Türsteher, Bahnfahrer, filmreife Schnurrbärte - die Elf der Hinrunde

Türsteher, Bahnfahrer, filmreife Schnurrbärte - die Elf der Hinrunde

Von Christian Steigels

Ein Torwart mit Türsteher-Ambitionen, ein Profi mit Monatsticket für die Bahn und ein filmreifer Schnurrbart: Sportschau.de präsentiert die Elf der Hinrunde - mit den schönsten und kuriosesten Geschichten der vergangenen Monate.

Fußball, Bundesliga, Saison 2019/2020, Elf der Hinrunde -  Rafael Gikiewicz

Tor - Rafael Gikiewicz (Union Berlin): Rafael Gikiewicz spricht drei Sprachen - deutsch, englisch und polnisch. Das kam ihm zugute, als er am 10. Spieltag beim ersten Bundesliga-Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC zum Helden wurde. Ein paar vermummte Union-Fans stürmten nach Spielschluss auf den Platz, um die Herthaner auf der gegenüberliegenden Tribüne aufzumischen. Der Keeper stellt sich ihnen in bester Türsteher-Manier entgegen und schimpfte dreisprachig - mit Erfolg. Die Reaktionen fielen gemischt aus: "Du Idiot", sagte seine Frau, die sich um die Unversehrtheit ihres Gatten sorgte. Eine polnische Sicherheitsfirma war dagegen beeindruckt und bot ihm einen Werbevertrag an. Die schönste Reaktion aber kam von Mama Gikiewicz: Als sie die Tumulte sah, so erzählt es der Keeper, habe sie gesagt: "Da ist bestimmt ein Gikiewicz dabei."

Tor - Rafael Gikiewicz (Union Berlin): Rafael Gikiewicz spricht drei Sprachen - deutsch, englisch und polnisch. Das kam ihm zugute, als er am 10. Spieltag beim ersten Bundesliga-Derby zwischen Union Berlin und Hertha BSC zum Helden wurde. Ein paar vermummte Union-Fans stürmten nach Spielschluss auf den Platz, um die Herthaner auf der gegenüberliegenden Tribüne aufzumischen. Der Keeper stellt sich ihnen in bester Türsteher-Manier entgegen und schimpfte dreisprachig - mit Erfolg. Die Reaktionen fielen gemischt aus: "Du Idiot", sagte seine Frau, die sich um die Unversehrtheit ihres Gatten sorgte. Eine polnische Sicherheitsfirma war dagegen beeindruckt und bot ihm einen Werbevertrag an. Die schönste Reaktion aber kam von Mama Gikiewicz: Als sie die Tumulte sah, so erzählt es der Keeper, habe sie gesagt: "Da ist bestimmt ein Gikiewicz dabei."

Abwehr - Martin Hinteregger (Eintracht Frankfurt): "Liebe" ist ein großes Wort, im Fußball wie auch sonst im Leben. Doch das, was die Fans von Eintracht Frankfurt und Martin Hinteregger verbindet, ist unbedingt als Liebe zu bezeichnen. In der vergangenen Saison war Hinteregger in Frankfurt Publikumsliebling - und musste doch nach Augsburg zurück. Dort torkelte er betrunken über ein Volksfest am Rande des Trainingslagers, erschien mit einem Eintracht-Rucksack zum Training - und durfte schließlich an den geliebten Main wechseln. Dort erzielte er im ersten Spiel nach seiner Rückkehr in Minute eins den umjubelten Siegtreffer. Wenige Minuten vor dem Ende blieb "Hinti" nach einem Zweikampf liegen, es sah nach Auswechslung aus. Doch dann stand er auf, massierte sich die Wade und zeigte an, wieder auf den Platz zu wollen. Der Jubel im Stadion stand dem nach seinem Tor kaum nach. Liebe eben.

Abwehr - Neven Subotic (Union Berlin): Auf den Angestellten-Parkplätzen der Fußball-Bundesligisten lassen sich Spieltag für Spieltag regelrechte Materialschlachten bewundern. Es ist wie beim Autoquartett, Hubraum schlägt Leistung schlägt Beschleunigung schlägt Höchstgeschwindigkeit. Vor diesem Hintergrund wird die Geschichte von Neven Subotic noch bemerkenswerter: Nach dem 1. Spieltag - und einer 0:4-Pleite im ersten Bundesliga-Spiel in Union Berlins Historie - fuhr er mit der S-Bahn nach Hause. Sehr zur Begeisterung aktueller Unioner und ehemaliger Dortmunder Anhänger, die vor so viel Fan-Nähe in Verzückung gerieten. Gut vier Monate später ist Union Berlin in der Liga etabliert - und Subotic fährt immer noch per Monatsticket mit der Bahn zum Training und zu Heimspielen.

