Corona: Torjubel in der Bundesliga - Parallelwelt und Symbolik

Werderaner Jubeltraube beim Spiel gegen den FC Augsburg

Fußball

Corona: Torjubel in der Bundesliga - Parallelwelt und Symbolik

Von Chaled Nahar

1,50 Meter sollen die Menschen in Deutschland Abstand voneinander halten und bei möglichst jeder Begegnung Masken tragen. Auf ihren Fernsehern jubeln seit Monaten Fußballspieler mit Umarmungen oder gar Küssen - wie passt das noch zusammen?

Am 16. Mai 2020, als die Bundesliga in der Saison 2019/20 ihren Betrieb nach der Coronapause wiederaufnahm, war der Torjubel ein großes Thema. Hertha BSC gewann an diesem Tag in einem der noch ungewohnt wirkenden Geisterspiele mit 3:0 in Hoffenheim. Der große Skandal nach dem Spiel war: ein vermeintlicher Kuss.

Der Kuss wurde öffentlich bestritten, Markus Söder schaltete sich ein

Dedryck Boyata stand unter Verdacht, nach dem ersten Tor des Klubs seinen Mitspieler Marko Grujic auf die Wange geküsst zu haben. "Es war kein Kuss", schrieb Boyata auf Instagram. Er habe Grujic stattdessen taktische Tipps für eine Standardsituation ins Ohr geflüstert. Wie sehr das Thema damals das Umfeld der Bundesliga aufwühlte, belegt die Tatsache, dass sich sogar Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zu einem Torjubel von Hertha BSC äußerte. "Ich fand es nicht gut", sagte Söder damals bei "Sport1".

Seitdem hat sich kaum noch jemand über einen Torjubel geärgert. Umarmungen, Küsse, der Trikottausch, La Ola vor leeren Rängen - alles wirkte in den vergangenen Monaten beinahe so alltäglich, wie es vor Corona war. Erst jetzt kommt das Thema allmählich zurück. In sozialen Netzwerken sprechen Nutzer angesichts der Abstandsgebote für die Bevölkerung von einer "Parallalwelt" im Spitzenfußball. Und in England hat eine Debatte um den Torjubel die Premier League längst im Griff.

England: "Händeschütteln, Abklatschen und Umarmungen vermeiden"

Die Zahlen in Großbritannien sind zuletzt auch wegen der Virusmutation dramatisch gestiegen, die Bevölkerung muss immer größere Einschränkungen hinnehmen. "Wir müssen ein gutes Beispiel sein", sagte Richard Masters, Geschäftsführer Premier League in Interviews mit englischen Medien angesichts der Diskussionen. "Wir bitten die Spieler, nicht in Jubeltrauben zu feiern und ihr Verhalten zu ändern."

Schriftlich teilte die Liga ihren Klubs mit, dass "Händeschütteln, Abklatschen und Umarmungen zu vermeiden" seien. Am Wochenende wirkte der Jubel bei vielen Spielen in England auch gleich etwas zurückhaltender.

DFL mahnt: "Verhalten auf dem Rasen" steht unter Beobachtung

Eine ähnliche Diskussion in Deutschland will die DFL offenbar vermeiden. Laut "Kicker" schrieb DFL-Geschäftsführer Christian Seifert gemeinsam mit Direktor Ansgar Schwenken vergangenene Woche an die Klubs, dass bei der Umsetzung des Hygienekonzepts weiter "höchste Aufmerksamkeit und Disziplin" gefragt seien. Im Hygienekonzept ist sehr viel geregelt, der Torjubel aber nicht. Deshalb kann auch keine Umarmung und kein Kuss vom DFB-Sportgericht bestraft werden.

Die DFL schrieb dem "Kicker" zufolge jedoch: "Über die im Konzept festgehaltenen Vorgaben hinaus wissen Sie um die hohe öffentliche Aufmerksamkeit für den Fußball und damit speziell auch für das Verhalten der Spieler auf sowie abseits des Rasens und erst recht in diesen Zeiten eines ausgewiesenen Lockdowns." Das Verhalten auf dem Rasen dürfte sich auch auf den Torjubel beziehen. In einer jüngst verschickten "Checkliste" empfiehlt die DFL, "nicht-erforderliche Kontakte" auf dem Spielfeld zu vermeiden. Doch am vergangenen Wochenende lagen sich die Spieler in der Bundesliga wie immer in den Armen.

Was emotional nachvollziehbar ist, bleibt symbolisch schwierig

Frankfurter Spieler feiern ein Tor.

Frankfurter Spieler feiern ein Tor.

David Abraham, der von Eintracht Frankfurt in seine argentinische Heimat wechselt, wurde bei seinem emotionalen Abschied umarmt und geküsst, seine Mitspieler ließen ihn hochleben, mit Schiedsrichter Manuel Gräfe tauschte Abraham das Trikot. In fast allen Stadien gab es nach den Toren die gewohnten Jubelszenen.

Emotional ist das alles nachvollziehbar - doch die Symbolik ist angesichts der Einschränkungen für die Bevölkerung zumindest schwierig. Und möglicherweise gefährlich ist es in der Pandemie möglicherweise auch.

DFB-Arzt: Kritische Momente abseits des Spielfelds

Allerdings bleibt unklar, wie groß das Infektionsrisiko wirklich ist, das vom Torjubel ausgehen könnte. Tim Meyer, Teamarzt der deutschen Nationalmannschaft und Autor des Hygienekonzepts der DFL, sagte im Sportgespräch des Deutschlandfunks: "Das Spiel und das Training sind gar nicht so die kritischen Momente", so Meyer - was den Torjubel wohl mit einbezieht.

Meyer sieht das Problem woanders: "Es ist eher das Miteinander der Mannschaft: Umkleidekabinen, Duschen, Busse und ähnliches."

DFL-Schreiben als Weckruf: Der Fußball genießt ein Privileg

Doch auch hier zeigt der Fußball nicht immer, wie es laufen sollte. Borussia Mönchengladbachs Spieler feierten nach dem Weiterkommen in der Champions League bei Real Madrid Arm in Arm grölend in der Kabine - natürlich ohne Mindestabstand oder Maske.

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Der Weckruf aus der DFL-Zentrale ähnelt daher dem aus der Premier League: Der Profifußball sollte sich seines Privilegs bewusst sein, weiterspielen zu dürfen. Wenn die Spieler auf Dauer kein verantwortungsbewusstes Handeln vorleben, könnte sich auch die Diskussion in der Öffentlichkeit und bei den Konferenzen von Bund und Ländern verschieben.

Stand: 18.01.2021, 14:24

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