Darum ist Lucien Favre so erfolgreich

Marco Reus vom BVB mit Trainer Lucien Favre im Training

Interview mit Christoph Biermann

Darum ist Lucien Favre so erfolgreich

Ob mit Gladbach, Nizza oder dem BVB: Trainer Lucien Favre hat überall Erfolg. Wie kann das sein? Der Fußball-Experte und Buchautor Christoph Biermann kennt ein paar Gründe.

sportschau.de: Herr Biermann, was zeichnet den Fußball-Lehrer Lucien Favre aus?

Christoph Biermann: Er ist einerseits jemand, der für Fußball steht, weil er selbst ein sehr guter Mittelfeldspieler gewesen ist. Er liebt Fußballer, die das Spiel verstehen, die ein Gespür für Räume und Situationen haben. Er ist nicht jemand, der wie andere Kollegen über die Idee kommt, wie man gegen den Ball spielt und wie man das gegnerische Spiel lahmlegt. Der Fußball von Lucien Favre führt dazu, dass man ihn sich gerne anschaut. Trotzdem ist er gleichzeitig jemand, der ein tiefes Verständnis für die Defensive des Spiels hat. Und er ist jemand, der in all seinen Stationen überraschend und über die Maßen erfolgreich gewesen ist.

sportschau.de: In Ihrem Buch "Matchplan" widmen Sie ihm ein ganzes Kapitel. Würden Sie das mal zusammenfassen?

Biermann: Es gibt einen neuen Wert im Fußball, der "Expected Goals" heißt. Das ist so etwas wie ein Chancen-Indikator. Das ist ein hilfreicher Wert, um ein Gespür zu bekommen oder sich auch noch einmal abzusichern, ob eine Mannschaft wirklich glücklich gewonnen hat.

Bei Lucien Favre passiert aber jetzt etwas Verblüffendes. Wenn man sich diese Expected Goals anschaut, also die Qualität seiner Torchancen und die Zahl der realen Tore, die seine Mannschaften schießen oder kassieren, müsste man denken, dass Lucien Favre der größte Glücksritter in der Geschichte des Fußballs ist - weil er immer mehr herausbekommt als hineingegeben wird. Das konnte man in Mönchengladbach und in Nizza sehen, und das kann man jetzt auch wieder bei Borussia Dortmund sehen.

Fußball-Experte Christoph Biermann über das System Favre

Sportschau 20.12.2018 16:19 Min. Verfügbar bis 20.12.2019 ARD

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sportschau.de: Sie sagen zwar, es sehe aus, als sei er ein Glücksritter. Es hört sich aber so an, als sei er das eben nicht. Warum übererfüllt er denn die Erwartungen?

Biermann: Favre schafft es, dass sich der Gegner zwar viele Torchancen aus vermeintlich guten Positionen heraus erspielt. Diese Chancen sind dann aber wertlos, weil er viele eigene Spieler zwischen Ball und Tor bringt. In der Offensive hingegen spielt er gar nicht so viele Torchancen heraus, viele Schüsse werden auch nicht aus der allerbesten Position abgegeben. Aber die Spieler schießen nur, wenn wenige Gegner dazwischen stehen.

sportschau.de: Lucien Favre sagt also: Schießt, wenn ihr freie Bahn habt. Ihr könnt auch den Gegner schießen lassen, aber bitte nicht im Strafraum und am besten mit zwei Leuten dazwischen.

Biermann: Genau. Er sorgt dafür, dass der Gegner zwar nicht wenig schießt, aber die Schüsse einfach keine gute Qualität haben. Und dass die eigenen Spieler ihrerseits in eine gute Position kommen. Für mich ist das Musterbeispiel dafür Paco Alcácer. Nach den Expected Goals liegt der Wert ungefähr bei 4,68. Aber er hat ja, wenn ich das richtig parat habe, schon 11 Tore geschossen. Das heißt, dass er dramatisch darüber liegt.

sportschau.de: Wenn ich es recht in Erinnerung habe, hat Alcácer in Düsseldorf sogar sein zwölftes Saisontor gemacht. Jetzt gehen die Dortmunder mit sechs Punkten Vorsprung in das Topspiel gegen Gladbach. Wie hat es Favre so schnell geschafft, den BVB nach oben zu bringen?

