Neue Vorwürfe gegen Trainer am FC Bayern Campus

FC Bayern Campus

Weiteres Ermittlungsverfahren

Neue Vorwürfe gegen Trainer am FC Bayern Campus

Von Matthias Wolf

Der FC Bayern Campus kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Rassismus-Eklat und Ermittlungen wegen Volksverhetzung gegen einen mittlerweile entlassenen Mitarbeiter des Nachwuchsleistungszentrums, bestätigt die Staatsanwaltschaft München gegenüber dem WDR-Hintergrundmagazin Sport inside nun ein zweites Ermittlungsverfahren.

In diesem geht es erneut um den besagten, ehemaligen Jugendtrainer und dessen mögliche Geschäftsbeziehung zu einem Spielerberater. Es gebe "ergebnisoffene Ermittlungen" wegen einer möglichen "Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr", teilte die Staatsanwaltschaft mit. Auslöser sei eine anonyme Anzeige, die bereits vor einigen Monaten gegen den Jugendtrainer und den Spielerberater gestellt wurde.

Vorwürfe von Eltern

Im Kern soll es darum gehen, was zahlreiche Mitarbeiter und Eltern von Jugendspielern Sport inside bereits gesagt haben: Sie seien vom dem belasteten Jugendtrainer gedrängt worden, mit einem bestimmten Spielerberater zusammenzuarbeiten und sich auch von ihrem bisherigen Manager zu trennen. Diese Vorwürfe waren bereits im September 2018 in den anonymen Briefen an den FC Bayern aufgetaucht. Darin hieß es sogar, der betroffene Jugendtrainer und sein engster Mitarbeiter hätten gesagt, "ohne Zusammenarbeit" mit dem Berater würde "kein Wechsel zum FC Bayern zustande kommen", weil der Klub dies angeblich wünsche.

Die Vorwürfe wurden in weiteren Briefen mehrfach erneuert. Der Vater eines Spielers sagte kürzlich zu Sport inside, weil er sich diesem Ansinnen verweigert habe, sei sein Sohn am Campus auf Anweisung des mittlerweile entlassenen Jugendtrainers ausgemustert worden: "Wir haben einen Anruf von dem Berater bekommen, der mit den beiden Bayern-Trainern zusammenarbeitet. Aber wir haben abgelehnt, denn wir haben einen Berater, dem wir mehr vertrauen. Auch das soll man uns übelgenommen haben."

Vor dem Hintergrund solcher Vorwürfe prüft die Staatsanwaltschaft nun auch mögliche Geldflüsse und inwiefern Jugendspieler am Campus auch nicht mehr sportlich zum Zuge gekommen sind, weil sie womöglich - aus Sicht des Trainers - den falschen Berater hatten.

Rassismus-Eklat beim FC Bayern sport inside 02.09.2020 10:50 Min. UT Verfügbar bis 02.09.2021 WDR

Jugendtrainer und Berater weisen Vorwürfe zurück

Es sind Ermittlungen in einer Grauzone des Fußballs. Berater versuchen, sich so früh wie möglich Spielermandate zu sichern, um dann auf dem Weg nach oben mitzuverdienen, sobald der erste Profivertrag ansteht. Viele Berater investieren also viel Zeit und bisweilen auch Geld in eine ungewisse Zukunft. Der von den Ermittlungen betroffene Berater formuliert das so: "Wenn wir einen 13- oder 14-Jährigen sehen, bei dem sich ein Engagement lohnen könnte, dann bemühen wir uns um den Spieler. Unsere Scouts werden am Erfolg beteiligt, wenn sich dieses Engagement irgendwann auszahlen sollte. Also wenn die Jungs ihren ersten Profivertrag unterzeichnen. Vorher erhalten unsere Scouts nur ihren Aufwand entschädigt."

Sowohl der Spielerberater als auch der Jugendtrainer wiesen gegenüber Sport inside die Anschuldigungen zurück. Beide betonten gegenüber Sport inside, noch keine Kenntnis von dem Ermittlungsverfahren zu haben. "Unser Mandant weist darauf hin, dass er zu keinem Zeitpunkt gegen strafrechtliche Vorschriften verstoßen hat", erklärt Christian Nohr, der Anwalt des Jugendtrainers. Dieser werde "selbstverständlich mit den Ermittlungsbehörden kooperieren". Sein Mandant sei von der Berateragentur "niemals bezahlt oder anderweitig vergütet" worden und habe dieser "auch nie zu Verträgen mit Jugendspielern verholfen".

Der betroffene Spielerberater äußerte sich ähnlich. "Es ist richtig, dass wir einige Spieler am Campus beraten, und darauf sind wir stolz. Aber weder ich noch Kollegen unserer Agentur haben Trainer des FC Bayern dafür bezahlt, um an Verträge mit Talenten zu kommen. Die Spieler kommen auf anderen Wegen, wie über Scouting, zu uns. Es gibt selbstverständlich keine geschäftliche Beziehung zwischen uns und den Trainern", so der Berater gegenüber Sport inside. Er kündigte an, zivil- und strafrechtlich gegen die Beschuldigungen vorzugehen.  "Derzeit habe ich den Eindruck, dass mein Name mit Schmutz beworfen werden soll."

