Kein Heimvorteil bei Geisterspielen? "Purer Zufall"

Schalke spielt gegen Augsburg vor der leeren Nordkurve

Bundesliga

Kein Heimvorteil bei Geisterspielen? "Purer Zufall"

Von Chaled Nahar

Nur 21,4 Prozent der sogenannten Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga in dieser Saison führten zu Heimsiegen. Ist der Heimvorteil ohne Zuschauer weg? Nein, sagt ein Wissenschaftler.

Der Abgesang auf den Heimvorteil war laut. "Für uns ist es definitiv ein Nachteil, ohne Zuschauer zu Hause zu spielen", sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc. Augsburgs Trainer Heiko Herrlich klagte: "Unsere Fans fehlen uns überall." Und auch Leverkusens Trainer Peter Bosz, der seit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs zwei Auswärtssiege holte und ein Heimspiel verlor, mutmaßte: "Ich glaube nicht, dass das Zufall ist."

An den drei Bundesliga-Spieltagen, die nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs ohne Zuschauer stattgefunden haben, sowie beim fanlosen Derby zwischen Gladbach und Köln gab es sechs Heimsiege in 28 Spielen - 21,4 Prozent. Das ist weit entfernt von den Saisonwerten, die sich meist zwischen 40 und 50 Prozent bewegen. Ist der Heimvorteil in Corona-Zeiten also tatsächlich ausgesetzt?

Wissenschaftler: "Die Datenmenge ist zu gering"

"Das ist purer Zufall", sagt Daniel Memmert. Der Sportwissenschaftler forscht am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der Deutschen Sporthochschule Köln auch zum Heimvorteil im Fußball.

Wissenschaftlich fehle der Diskussion die Grundlage, so Memmert. "Die Datenmenge ist viel zu gering, um daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Kein Sportwissenschaftler wird da auch nur anfangen zu rechnen", sagt er im Gespräch mit sportschau.de.

"Der Spielplan ist in diesem Zeitraum nicht ausgeglichen, die Zahl der Heimspiele ebenfalls nicht. Man bräuchte mindestens eine komplette Saison, um das zu beurteilen."  Es bleibe eine Momentaufnahme, sagt Memmert.

2. Bundesliga liefert gegenteilige Annahme

Zumal die These von Zorc und Co. nur im Oberhaus gestützt wird. Einen gegenteiligen Hinweis liefert ein Blick in die 2. Bundesliga: Dort fanden zuletzt insgesamt 24 Spiele ohne Zuschauer statt, bei denen zehn Mal jeweils der Gastgeber gewann. Das sind 41,67 Prozent, also eine ganz gewöhnliche Quote - die wissenschaftlich natürlich genauso irrelevant ist wie die aus dem Oberhaus.

Heimvorteil ist schon vor Corona kleiner geworden

Aber existiert der Heimvorteil dann überhaupt? "Den Heimvorteil gibt es noch, aber er ist kleiner geworden", sagt Sportwissenschaftler Memmert über seine Untersuchungen. Das sei schon vor Corona zu beobachten gewesen.

Der Datenanbieter Deltatre liefert Zahlen, die diese Annahme zumindest unterstützen. 56 volle Saisons hat die Bundesliga in ihrer Geschichte absolviert. In den ersten 28 Jahren lag die Quote der Heimsiege im Vergleich zu Unentschieden und Auswärtssiegen bis auf zwei Ausnahmen immer bei über 50 Prozent. In der zweiten Hälfte der Bundesliga-Geschichte lag sie abgesehen von vier Saisons stets darunter.

"Man kann nur Vermutungen anstellen, warum der Heimvorteil kleiner geworden ist. Die Anreise ist komfortabler geworden, die Unterkünfte auch und die Verhältnisse in den Stadien haben sich angeglichen", sagt Memmert.

Quote Heimsiege Bundesliga
SaisonHeimsiege (Prozent)SaisonHeimsiege (Prozent)
1963/6452,501991/9245,79
1964/6550,831992/9349,35
1965/6654,901993/9449,67
1966/6751,631994/9548,04
1967/6854,581995/9640,20
1968/6955,881996/9750,98
1969/7056,861997/9847,39
1970/7156,541998/9947,06
1971/7257,521999/0046,73
1972/7361,112000/0152,29
1973/7452,612001/0252,29
1974/7558,822002/0347,06
1975/7656,542003/0452,29
1976/7754,582004/0548,69
1977/7862,422005/0642,81
1978/7954,252006/0743,79
1979/8060,132007/0846,73
1980/8153,592008/0948,04
1981/8257,842009/1040,85
1982/8356,212010/1146,08
1983/8456,862011/1245,42
1984/8554,582012/1342,48
1985/8654,902013/1447,39
1986/8754,252014/1547,39
1987/8851,632015/1644,12
1988/8949,022016/1749,02
1989/9050,652017/1845,42
1990/9140,202018/1945,10

Fans können auch zum Nachteil werden

Die Zuschauer sind beim Heimvorteil nicht zwingend der entscheidende Faktor. Und Fans können auch ein Nachteil sein, wenn sie durch Erwartungen Druck erzeugen, sagt ARD-Experte Thomas Broich. "Man muss das von Fall zu Fall sehen: Wenn Schalke gegen Paderborn 0:1 hinten liegt, entsteht durch die Zuschauer großer Druck. Andersrum hat Union Berlin mit den Fans im Rücken gegen die Bayern sicherlich bessere Chancen als ohne", sagt Broich. Abseits der Fans bleibe der Heimvorteil aber auch dadurch bestehen, dass man sich auf gewohnte Abläufe verlassen könne.

Wissenschaftler Memmert sagt, dass der Heimvorteil auch aus dem Gefühl bestehe, zu Hause zu sein. "Man kann das mit Kindern vergleichen, die sich am heimischen Esstisch oft dominanter verhalten als bei anderen Menschen oder im Restaurant. Es fühlt sich anders an."

Finanzen der Bundesligaklubs - Zurück im Kampfmodus sport inside 27.05.2020 10:17 Min. Verfügbar bis 27.05.2021 WDR

Stand: 29.05.2020, 10:58

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