Hygienekonzept - Rückblick auf den Ausnahmezustand

DFL-Chef Christian Seifert vor der Übergabe der Meisterschale an Bayern München 2020

Bundesliga

Hygienekonzept - Rückblick auf den Ausnahmezustand

Von Chaled Nahar

Die Bundesligasaison ist Dank des Hygienekonzepts der DFL zu einem sportlichen Ende gekommen. Manches lief falsch, einiges gut - ein Rückblick auf sechs Wochen Ausnahmezustand.

Was gut war: Große Professionalität

Als Anfang Mai die Bundeskanzlerin und die Landesregierungen die Saisonfortsetzung erlaubten, blieben große Zweifel. Die Welt hatte sich für viele Menschen innerhalb weniger Wochen gravierend verändert. Die Angst vor Arbeitslosigkeit, Krankheit oder gar Tod standen genauso im Vordergrund wie der Verlust von Nähe zu Freunden und Verwandten - wen interessiert da Profifußball?

Der Profifußball verhielt sich in dieser Situation professionell. Er bereitete sich mit einem Konzept für einen Spielbetrieb ohne Zuschauer vor und wehrte Diskussionen um Testkapazitäten oder eine Sonderrolle einigermaßen erfolgreich ab. Die DFL gab den politischen Entscheidern und der Öffentlichkeit ein Versprechen: Kontakt nur auf dem Rasen, das Einhalten von Abstandsregeln, desinfizierte Bälle, keine Fans, sieben Tage Quarantäne vor dem Start, engmaschige Tests und so weiter - all dies sollte Risiken minimieren und die Geisterspiele rechtfertigen. Als angesichts der verbesserten Lage die Chance kam, stand mit diesen Maßnahmen der Spielbetrieb bereit.

Nach sechs Wochen Sonderspielbetrieb bleibt unter dem Strich: Die DFL hat ihre Chance genutzt, die Saison sportlich beendet und einige Klubs durch die Erfüllung von Verträgen mit Medien und Sponsoren vor großen finanziellen Problemen bewahrt.

Was schlecht war: Verstöße fast ohne Konsequenzen

Die Liste an Verstößen gegen das Konzept hatte am Ende der Saison eine gewisse Länge. Abklatschen und ein falscher Abstrich bei Hertha BSC, Zahnpastakauf während der Quarantäne von Augsburgs Trainer Heiko Herrlich, unerlaubte Friseurtermine bei einigen BVB-Spielern zu Hause und eine Klassenerhaltsparty ohne Abstände bei Spielern von Union Berlin mit einigen Fans. Und das waren nur die sichtbaren Verstöße. Zwei Geldstrafen in nicht genannter Höhe blieben die einzigen Konsequenzen.

Gerade abseits der Spieltage schien das Konzept deshalb manchmal nicht mit Leben gefüllt zu werden. Mit Desinfektionsmittel eingesprühte Bälle oder vierte Offizielle mit Mund-Nasen-Schutz bei den Spielen wirkten dadurch nur wie der Teil einer groß angelegten Hygieneshow. Das raubte dem Geisterspielbetrieb zu Beginn zeitweise die Glaubwürdigkeit. Am Saisonende blieb dagegen bei nachlassendem Infektionsgeschehen Strafen für Friseurtermine beinahe der Eindruck einer übertriebenen Strenge. Auch ein enger Torjubel oder Kabinenfeiern löste Ende Juni nicht mehr das Kopfschütteln aus wie noch ein paar Wochen zuvor.

Doch die Regeln des Konzepts waren die politische Rechtfertigung für den Spielbetrieb, sie galten nun einmal. Es fehlte zu jeder Zeit eine unabhängige Instanz, die Verstöße hätte ermitteln oder bestrafen können - was auch im Bundestag kritisiert wurde. Die Gesundheitsämter wären mit einer dauerhaften Kontrolle aller Profivereine über die üblichen Maßnahmen bei positiven Tests hinaus überfordert gewesen.

Was bedenklich war: Der Umgang mit Dresden und Verstraete

Die DFL hatte ein großes Problem: den 30. Juni, der als Stichtag das Ende vieler Verträge bedeutet, vor allem mit Spielern. Deshalb sollten so viele Klubs wie möglich rechtzeitig mit ihrer Saison fertig werden. Darunter litt am Ende der Zweitligist Dynamo Dresden. Der Klub hatte gleich zu Beginn der Wiederaufnahme des Spielbetriebs mehrere positive Coronatests, die komplette Mannschaft musste in Quarantäne. Daraus entstand für Dynamo ein grotesk enger Spielplan, in dem das Team meist auf besser ausgeruhte Mannschaften traf. Dynamo stieg keinesfalls unverschuldet ab, sportlich ungerecht blieb der Spielplan aber allemal. Spieler Chris Löwe fragte: "Wäre dasselbe mit Bayern München oder Borussia Dortmund passiert? Oder nur mit uns?"

