Funkel ist Fortunas Faustpfand

Friedhelm Funkel (l.) und Florian Kohfeldt

Kellerduell Düsseldorf gegen Bremen

Funkel ist Fortunas Faustpfand

Von Frank Hellmann

Gleich der Rückrundenauftakt gilt für die Kellerkinder Fortuna Düsseldorf und Werder Bremen als Wegweiser. Während die Rheinländer der Erfahrung von Friedhelm Funkel vertrauen, ist bei den Hanseaten sogar Trainer Florian Kohfeldt angeschlagen.

Manchmal ist Friedhelm Funkel selbst überrascht, wie lange er schon Teil dieser Branche ist. Seit 47 Jahren arbeitet der Trainer von Fortuna Düsseldorf im bezahlten Fußball, mehr als 1200 Spiele hat er als Spieler und Trainer in erster und zweiter Liga erlebt.

Mit den Rheinländern will der 66-Jährige die nächsten Rekorde brechen. Hält er bis Saisonende durch, würde der bislang in 510 Bundesligaspielen auf der Bank sitzende Fußballlehrer auch noch die verstorbene Trainer-Ikone Udo Lattek (522) und den langjährigen Werder-Coach Thomas Schaaf (524) überholen.

Erfahrung als Vorteil

Letzterer arbeitet aktuell als Technischer Direktor bei seinem Heimatverein in Bremen, und es gibt nicht wenige, die halten eine Berufung zur Bundesliga-Mannschaft des SV Werder im äußersten Notfall für möglich, sollte es mit Florian Kohfeldt nicht klappen. Der 37-Jährige hat anders als Funkel nicht annähernd einen solchen Erfahrungsschatz vorzuweisen.

Wie soll er auch? Der in Siegen geborene und in der Bremer Vorstadt Delmenhorst aufgewachsene Kohfeldt hütete das Tor der dritten Werder-Mannschaft, entdeckte sein Talent für das Trainermetier und kam als Verantwortlicher der zweiten Mannschaft im November 2017 zu den Profis.

Der Trainer ist Teil der Krise

Sein Verweis, dass die Situation damals doch viel prekärer gewesen sei als jetzt, stimmt insofern, dass die Hanseaten nach seinem missglückten Einstand (1:2 bei Eintracht Frankfurt) mit fünf Punkten aus elf Spielen mit dem Rücken zur Wand standen. Aber: Der Novize hatte nichts zu verlieren, arbeitete nur auf Abruf. Und gewann dann flugs das Vertrauen seiner Spieler, des Vereins und des Umfelds.

Vor dem Kellerduell bei Fortuna Düsseldorf (Samstag 15.30 Uhr) ist auch der vom DFB zum Trainer des Jahres 2018 gekürte Kohfeldt ein Gesicht der Krise. Der Slogan der "Werdergutmachung", der am Weserstadion angebracht ist, trifft alle Protagonisten. Irgendwie bezeichnend, dass er in der Vorbereitung auf den wegweisenden Rückrundenstart nicht das Training leiten, geschweige denn bei der Pressekonferenz sprechen konnte.

Werder tut sich schwer mit der Wende

Das Bremer Verletzungspech griff sogar auf den Trainer über, den eine schmerzhafte Fußblessur plagt, die ihn ans Bett fesselte. "Die Verletzung des Trainers ist der Höhepunkt in dieser Beziehung", sagte Geschäftsführer Frank Baumann. Der Coach musste das Training per Video verfolgen, die Besprechung im Trainerteam wurde kurzfristig aus den Katakomben des Weserstadions in Kohfeldts Wohnzimmer verlegt. Immerhin soll er aber in Düsseldorf dabei sein.

Der Cheftrainer werde während der Partie "vielleicht etwas mehr sitzen, als man das gewohnt ist", hat Baumann verraten. Aber spricht das nicht Bände? Während Funkel in der Coaching Zone quietschfidel Anweisungen erteilen kann, muss sich der fast drei Jahrzehnte jüngere Kollege schonen.  Keine gute Voraussetzung für die Wende an der Weser, für die es nach Einschätzung das Fachmagazins "Kicker" einen "Kraftakt hoch drei" benötigt.

Funkel schätzt den Kollegen, der sein Sohn sein könnte. "Er versteckt sich nicht, das gefällt mir einfach. Er geht auch in schlechten Zeiten immer voran - und da, genau da entscheidet sich, wo der Weg eines jungen Trainers hingeht", sagte er dem Weser-Kurier". "Er sucht keine Alibis und stellt sich den Problemen. Deshalb sage ich: Kohfeldt wird eine gute Zukunft in der Bundesliga haben."

