Oldies, teure Uhren und fehlender Jubel - die Elf der Rückrunde

Oldies, teure Uhren und fehlender Jubel - die Elf der Rückrunde

Von Christian Steigels

Mehrere extrem erfolgreiche Oldies, eine Uhr als Belohnung und eine Vereinsverwechslung: Sportschau.de präsentiert die Elf der Rückrunde - mit den schönsten und kuriosesten Geschichten der vergangenen Monate.

Tor - Christian Mathenia (1. FC Nürnberg) Nein, es lag wirklich nicht an Christian Mathenia, dass der "Club" den Klassenerhalt nicht gepackt hat. Mathenia spielte eine gute Saison, rettete den Franken ein ums andere Mal Punkte oder verhinderte zumindest höhere Niederlagen. Aber Fakt ist eben auch: Mathenia ist zum zweiten Mal in Serie abgestiegen, und beide Male unter historischen Begleitumständen. Im vergangenen Jahr war er beim ersten Abstieg in der Vereinsgeschichte des Hamburger SV dabei, in diesem Jahr war er daran beteiligt, dass der 1. FC Nürnberg sich von nun an den zweifelhaften Titel "Rekordabsteiger" auf den Briefkopf drucken lassen kann. Dem Vernehmen nach hat nun Fortuna Düsseldorf Interesse am 27-Jährigen. Rein statistisch betrachtet sollten die Rheinländer vielleicht noch mal eine Nacht drüber schlafen.

Abwehr - Rafinha (Bayern München) Die großen Abschiede beim FC Bayern München sind anderen vorbehalten: Dem genialischen Franck Ribery, dem eiskalten Arjen Robben - sie prägten den FC Bayern der vergangenen Jahre, sie sorgten für die unvergesslichen Momente auf dem Platz. Rafinha war all das nicht vergönnt. Der Dauer-Backup auf der defensiven Außenbahn gehörte immer dazu, stand aber selten im Rampenlicht. Außer zum Abschied: David Alaba, Thomas Müller, Renato Sanches, Franck Ribéry, Javi Martínez, Thiago, Robert Lewandowski und Manuel Neuer - sie alle waren zur finalen Rafinha-Show gekommen, Neuer gar im Rafinha-Trikot. Und die Bayern-Stars erlebten einen, wenn nicht den emotionalen Höhepunkt der bayerischen Saison. Rafinha erzählte von seiner Mama, vom Wert von Freundschaft. Am Ende konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten, stand auf und umarmte seine Kollegen.

Abwehr - Nico und Keven Schlotterbeck (SC Freiburg) Brüderpaare haben im deutschen Fußball eine lange Tradition: Von den Walter-Brüdern über die Hoeneß' und Allofs' bis zu den Benders und Eggesteins - zu jeder Zeit kickten in Deutschland Geschwister, mal gemeinsam, mal in unterschiedlichen Klubs. Das neueste Kapitel in dieser illustren Reihe sind die Brüder Keven und Nico, mit dem für Defensivspezialisten lautmalerisch schaurig-schönen Nachnamen Schlotterbeck. Die beiden Innenverteidiger wurden durch die Verletzungsmisere beim SC Freiburg in die Mannschaft gespült - und hinterließen bleibenden Eindruck. Übrigens sind die beiden nicht die ersten Schlotterbecks der Liga - schon ihr Onkel Niels kommt auf 36 Partien. Sein größter "Erfolg": ein Eigentor im Pokalfinale 1987 mit den Stuttgarter Kickers. Nico und Keven streben nach Höherem.

Abwehr - Martin Hinteregger (Eintracht Frankfurt) "Ich kann nichts Positives über ihn sagen und werde auch nichts Negatives sagen", sagte Martin Hinteregger im Januar über seinen Augsburger Trainer Manuel Baum. Die Replik ließ nicht lange auf sich warten: "Er darf sich gerne auch mit anderen Dingen beschäftigen" erklärte FCA-Geschäftsführer Stefan Reuter. Hinteregger beschäftige sich mit anderen Dingen - heraus kam eine Blitz-Leihe nach Frankfurt und eine Rückrunde, die er als "geile Phase seiner Karriere" bezeichnete. In Frankfurt wurde er Stammspieler und Publikumsliebling. Wie sehr sie ihn am Main in kurzer Zeit lieben gelernt haben, zeigte sich nach dem Aus im Halbfinale der Europa League gegen den FC Chelsea im Elfmeterschießen. Hinteregger hatte eine Riesenpartie abgeliefert - und dann im Elfmeterschießen gepatzt. Statt Vorwürfen gab es Trost von Fan-Seite - auf den Punkt beschrieben im Tweet eines Frankfurt-Fans.