Abwehr - David Abraham (Eintracht Frankfurt): Der Argentinier kassierte die vielleicht offensichtlichste Rote Karte der Bundesliga-Geschichte, inklusive Aufregung allerorten, Diskussion über Vorbildfunktion von Fußballprofis, Schuld und Sühne. Was war passiert? In der Nachspielzeit der Partie SC Freiburg gegen Eintracht Frankfurt hatte der Argentinier es extrem eilig, einen ins Aus getrudelten Ball wieder in die Partie zu bringen - und räumte auf dem Weg Richtung Spielgerät mit freundlicher Unterstützung seines Arms Gäste-Trainer Christian Streich ab. Der DFB kannte keine Gnade - bis Ende Dezember wurde der Frankfurter gesperrt. Streich kommentierte das Geschehen gewohnt lakonisch: "Der Ball isch an mir vorbeigrollt und dann hat er mich, bumm, über de' Hufe grannt."

Mittelfeld - Mo Dahoud (Borussia Dortmund): Der surrealistische Maler und ganzheitliche Exzentriker Salvador Dali hat einmal gesagt: "Ohne Schnurrbart ist ein Mann nicht richtig angezogen." Auch Mahmoud Dahoud lief so gesehen jahrelang nackt durch die Gegend. Doch seit dieser Saison ist alles anders - der deutsche Nationalspieler in Diensten von Borussia Dortmund reüssiert mit einem derart slicken Oberlippenbart, das man kaum umhin kann, ihn in einem Atemzug mit großen Vorgängern wie Clark Gable, Tom Selleck, Freddie Mercury oder Jason Schwartzmann zu nennen. Auch wenn seine sportliche Ausbeute der ersten Saisonhälfte noch ausbaufähig war - den Titel "Stilikone der Hinrunde" hat der Mittelfeldspieler sicher.

Mittelfeld - Leon Goretzka (Bayern München): "Wir müssen aktiv sein, wir dürfen nicht weghören, wir müssen Rassisten mit dem Gesagten konfrontieren." Klingt nach einer Aussage eines brandenburgischen Linken-Abgeordneten, oder eines Politologen der Uni Frankfurt. Sie stammt aber von Leon Goretzka, Mittelfeldspieler des FC Bayern München. Goretzka ist einer, der sich einmischt und klare Aussagen findet, nicht nur wie hier im Interview mit "11 Freunde". Goretzka versteht, dass Fußball und Politik notwendigerweise zusammengehören. Und kleidet das in kluge Worte. Bereits im Mai sagte er einen Satz, der richtigerweise für den Fußballspruch des Jahres nominiert war: "Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Da antwortet man auf die Frage nach der Nationalität mit Schalke, Dortmund oder Bochum."

Mittelfeld - Florian Niederlechner (FC Augsburg): Franck Ribéry, Thomas Müller, Marco Reus, Max Kruse, Arjen Robben - die Liste der erfolgreichsten Vorlagengeber der Bundesliga ist voller großer Namen von internationalem Klang. Florian Niederlechners Name fehlt bislang der ganz große transnationale Glanz - aber der Mittelfeldspieler des FC Augsburg kann sich seit dem 15. Spieltag etwas in den Briefkopf schreiben, dass keiner seiner großen Kollegen aus der Abteilung Torzustellung seit Beginn der Datenerhebung in der Saison 1993 geschafft hat: Beim 4:2-Sieg im Auswärtsspiel in Hoffenheim bereitete der 29-Jährige alle vier Treffer vor.