Der Umgang mit einzelnen Spielern blieb vor allem in einer Situation merkwürdig: Kölns Birger Verstraete äußerte in einem belgischen Fernsehkanal seine Sorge darüber, dass seine Lebensgefährtin eine Vorerkrankung habe. Außerdem wunderte er sich, dass er trotz eines Kontakts zu infizierten Mitspielern und Mitarbeitern beim FC nicht in Quarantäne musste. Abstände seien seiner Ansicht nach nicht immer eingehalten worden. Später veröffentlichte der Klub Zitate Verstraetes, die diese Aussagen glätten sollten. Am Ende wirkte das in der Außendarstellung wie ein Zurückpfeifen, Verstraete wechselte noch vor dem Saisonende zurück nach Belgien.

Was fehlte: Die Fans und eine Diskussion um Nachhaltigkeit

Spiele ohne Fans, das hatte es seit dem ersten Bundesliga-Spieltag überhaupt 1963 noch nicht gegeben. Am Ende der Saison 2019/20 stehen 82 der sogenannten Geisterspiele in den Geschichtsbüchern. Die trostlosen Spiele vor leeren Rängen hinterließen viel mehr die Gewissheit: Ohne Fans büßt der Fußball seine Faszination zu einem großen Teil ein. Die Fans waren nicht im Stadion, und sie verhielten sich den Abstandsregeln und dem Hygienekonzept nach lange Zeit weitgehend korrekt und blieben den Stadien fern. In der öffentlichen Diskussion waren sie aber da.

"Pro Fans", "Unsere Kurve" oder "Fanszenen Deutschlands" - die unterschiedlich geprägten  Bündnisse erinnerten in der Krise immer wieder an Missstände. Dass im Fußball finanzielle Verhältnisse fernab jeder Vorstellungskraft für den größten Teil der Gesellschaft herrschen, kritisierten sie genauso wie die Tatsache, dass Klubs im milliardenschweren Fußballgeschäft innerhalb weniger Tage angeblich vor dem Ende ihrer Existenz standen. Sie forderten eine Umverteilung des Geldes im Fußball, um einen ausgeglichenen Wettbewerb sicherzustellen. Die DFL und der DFB sagten teilweise Zugeständnisse zu, eine ernsthafte Diskussion darüber blieb bislang aber aus. Das Versprechen der DFL, mehr für die finanzielle Nachhaltigkeit zu tun, muss später auf Einhaltung überprüft werden. Denn zunächst geschah krisenbedingt das Gegenteil: Als akute Hilfsmaßnahme wurden die Bedingungen des Lizenzverfahrens gelockert.

Sportschau Thema - Der Profifußball nach Corona Sportschau Thema 16.06.2020 01:00:23 Std. Verfügbar bis 17.06.2021 Das Erste

Was verloren ging: Die Vorsicht

Das Hygienekonzept wurde bereits gelockert. Und so wie überall in der Gesellschaft geht auch im Umfeld des Profifußballs die Vorsicht offenbar zurück. Spieler von Arminia Bielefeld zeigten am letzten Spieltag den jubelnden Fans vor dem Stadion die Meisterschale der 2. Bundesliga. Dresdens Fans empfingen am letzten Spieltag zu Tausenden das Team. Von Vorsicht und Abstand war dort nichts mehr zu sehen, weder bei den Fans noch bei den Klubs.

Die Klubs belohnten die Feiern jeweils mit der Anwesenheit der Mannschaften. Und in sozialen Netzwerken verbreiteten sie auch noch entsprechende Videos und Fotos.

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Was kommt: Eine neue Saison mit Einschränkungen

Die Zeit des Hygienekonzepts ist aber noch nicht vorbei. Auch in der kommenden Saison wird es gebraucht, aber angepasst werden müssen. Tim Meyer, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB, war maßgeblich an dem Konzept beteiligt. Bis es wieder volle Stadien gebe, werde es noch dauern, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Die Entwicklung bleibe unklar: Es könne eine zweite Welle geben, aber auch die Rückkehr von Zuschauern in die Stadien, vielleicht in einer reduzierten Zahl. "Da gibt es dann viele organisatorische Faktoren zu berücksichtigen. Die Organisation des Einlasses, Toiletten", sagte Meyer.

Meyer leitet auch die Medizinische Kommission der UEFA. Bevor es in der Bundesliga weitergeht, wird das Konzept in ähnlicher Form nun bei den Finalturnieren der Champions League in Lissabon und der Europa League in Nordrhein-Westfalen zum Einsatz kommen. Auf europäischer Ebene wird dann spannend, wie die Spiele von Klubs und Nationalmannschaften aus 55 Mitgliedsländern der UEFA in Champions League oder Nations League durchzuführen sind. Denn es wird viele Unterschiede bei Rechtslagen, Reisefreiheit oder Testkapazitäten geben. Der Normalzustand ist international und in der Bundesliga noch weit entfernt.

Stand: 29.06.2020, 08:26

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