Mittelfeld - Edgar Prib (Hannover 96) Am 13. August 2017 spielte Hannover 96 in der 1. Runde des DFB-Pokals gegen den Bonner SC. Der Bundesligist siegte locker mit 6:2 beim Regionalligisten, der Bonner Nico Perrey erzielte per Hacke das Tor des Monats. Was wenige wissen: Die Partie war der letzte Einsatz von Kapitän Edgar Prib für die erste Mannschaft der Niedersachsen für lange Zeit. Drei Tage später blieb Prib beim Training im Rasen hängen und zog sich einen Kreuzbandriss zu. Im Februar 2018 stand er vor dem Comeback - wieder riss das Kreuzband. Im Februar 2019 sollte es dann wieder soweit sein - eine Muskelverletzung setzte Prib erneut außer Gefecht. Am 27. April 2019 - mehr als 20 Monate nach seiner Verletzung - war es dann endlich soweit: Gegen Mainz 05 wurde Prib zur Halbzeit eingewechselt - und half mit, den ersten Erfolg des Absteigers nach wochenlanger Sieglos-Serie einzutüten. Nach dem Abpfiff fiel Prib auf den Rasen und weinte hemmungslos. "Wer in so einem Moment steif bleibt, ist kein Mensch", sagte Prib. Und war mit seiner Ergriffenheit nicht alleine: "Das ist Fußball, darum geht's", konstatierte Ersatz-Kapitän Marvin Bakalorz.

Mittelfeld - Leon Goretzka (FC Bayern München) Leon Goretzka ist unbestritten einer der begabtesten Fußballer seiner Generation. Er ist ein torgefährlicher, spielintelligenter Mittelfeldspieler mit Führungsqualitäten, er führte den FC Bayern München mit zum siebten Meistertitel in Serie und ins Pokalfinale, und auch in der Nationalmannschaft gehört ihm die Zukunft. Sein erster echter Rekord, sein erster Eintrag in die Annalen der Bundesliga ist aber einer, den man sich nicht wirklich gerne ans Revers heftet: Am 22. Spieltag markierte der frühere Schalker beim Gastspiel des Rekordmeisters in Augsburg das schnellste Eigentor der Bundesligageschichte. Philipp Max hatte geflankt, Goretzka war vor dem einschussbereiten Michael Gregoritsch am Ball gewesen - und nach nur 13 Sekunden klingelte es im eigenen Kasten. In der Liste der schnellsten Bundesliga-Tore katapultierte sich Leon Goretzka auf Rang acht - weitere Eigentorschützen sucht man in den Top Ten vergeblich.

Mittelfeld - Ondrej Duda (Hertha BSC) "Wenn du in dieser Saison acht Tore machst", sagte Salomon Kalou vor der Spielzeit zu seinem Teamkollegen Ondrej Duda, "schenke ich Dir eine Rolex." Ein allzu großes Risiko ging der Ivorer mit dieser Wette nicht ein, möchte man meinen, hatte Duda doch in seinen ersten beiden Jahren in der Hauptstadt lediglich ein Bundesliga-Törchen erzielt. Doch die Extra-Motivation aus dem oberen Preissegment zeigte Wirkung: Bereits zum Rückrundenauftakt gegen Nürnberg erzielte der Slowake seine Saisontore Nummer acht und neun - und Kalou war kurz darauf 9.000 Euro ärmer. "Deal ist Deal", so der nüchterne Kommentar des Ehrenmannes. Der als bescheiden geltende Duda zeigte sich eher peinlich berührt - und kündigte an, seiner Heimatstadt Snina Defibrilatoren im Wert der Rolex zu spenden.

Mittelfeld - Daniel Didavi (VfB Stuttgart) 2017? Hat er Relegation gespielt, mit dem VfL Wolfsburg. 2018? Auch Relegation, wieder mit den "Wölfen". Und 2019? Klar - auch in dieser Saison ist der mittlerweile zu seinem Heimatverein VfB Stuttgart zurückgekehrte Daniel Didavi wieder mit von der Partie. Der 29-Jährige ist so etwas wie der menschgewordene Hamburger SV - mit bislang allerdings stets gutem Ende. Kein Wunder, dass sich der extrem talentierte Unvollendete den Stellenwert des Abstiegs-Entscheidungsspiels ein wenig schönlügt. "Das ist wie ein Endspiel. DFB-Pokal-Finale, Champions League oder Relegation - das ist alles extrem wichtig", stellt er die Partien auf eine Stufe mit den großen nationalen Titeln. In diesem Jahr will er auch aktiv mitmischen - im vergangenen Jahr durfte er aufgrund von Achillessehnenproblemen nur zusehen. Klar: Beim Endspiel will jeder dabei sein.