Biermann: Das ist natürlich faszinierend, man muss allerdings auch ehrlich sein: Mit dem neuem und jungem Personal war das nicht zu erwarten. Darauf hebt Lucien Favre ja auch zu Recht immer wieder ab. Doch da passt jetzt vieles, auch dass Marco Reus endlich mal richtig gesund und in der Blüte seiner Kraft ist. Man kann natürlich vieles der detaillierten Arbeit von Lucien Favre zuschreiben, aber viele Dinge sind beim BVB auch an den richtigen Platz gefallen.

sportschau.de: Expected Goals klingt sehr nerdig. Lucien Favre gilt auch als Fußballnerd.

Christoph Biermann

Christoph Biermann

Biermann: Soweit ich weiß, ist Favre an den ganzen Fußball-Daten nicht sonderlich interessiert. Er gehört zu den Trainern, die sehr viel Spielanalyse mit Videos betreiben. Prototyp dafür ist natürlich Pep Guardiola, der obsessiv Videos schaut, um seine Mannschaft auf Gegner einzustellen. Von Lucien Favre wissen wir, dass auch er einen Großteil seiner Freizeit damit verbringt, Videos der eigenen Mannschaft und der Gegner anzuschauen.

sportschau.de: Was ist Lucien Favre für ein Mensch abseits der Kameras?

Biermann: Ich fand ihn immer unheimlich freundlich, aber zugleich ist er distanziert. Distanziert zu Spielern und Leuten, mit denen er zusammenarbeitet. Immer ein Stück auch entrückt. Ein sehr eigenwilliger Mensch, ein bisschen wie ein Künstler und natürlich ein toller Trainer.

sportschau.de: So etwas kann auch anstrengend sein, gerade für junge Spieler. Wann hat sich so etwas verbraucht?

Biermann: Ich weiß nicht, ob sich das unbedingt verbrauchen muss. Diese Distanz sorgt ja auch dafür, dass man nicht ständig das Gefühl hat, bedrängt zu werden. Es gibt Trainer wie Thomas Tuchel, der ja quasi jede Minute des Tages von seinen Spielern Weiterentwicklungen und sowas einfordert. Das ist bei Lucien Favre nicht der Fall. Das ist alles sehr pointiert, klar und sehr detailliert.

Mit Lucien Favre kann ein Spieler darüber sprechen, wie er seine Hand halten soll, wenn er sprintet, wo er seinen Fuß hinstellt, wenn er eine Flanke blockt und wo der andere Fuß ist. Das geht sozusagen in die Mikroebene des Spiels. Aber ich habe bislang nicht den Eindruck, dass er die Leute überfordert. Was bei ihm vielleicht eher das Problem sein könnte ist das besessene Arbeiten, dass er sich eher erschöpft als seine Spieler. Er hat ja bei Gladbach mehrfach seinen Rücktritt angeboten. Das ist natürlich auch Ausdruck einer solchen Erschöpfung.

sportschau.de: Wie viel Lucien Favre steckt heute noch in Borussia Mönchengladbach?

Lucien Favre als Trainer bei Borussia Mönchengladbach

Lucien Favre als Trainer bei Borussia Mönchengladbach

Biermann: Das Interessante ist, dass die letzten Reste von Lucien Favre jetzt weg sind. Mönchengladbach hat lange mit zwei Stürmern gespielt, die aber keine klaren Mittelstürmer waren - Raffael und Max Kruse waren dabei, Lars Stindl auch. Und jetzt hat das Team mit Alassane Pléa mal wieder einen klassischen Mittelstürmer, der auch entsprechend bedient wird. Das ist so ein bisschen wie der letzte Abschied von Lucien Favre.

sportschau.de: Was prognostizieren Sie in dieser Saison für Dortmund und Gladbach?

Biermann: Ich denke, dass Dortmund eine realistische Chance hat, deutscher Meister zu werden. Allerdings ist der Vorsprung nicht so groß, wie er sich lange Zeit angefühlt hat. Es besteht auch noch eine große Möglichkeit, dass der FC Bayern den BVB noch einholt.

Und bei Mönchengladbach habe ich den Eindruck, dass es stabil genug ist und hoffen kann, in die Champions League zu kommen. Bei all dem ist Fußball aber ein Spiel, das von Zufällen bestimmt ist. Und da können diese Prognosen auch schwungvoll hinweg wehen.

Das Gespräch führte Marcus Bark

*Das Interview ist eine redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs, das wortgenau hier als Audio zu hören ist.

Stand: 21.12.2018, 06:00

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