Weiterer Trainer gerät in den Fokus

Unterdessen gerät in den Sport inside vorliegenden Aussagen auch immer häufiger der engste Mitarbeiter des entlassenen Jugendtrainers in den Fokus. Er ist nach wie vor am Campus tätig, soll womöglich sogar künftig mit größeren Kompetenzen ausgestattet werden. Dies, obwohl er bereits mehrfach belastet wurde. Auch in der Rassismus-Affäre soll er vieles zumindest geduldet haben, was sein belasteter Vorgesetzter mutmaßlich initiiert hat: Beleidigungen und Mobbing gegen Jugendspieler, vor allem mit Migrationshintergrund. Sein Name und der des bereits entlassenen Jugendtrainers werden ständig in einem Atemzug von Kritikern genannt. Nun auch in der möglichen Berater-Affäre am Campus.

In Chatverläufen einer campusinternen WhatsApp-Gruppe, in denen sich Jugendtrainer und Scouts austauschten und die Sport inside vorliegen, taucht der Name des Beraters häufig auf. "Dass es schon länger direkte Kontakte von dem Jugendtrainer", also dem bereits entlassenen, "und seinem engsten Vertrauten zu dem Spielerberater gab, ist offensichtlich", sagt ein langjähriger Campus-Mitarbeiter – und schildert detailliert ein so genanntes "Beratergespräch", bei dem der nun ebenfalls belastete Trainer sogar mit anwesend gewesen sei. Kein Einzelfall, laut einem anderen Mitarbeiter. Dieser Mitarbeiter spricht sogar von einem "offenen Geheimnis" am Campus, "dass illegale Kontakte" zwischen diesem Mitarbeiter und der Berateragentur existieren würde.

Der entlassene Trainer bestätigte lediglich, es sei Teil seiner Aufgaben gewesen, sich mit Eltern, Beratern und Jugendspielern zusammenzusetzen. Auch der betroffene Spielerberater, der einst zu dessen aktiver Zeit als Fußballer den nun zweiten betroffenen Jugendtrainer beraten hat, äußert sich ähnlich: "Ich weiß, dass es falsche Unterstellungen am Campus gibt, wir würden uns in den sportlichen Bereich einmischen, etwa dass unsere Spieler automatisch Stammspieler wären – auch das entspricht nicht der Wahrheit."

Rechtsabteilung des FC Bayern spricht mit Beratern

Trotz aller Dementis fragen sich viele: Bringen diese Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nun die Mauer des Schweigens zum Einsturz? "Viele regen sich auf, über die Nötigungen von Eltern zu einem bestimmten Berater zu gehen", sagt ein ehemaliger Trainer, "aber keiner traut sich was zu sagen." Doch auch beim FC Bayern stellt man sich womöglich mittlerweile die Frage: Wie eng und womöglich sogar strafbar sind diese Beziehungen zwischen Bayern-Mitarbeitern und Berateragenturen?

Nach Informationen von Sport inside wurden im Rahmen der internen Ermittlungen durch die Rechtsabteilung des Vereins auch Gespräche mit Beratern geführt. Der gesamte Fall aus Rassismus und möglichen dubiosen Geschäften scheint so komplex, dass der Verein bis heute keine weiteren Fragen zum Stand der Ermittlungen beantwortet hat und auch auf Fragen zur aktuellen Entwicklung und das neue Ermittlungsverfahren nicht antwortet.

Fans vermissen "Willen zur absoluten Aufklärung"

Da seit der ersten Berichterstattung von Sport inside nunmehr bereits vier Wochen vergangen sind, wird der FC Bayern dafür bereits heftig von eigenen Fans kritisiert. Die Vereinigung der aktiven Fans, der "Club Nr. 12", schrieb an Sport inside, es sei mit "einer einfachen Entlassung eines Jugendtrainers nicht getan". Viele Fans hätten den Eindruck,  dass die "bisherigen Reaktionen und Bemühungen des Vereins bei Weitem nicht ausreichen", man wolle nicht,  dass das Geschehene schnell in Vergessenheit gerät: "Was uns fehlt und für uns nicht ersichtlich ist, ist der Wille zur absoluten Aufklärung der Vorwürfe sowie als Reaktion darauf die Verbesserung der betroffenen Strukturen, durch die nicht betroffenen Verantwortlichen in Leitungsfunktionen an Campus."

Offensichtlich geben sich diese Anhänger auch nicht damit zufrieden, dass mittlerweile mit Hermann Gerland auch ein sportlicher Leiter vom Campus abgezogen wurde – und nun nur noch Co-Trainer bei den Profis ist. Die Frage, ob es zwischen den Ermittlungen und dieser Personalentscheidung einen Zusammenhang gibt, wollte der FC Bayern bisher auch nicht beantworten.

Unterdessen soll am 28. September die erste Arbeitsgerichts-Verhandlung zwischen dem FC Bayern und dem inzwischen entlassenen Trainer stattfinden. Dessen Anwalt Christian Nohr klagt sowohl gegen die fristlose Kündigung als auch die einige Tage später noch von seinem Mandanten unterschriebene Aufhebungs- und Abwicklungsvereinbarung. Nohr behauptet, auch schriftliche Beweise dafür zu haben, dass sein Mandant zu dieser Unterschrift unzulässig von Bayern-Verantwortlichen gedrängt wurde. Der FC Bayern hatte die Vorwürfe zurück gewiesen.

Stand: 09.09.2020, 10:34

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