtag", sagte Rummenigge - und hat damit Recht. Im Hygienekonzept der DFL steht auf Seite 8, dass bei Spielen eines Wochenendes der Montag "als Zeitpunkt der Bestimmung des Pandemie-Levels" gilt. Mehr Bedeutung als das Konzept hat zunächst aber der Beschluss der 16 Staatskanzleien vom 15. September. Die Politik hatte an diesem Tag die Wiederzulassung von Fans beschlossen. Das Dokument bezieht sich zwar ebenfalls auf die Sieben-Tage-Inzidenz, nennt aber keinen Stichtag. Und die schlussendliche Entscheidung liegt ohnehin weiter bei den Gesundheitsämtern vor Ort - was auch das DFL-Konzept ausdrücklich einräumt.

Den Zeitpunkt einer solchen Entscheidung im Vorfeld eines Spiels zu kennen, wäre organisatorisch allerdings praktisch. Alexander Wehrle ist DFL-Präsidumsmitglied und Geschäftsführer beim 1. FC Köln. Sein Klub rechnete zunächst ebenfalls mit der Zulassung von Fans, 9.200 sollten anreisen. Essen, spezielle Einlasskontrollen, Personal - alles war vorbereitet. Die Stadt Köln veröffentlichte ihre Entscheidung am Freitagabend um 21 Uhr, da waren wohl erst alle notwendigen Zahlen beisammen. Für den Klub und anreisende Fans ist das natürlich sehr kurzfristig. "Wir müssen die Prozesse hinterfragen", sagte Wehrle bei "Sky". "Wir brauchen Planungssicherheit." In Köln ärgerte sich auch Regionalligist Fortuna über eine noch spätere gleichlautende Mitteilung.

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Frage 2: Welches Gebiet wird für die Zahlen herangezogen?

Zu klären ist in einem zweiten Diskussionspunkt, was genau "ein Bundesliga-Standort" sein soll. "Die Stadt München interpretiert den Standort exklusiv als Standort München", klagte Rummenigge. Was er meinte: In den DFL-Papieren wird die Berechnung der Sieben-Tage-Inzidenz räumlich weit gefasst: Nicht nur der Landkreis des jeweiligen Klubs, sondern auch alle angrenzenden Landkreise sollen dem Konzept nach in die Berechnung einfließen. Dieser Rechenweg führt in vielen Fällen zu kleineren Zahlen. Doch sowohl bei der Behörde in München als auch bei der in Köln rechnete man anders, bezog sich allein auf die Zahlen der jeweiligen Stadt und verhängte die Geisterspiele.

Kölns Wehrle argumentiert in eine ähnliche Richtung wie Rummenigge: "Man muss überlegen, ob der Wert nur für Köln gilt oder auch für die umliegenden Kreise. Unsere Dauerkartenkunden kommen nicht nur aus Köln." Die DFL hatte am Dienstag vor dem Spieltag eine Liste mit offenbar unter Einbeziehung der Nachbarkreise erstellten Werten für jeden Spielort des Wochenendes veröffentlicht. Bis auf Zweitligist Würzburg waren alle bei einem Wert, der dem Konzept zufolge die Anwesenheit von Fans im Stadion vertretbar machen würde.

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Sind diese beiden Themen überhaupt im Sinne der Klubs zu klären?

Bei beiden Fragen bleiben die Gesundheitsämter in einer misslichen Lage: Schließen sie die Stadiontore für die Fans, sind sie die Spielverderber. Lassen sie die Menschen hinein und später erweist sich ein solches Spiel oder dessen Umfeld wie die An- und Abreise als Herd einer Verbreitung des Coronavirus, haben sie eine fatale Entscheidung zum gesundheitlichen Nachteil vieler Menschen getroffen - was die wohl eindeutig schlechtere Option ist.

Warum also sollten die Ämter am Montag zugunsten einer vermeintlichen Planungssicherheit eine Entscheidung treffen? Wenn die Zahlen erst am Freitagabend gegen ein Spiel vor Zuschauern sprechen, müssen sich die Ämter jederzeit auch am Freitagabend dagegen entscheiden können. Die Einberechnung der angrenzenden Landkreise kann unter Umständen sinnvoll sein - doch was bringen die Zahlen aus Fürstenfeldbruck oder dem Rhein-Erft-Kreis, wenn die Zahlen in Millionenstädten wie München oder Köln bereits eine klare Sprache gegen ein Spiel vor Fans sprechen?

Der Wunsch nach Planungssicherheit ist nachvollziehbar. Die Klubs werden jedoch wohl weiter mit kurzfristigen Entscheidungen leben müssen, die vielleicht nicht immer wie gewünscht ausfallen. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert sprach am Freitag in München laut Deutscher Presse-Agentur genau das an: "Wir werden uns ein Stück weit daran gewöhnen müssen, dass die Flexibilität, die diese Saison erfordert, auch bedeutet, dass wir nicht von vornherein sagen können, wie jeder Spieltag stattfinden wird."

Das Spiel von Schalke gegen Bremen als Kandidat für ein Geisterspiel

Und so wird nun von Woche zu Woche der Blick auf die Zahlen gehen. Ein Bundesliga-Spiel des kommenden Wochenendes steht wohl am ehesten davor, ohne Fans auskommen zu müssen: In Gelsenkirchen, wo Schalke 04 am Samstag Werder Bremen empfängt, stand die Sieben-Tage-Inzidenz am Sonntag laut Robert-Koch-Institut bei 44,1 und liegt damit deutlich über dem Grenzwert von 35.

Auch für die Heimspiele der Drittligisten 1860 München, Türkgücü München und Viktoria Köln deuteten sich zumindest am Sonntag möglicherweise negative Entscheidungen an. In der 2. Bundesliga legten die Zahlen vom Sonntag noch keine Notwendigkeit von Geisterspielen nahe.

Alle Zahlen können sich bis zum Wochende noch in verschiedene Richtungen entwickeln.

Das kommende Fußball-Wochenende
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