Mittelfeld - Axel Witsel (Borussia Dortmund): Die Liste der kuriosen Spielerverletzungen der Bundesliga ist ebenso lang wie illuster: Nicolai Müller zog sich einen Kreuzbandriss nach einem komplexen Torjubel zu, Leon Andreasen verletzte sich beim Öffnen eines Pakets schwer mit einem Messer an der Hand, Kasey Keller schlug sich mit seinen Golfschlägern die Vorderzähne aus. Seit dieser Hinrunde ist auch Axel Laurent Angel Lambert Witsel Teil dieses Rankings. Nach Informationen der "Bild-Zeitung" zog sich der Dortmunder schwere Gesichtsverletzungen zu und brach sich das Nasenbein, als er sich daheim an das für seinen beiden kleinen Töchter installierte Treppenschutz-Gitter lehnte - und kopfüber die Treppe herunterstürzte. Fußball spielen kann er erst wieder 2020 - weiterhin gute Genesung!

Angriff - Robert Lewandowski (Bayern München): Dass Robert Lewandowski noch nie Deutschlands Fußballer des Jahres geworden ist, kann man getrost als Skandal bezeichnen. Seit Jahren bricht der Pole Rekord um Rekord, und auch in dieser Saison purzelten die Bestleistungen so häufig wie sonst nur im statistikverrückten US-Sport: Nach sechs Spielen hatte Lewandowski zehn Tore erzielt und damit als erster Bundesliga-Spieler nach sechs Spielen eine zweistellige Anzahl an Toren. Als erster Spieler der Geschichte markierte er zudem an den ersten elf Spieltagen in jedem Spiel mindestens ein Tor. In der ewigen Torschützenliste der Bundesliga hat er Jupp Heynckes überholt und liegt mit 221 Toren nun auf Rang drei. Mit dem eingangs erwähnten Titel wird es vermutlich trotzdem wieder nichts werden.

Angriff - Streli Mamba (SC Paderborn): Rückblende, Mitte 2016. In einem Fitnesstudio in der baden-württembergischen Provinz jobbt ein junger Mann. Nebenher spielt er Fußball, in der Reserve des SV Sandhausen. Die große Profi-Karriere - weit weg. Dreieinhalb Jahre später ist alles anders: An einem Freitagabend im November erzielt der über den Umweg Energie Cottbus mittlerweile für den SC Paderborn stürmende Streli Mamba zwei Tore in Dortmund - und ist spätestens seither ein echter Name in der Bundesliga. Warum es erst so spät mit dem ganz großen Schritt geklappt hat, erklärt der gebürtige Kongolese einigermaßen blumig: "Es ist wie mit einer Ketchupflasche: Wenn es einmal hängt und man dann aber richtig draufdrückt, dann läuft es halt."

Angriff - Jan Thielmann (1. FC Köln): Süßer Vogel Jugend: Der 17-jährige Offensivakteur ist der erste Spieler aus dem Jahrgang 2002, der in der Fußball-Bundesliga aufgelaufen ist. Der Stürmer vom 1. FC Köln stand im Derby gegen Bayer Leverkusen erstmals überraschend in der Startelf - und präsentierte sich gänzlich unaufgeregt beim Brustlöser-Sieg für die Kölner gegen den rheinischen Rivalen. Die fehlende Nervosität erklärt Manager Horst Heldt mit der cleveren Kommunikation seitens der sportlichen Führung: "Wir haben überlegt, wann wir es ihm sagen, und waren der Meinung: Je später, desto besser. Er sollte dann auch sein Handy ausmachen, maximal noch seine Eltern informieren."

Trainer - Sandro Schwarz (1. FSV Mainz 05): Nein, wirklich beeindruckende Titel hat der Fußballehrer Sandro Schwarz in seiner Karriere nicht geholt. Als Spieler stieg er mit dem 1. FSV Mainz 05 2004 in die Bundesliga auf, als Trainer wurde er mit dem 1. FC Eschborn Meister der Hessenliga und stieg in die Regionalliga Südwest auf. Seit dem sechsten Spieltag dieser Spieltzeit gebührt ihm ein Titel, den ihm niemals mehr jemals nehmen kann. Schwarz war der erste Trainer, der in der Bundesliga mit Gelb-Rot vom Platz gestellt und für ein Spiel gesperrt wurde. Geholfen hat ihm der erste richtige Ruhm seiner Karriere leider nicht - nach elf Spieltagen wurde Schwarz wegen Erfolglosigkeit in Mainz entlassen. 

Die Elf der Hinrunde im Überblick

Stand: 23.12.2019, 10:22 Uhr

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