Angriff - Claudio Pizarro (Werder Bremen) "Wenn ich könnte, würde ich nie mit Fußball aufhören. Und doch wird es irgendwann passieren müssen", sagt Claudio Pizarro. Tatsächlich scheint es unvorstellbar, eine Bundesliga ohne den Peruaner. Seit 1999 ist der Stürmer in Deutschland aktiv, unterbrochen nur von einem einjährigen Gastspiel in London beim FC Chelsea. Die meiste Zeit verbrachte er in München und eben an der Weser - und ist bei beiden Fanlagern Publikumsliebling für die Ewigkeit. Und selbstredend auch ein ganz besonderer Rekordhalter: Mit dem 1:1 in der 96. Minute gegen Hertha BSC am 22. Spieltag avancierte Pizarro mit 40 Jahren und 136 Tagen zum ältesten Bundesliga-Torschützen - und ließ am 32. Spieltag und 34. Spieltag noch weitere Treffer folgen. Ans Aufhören denkt er natürlich noch nicht (siehe oben) - am letzten Spieltag gab Pizarro seine Vertragsverlängerung bekannt. So ein Rekord will schließlich ausgebaut werden.

Angriff - Jonathas (Hannover 96) In neun Minuten kann man eine Menge machen: Den Song "November Rain" von Guns' n Roses hören oder "Runaway" von Kanye West, Nudeln al dente oder ein hartes Ei kochen, sich noch mal rumdrehen und auf den nächsten Snooze-Alarm warten ... oder in einem Bundesliga-Spiel eingewechselt werden, ein Tor per Elfmeter erzielen und mit Gelb-Rot vom Platz fliegen. Der Hannoveraner Jonathas Cristian de Jesus Mauricio schaffte diesen Dreiklang bei der Niederlage gegen den FC Bayern - und verewigte sich mit seinem "Quickie" in den Geschichtsbüchern der Bundesliga.

Angriff - Ante Rebic (Eintracht Frankfurt) Der moderne Fußball kennt viele Rituale: Exaltierte Jubelposen auf Basis erfolgreicher Computerspiele gehören ebenso dazu wie umgekehrt der edelmütige Verzicht darauf bei Treffern gegen Ex-Klubs. Diese soziale Übereinkunft hat auch Frankfurts Angreifer Ante Rebic verinnerlicht - und jubelte nach seinem Ausgleichstreffer bei Werder Bremen am 19. Spieltag auf die branchenüblich zurückhaltende Art und Weise. Blöd nur, dass Rebic nie in Bremen spielte. Der Kroate glaubte, gegen RB Leipzig getroffen zu haben, für die er in der 2014/2015 auf Leihbasis spielte. Das Adrenalin sei schuld gewesen, ließ der Stürmer über den Pressesprecher von Eintracht Frankfurt ausrichten. Zwei Wochen später spielte Frankfurt dann in Leipzig - und Rebic erzielte kein Tor. Sicher ist sicher.

Trainer - Friedhelm Funkel (Fortuna Düsseldorf) Um ein Haar wäre Friedhelm Funkel die Ehrung als Trainer der Rückrunde verwehrt geblieben: Im Winter wollte der mittlerweile geschasste Klubchef Robert Schäfer dem 65-Jährigen keinen neuen Vertrag anbieten. Doch Fans und Team solidarisierten sich mit dem Coach und sorgten dafür, dass Funkel bei der Fortuna bleibt. Ein Glücksfall für alle Beteiligten, mit Ausnahme Schäfers. Funkel holte mit der Fortuna 26 Punkte in der Rückrunde und damit mehr als Europa-League-Teilnehmer Mönchengladbach. Der Klassenerhalt war schon am 29. Spieltag eingetütet für die als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelten Rheinländer - und Funkels Vertrag verlängerte sich dadurch automatisch bis 2020. "Was die Spieler geleistet haben, kann man gar nicht hoch genug bewerten", sagt der stets bescheidene Coach. Seine eigene Leistung war aber auch ganz okay.

Die Elf der Rückrunde im Überblick

Stand: 20.05.2019, 10:22 Uhr

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