Organisierte Fans - "Wir wollen Teil der Lösung sein"

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Organisierte Fans - "Wir wollen Teil der Lösung sein"

Die Fußball-Bundesliga ist durch die Coronavirus-Krise in eine schwere Schieflage geraten. Die organisierten Fans wollen mithelfen, damit sich die Klubs davon erholen können. Markus Sotirianos, Vorstandsmitglied von "Unsere Kurve", im Interview über kurzfristige Hilfen, die Suche nach langfristigen Lösungen und den Wunsch nach neuen Strukturen.

Herr Sotirianos, wie kann eine Mithilfe der Fans aussehen?

Markus Sotirianos: Da sind viele Aktionen denkbar. Man sieht ja schon, wie sich die Fans an verschiedenen Standorten sowohl bei Bundesligaklubs als auch bei kleineren Vereinen aktiv beteiligen. Vor allem mit sozialen Aktionen, mit denen sie dem einzelnen Klub konkret unter die Arme greifen. Diese Hilfe ist nicht zu unterschätzen.

Was wird von den unterschiedlichen Fangruppen bereits gemacht?

Sotirianos: Es geht in dieser Frage um einen größeren Gesamtzusammenhang. Wir stehen ja noch alle am Anfang dieser besonderen Situation. Es gibt viele Aktionen, die jetzt kurzfristig gemacht werden. Es kann ein Verzicht auf Rückerstattungen für Tickets sein. Oder es kann der Verkauf von virtuellen Bratwürsten sein, um kleine Beträge für Klubs zu organisieren. In dieser Richtung gibt es ja schon einige Bestrebungen. Eine richtige Perspektive muss man aber dann mit allen Beteiligten klären, wenn auch wirklich absehbar ist, um welche Dimensionen, um welche Geldbeträge es genau geht.

Was schwebt Ihnen konkret vor?

Sotirianos: Es könnte ja auch so etwas wie eine Mischkalkulation sein. Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die durch die Bundesliga finanziell sehr wohlhabend geworden sind wie Spieler, Berater oder andere, die mit Geld unterstützen könnten. Aber es kann auch die ideelle Unterstützung der Fans sein, die sehr wichtig ist.

Was macht diese ideelle Unterstützung aus?

Sotirianos: Sie zeigt, wie stark der Fußball in der Stadt-Gesellschaft, in der regionalen Gesellschaft verankert ist. Und wenn sich jeder, der mit dem Fußball verbunden ist, engagiert, und wenn er auch nur Zeit zur Verfügung stellt, etwa einkaufen geht und schaut, wo Hilfe benötigt wird, dann ist das eine wichtige Funktion. Und der jeweilige Verein kann dabei als wichtige Schnittstelle fungieren.

Die Fan-Organisation "Unsere Kurve" fordert von der Liga und den Klubs, besser informiert zu werden. Worüber genau?

Das ist "Unsere Kurve"

Die Interessengemeinschaft "Unsere Kurve" ist ein vereinsübergreifender Zusammenschluss der organisierten Fußballfans in Deutschland. Es die größte Interessenvertretung der aktiven Fußballfans und sie tritt für den Erhalt der Fankultur und der Freiräume für Fans ein. Gegründet wurde "Unsere Kurve" im Jahr 2005 in Bielefeld. Mitmachen können Faninitiativen (Supporters Clubs, Fanabteilungen und vergleichbare Fanprojekte, die in die vereinspolitische Fanarbeit integriert sind) aller Vereine. Ziele sind u.a. der Erhalt der "50+1"-Regel, die einheitliche Umsetzung der neuen Stadionverbotsrichtlinien, die Stärkung selbstorganisierter Faninitiativen.

Sotirianos: Es geht um die finanzielle Situation der einzelnen Vereine, einen direkten Einblick und gemeinsame Überlegungen, wie man aus dieser Krise herauskommen kann. An einigen Standorten gibt ja auch schon Gespräche. Vor allem Fanbeauftragte können als Hauptamtliche in die jeweiligen Fanszenen hineinwirken und die Möglichkeiten erwecken - sowohl im Großen als auch im Kleinen.

Hat sich etwas an den Beziehungen zwischen Fan-Organisationen und den Vereinen in den vergangenen Tagen verändert?

Markus Sotirianos

Markus Sotirianos, Vorstandsmitglied von "Unsere Kurve"

Sotirianos: Gerade in der jüngsten Zeit hat sich ja gezeigt, dass die Fanansichten nicht unbedingt das Gehör gefunden haben, das man sich von unserer Seite gewünscht hätte. Dann ist es ja auch zum großen Knall gekommen. Es gibt da sicherlich Verbesserungspotenzial, aber natürlich wird in den letzten Tagen lokal an vielen Stellen sehr Gutes auf die Beine gestellt.

Wo sehen sie das Potenzial?

Sotirianos: Große Vereine verstehen sich als Wirtschaftsunternehmen. Und wenn Fans dann eher "traditionalistische" Sichtweisen haben, ist das eine Frage, wie man diesen scheinbaren Widerspruch miteinander aushandelt. Lokal passiert in der aktuellen Frage aber ziemlich viel, allerdings müssen die Vereine auch erstmal selbst eine Strategie finden. Es ist natürlich gut, wenn dabei schon Fan-Vertreter involviert werden.

Sind Sie erschrocken darüber, dass die Bundesligaklubs bei über vier Milliarden Euro Umsatz im Jahr nicht in der Lage sind, ein paar Monate zu überbrücken?

Sotirianos: In gewisser Weise schon. Wir haben schon lange gesagt, dass die Schraube sehr stark überdreht ist und diese extreme Form der Kommerzialisierung den Handelnden auf die Füße fallen kann. Aber wir wollen uns jetzt nicht hinstellen und sagen: Wir haben es schon immer gewusst.

Sondern?

Sotirianos: Wir wollen Teil der Lösung sein. Der Fußball ist uns wichtig, wird er uns auch bleiben. Es ist auch nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Wenn diese ganze Krise überstanden ist, muss man sich nochmal zusammensetzen und versuchen, Strukturen zu entwickeln, die sicherstellen, dass so etwas nicht nochmal passiert.

Das Interview führte Jörg Strohschein

Stand: 22.03.2020, 19:33

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