Mit Leihgabe Vogt kommt die Dreierkette

Noch immer ist ja nicht klar, dass Werder als die negative Überraschung der Hinrunde mit der schlechtesten Bilanz der Vereinsgeschichte mit dem Festhalten am Trainer richtig fährt. In der öffentlichen Beurteilung kommt der rhetorisch geschickte Kohfeldt recht gut weg, dabei hat er mit seiner Taktik und seiner Personalauswahl beileibe auch nicht immer richtig gelegen.

Kevin Vogt

Hoffnungsträger an der Weser: Leihgabe Kevin Vogt

Eigentlich wollte er an dem in seiner Amtszeit vorrangig gespielten 4-3-3-System festhalten, weil es einem mit vielen Offensivspielern bestückten Kader die größten Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Doch das spielerische Potenzial sei unter "einer Menge Schutt" begraben, hat Kohfeldt gesagt. Mit der Verpflichtung des bei der TSG Hoffenheim in Ungnade gefallenen Kevin Vogt, der seine Stärken eigentlich nur als Kopf einer Dreierkette ausspielen kann, ist der Zwang zum Systemwechsel offenkundig.

Funkel setzt aufs Machbare

Funkel ist in dieser Hinsicht ohnehin Pragmatiker. Der fast alterslos wirkende Alleskönner verordnete an all seinen Stationen einen Spielstil, der sich streng am Machbaren seines Kaders orientiert. Dem lebensfrohen Rheinländer ist auch die öffentliche Meinung beinahe egal, lieber vertraut er seinen Prinzipien, die sich an Werten wie Ehrlichkeit, Respekt und Aufrichtigkeit orientieren. Er lässt sich nicht verbiegen.

Dass aber auch bei der Fortuna als Tabellensechzehnter bei erst 15 Punkten nicht alles rund gelaufen ist, versteht sich von selbst. Die Düsseldorfer waren in der Hinrunde nicht immer eine Einheit. "Gerade in puncto Gemeinschaft fehlt uns noch ein bisschen", hat Kapitän Oliver Fink gesagt. Aber zuletzt gegen Union Berlin (2:1) zeigten die Düsseldorfer sich wieder als verschworene Gemeinschaft. Einen Tag später verkündete der Klub die Vertragsverlängerung um ein weiteres Jahr.

Was bei Funkel auffällt: An guten Tagen tritt er bei zu viel Lob sofort auf die Bremse, an schlechten Tagen weigert er sich, alles schlechtzureden. So dämpft er in jeder Hinsicht die Stimmungsschwankungen und findet ein gesundes Maß. Im Abstiegskampf ein wichtiger Mechanismus, um die Ruhe zu bewahren und die Glaubwürdigkeit zu behalten.

Kohfeldt gibt den Kuschelkurs auf

An Kohfeldt nagt unweigerlich die Krise mit der historisch schlechten Hinrunde mit nur 14 Zählern und 41 Gegentoren. Nicht einmal kamen die Grün-Weißen ohne Gegentreffer davon. Der letzte Auftritt beim 1. FC Köln (0:1) kam einem Offenbarungseid gleich. Zu lange hat die sportliche Leitung die offensichtlichen Probleme schöngeredet.

Kohfeldt hat den Kuschelkurs inzwischen aufgegeben. Im Mallorca-Trainingslager faltete er erste Akteure öffentlichkeitswirksam zusammen. Als Marco Friedl im Sitzen ein Foul reklamierte, ertönte der Anpfiff: "Genau das will ich nicht mehr sehen. In der Hinrunde kriegen wir vier Gegentore, weil wir liegen  bleiben." Doch wie glaubwürdig ist die Verwandlung zum Hardliner?

Vorbereitung könnte gegensätzlicher kaum sein

Funkel betrachtet es als höchstes Gut, im Umgang mit der Mannschaft authentisch zu bleiben. Der Routinier hat übrigens in der Wintervorbereitung in Marbella auch in der Belastungsfrage das Kontrastprogramm gegenüber Kohfeldt gefahren: ausgedehnte Einheiten, bei denen die Profis ordentlich ins Schwitzen kamen. Insgesamt spulte die Fortuna ein fast doppelt so hohes Pensum wie Werder ab.

Funkel wollte das nicht überbewerten. "Jeder Trainer hat da seine eigenen Ideen. Ob weniger manchmal mehr ist oder mehr manchmal zu viel, werden die nächsten Wochen zeigen." Oder am Samstag der direkte Vergleich. Zum Bundesliga-Start gewann Düsseldorf im Weserstadion übrigens vollauf verdient mit 3:1.

Stand: 17.01.2020, 11:58

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