Was Favre besser kann als Kovac

Dortmunds Cheftrainer Lucien Favre

Die Trainer im Vergleich

Was Favre besser kann als Kovac

Von Frank Hellmann

Niko Kovac schiebt auf einmal Borussia Dortmund die Favoritenrolle zu. Der Trainer des FC Bayern spürt selbst, dass ihm der Tüftler auf der Bank des Gegners vor dem Gipfeltreffen heute einiges voraus hat.

Understatement wird niemals mehr zum Markenkern eines Uli Hoeneß. Umso erstaunlicher die Botschaft, die das Oberhaupt des FC Bayern nach dem jüngsten Arbeitssieg, einem 2:0 gegen AEK Athen unter der Woche in der Champions League, übermittelte: "Wir fahren nicht als Favorit nach Dortmund, sondern als Außenseiter zum ersten Mal seit langer Zeit." Es scheint, als sei dem präsidialen Sprachrohr der Realitätssinn doch nicht völlig abhanden gekommen.

Denn wer sich die Spiele der beiden Branchenriesen, die seit geraumer Zeit sowohl wirtschaftlich als auch sportlich vorne stehen, betrachtet, kommt um solche Folgerungen nicht umhin. Was in München mühselig aussieht, wirkt in Dortmund befreit. Wo bei den Roten nach Lösungen gesucht wird, laufen bei den Schwarz-Gelben bereits die Automatismen ab. Ganz simpel: Nach den ersten zehn Spieltagen, zwei DFB-Pokalrunden und vier Champions-League-Durchgängen macht der BVB den deutlich besseren Eindruck als der FCB.

Hoeneß: "Wir sind Zweiter" Sportschau 09.11.2018 00:25 Min. Verfügbar bis 09.11.2019 Das Erste

Favre ist ein Detailarbeiter

Was zwangsläufig den Blick zu den Trainerbänken lenkt, wo hier Lucien Favre den glücklosen Nothelfer Peter Stöger, dort Niko Kovac den Altmeister Jupp Heynckes beerbte. In der Zwischenbilanz schneidet der Neu-Dortmunder deutlich besser ab als der Neu-Bayer. Der BVB beherrscht unter Favre auf die Schnelle beides: das kontrollierte Ballbesitzspiel und das schnelle Umschalten. Eine entscheidende Weiterentwicklung gegenüber dem Stil unter Jürgen Klopp.

Die von Favre schon in Mönchengladbach immer wieder eingeübten Prinzipien sind klar erkennbar: ruhiges Aufbauspiel, Angriffszüge über die Außen, flache Pässe in den Rücken der Abwehr. Und eines ist dem eher öffentlichkeitsscheuen Fußballlehrer heilig: Torschüsse nur aus aussichtsreicher Position abgeben. Der Trainer vertraut den statistischen Methoden, von welcher Position die Versuche den größten Erfolg bringen. Und das ist nun einmal im Strafraum. Der 61-Jährige ist in seiner Alltagsarbeit ein positiv verrückter Detailarbeiter. Fußstellung beim Blocken, Handhaltung beim Anlaufen: Es gibt fast nichts, womit er sich nicht beschäftigt.

Kovac ist ein Disziplinfanatiker

Auch Kollege Kovac arbeitet akribisch. Aber oft ging es schon in Frankfurt um andere Dinge als den Fußball. Das Trinken von lauwarmen Wasser zur Regeneration war Pflicht, überdies achtete der Coach hier streng auf Disziplin. Trainingseinheiten dauerten nicht selten zwei Stunden.

Bayerns Cheftrainer Niko Kovac

Bayerns Cheftrainer Niko Kovac

Auch bei den Bayern war der 47-Jährige sehr darauf bedacht, dass die Regeln des Miteinanders beachtet werden. Dass aber immer wieder Interna nach draußen dringen, gibt zu denken. Ist die Autorität des Trainerteams angekratzt? Für diese These lieferte nicht erst der Instagram-Eintrag von Lisa Müller, Ehefrau von Bayern-Unikum Thomas Müller, einige Indizien.

Was auf dem Platz als Versäumnis auffällt: Umso länger die Saison dauert, desto ausrechenbarer wirkt das Offensivspiel. Die individuelle Qualität ist hoch, aber als Kollektiv treten die Bayern selten auf. Es fehlen Handlungsoptionen nach vorne, weshalb der Ball mittlerweile zu mehr als der Hälfe bei den Abwehrspielern kreiselt, die nach Anspielstationen suchen.

Es passt eben nicht immer

Kovac hatte als Nationaltrainer Kroatiens kaum die Zeit, sich in Detailarbeit um eine Spielphilosophie zu kümmern. Er sagte selbst einmal, dass seine wichtigste Aufgabe darin bestand, die schwierigen Charaktere zu einem Team zusammenzuführen. Im Abstiegskampf bei Eintracht Frankfurt stand die Defensivarbeit im Vordergrund, auch später definierte sich seine Mannschaft zuvorderst über Leidenschaft, Körperlichkeit, Widerstandskraft - und Konterfußball.

So wie ihn Ausnahmestürmer Ante Rebic im Pokalfinale gegen den FC Bayern veredelte. Ein für Kovac typischer Triumph. Aber nach München passt diese Herangehensweise eher weniger. Es wirkt, als habe Borussia Dortmund genau den richtigen, Bayern München aber womöglich den falschen Fußballlehrer verpflichtet. Woher rühren diese Unterschiede? Die beiden sind völlig unterschiedliche Typen, was ihre Sozialisation, aber auch ihre Spielerkarriere angeht.

Unterschiedliche Typen

Favre stammt aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz, spielte 24 Mal für die Schweizer Nationalmannschaft, zog als Spielmacher die Fäden bei Neuchâtel Xamax, FC Toulouse und Servette Genf. Seine Karriere wurde durch eine schwere Knieverletzung überschattet. Vorausgegangen war ein schweres Foul, es gab sogar einen Zivilprozess, den ersten in der Geschichte des Schweizer Fußballs. Die 5000 Franken entschädigten Favre nicht für die Langzeitfolgen.

Kovac wuchs im Berliner Stadtteil Wedding auf. Die Jugendzeit war nicht immer einfach, die Sitten auf dem Bolzplatz rau. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Robert kämpfte sich Niko Kovac durch, wurde Profi bei Hertha BSC, spielte für Bayer Leverkusen, den Hamburger SV und zwei Jahre von 2001 bis 2003 beim FC Bayern.

Er machte 83 Länderspiele für die kroatische Nationalmannschaft. Sein Markenzeichen waren Kampf, Einsatz und Hingabe, aber er verfügte als defensiver Mittelfeldspieler auch über strategische Fähigkeiten. Die Schönspielerei überließ er anderen. Immerhin: Die Gewinnermentalität schien ihm angeboren. Nur könnte das zu wenig sein, um dauerhaft als Trainer beim FC Bayern Erfolg zu haben.

Stand: 10.11.2018, 09:50

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