Fanproteste kommen für den DFB zur Unzeit

Die Fans protestieren bei dem Spiel Stuttgart gegen Düsseldorf gegen die EM-Bewerbung 2024

Bundesweiter Aktionsspieltag

Fanproteste kommen für den DFB zur Unzeit

Von Christian Steigels

In der Englischen Woche protestieren deutsche Fans: gegen die weitere Kommerzialisierung des Fußballs, gegen den DFB und Präsident Reinhard Grindel. Vor dem Hintergrund der EM-Bewerbung kommt der Protest aus Sicht des DFB zur Unzeit.

Für Markus Stenger ist die Sache klar: Die Bewerbung für die WM 2024 sei "keine alleinige Bewerbung des DFB, sondern eine des gesamten Landes", sagte der Leiter des DFB-Bewerbungsverfahrens in einem Interview vor wenigen Tagen. Das stimmt zumindest formal so nicht: Offiziell bewirbt sich der DFB. Und auch der zweite Hinweis Stengers, dass die Zustimmungswerte in der Bevölkerung hoch seien, kann zumindest angezweifelt werden.

Denn die Bilder des vergangenen Wochenendes sprechen eine andere Sprache - die Zustimmungswerte in den Stadien scheinen nicht sonderlich hoch. In den Fankurven der ersten drei Fußball-Ligen waren vielmehr Protest und Ablehnung sichtbar. In Stuttgart hielten die Fans ein riesiges Banner mit dem Schriftzug "United by money - korrupt im Herzen Europas" hoch, in Anlehnung an die Bewerbungskampagne "United by football – vereint im Herzen Europas". "Wir brauchen keine gekaufte EM, sondern Veränderungen", forderten Gladbacher Fans in Berlin.

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Vielfältiger Protest in der Englischen Woche

Die Aktion kommt für den DFB zur Unzeit: Am Donnerstag wird am UEFA-Sitz in Nyon über die EM-Bewerbung entschieden. Kurz vor dem finalen Akt holen die Verantwortlichen noch mal die große Werbetrommel raus und wollen im Herzen des Fußballs werben. Bereits am vergangenen Wochenende war DFB-Aktionsspieltag mit gemeinsamen Mannschaftsfotos und schwarz-rot-goldenen Ärmellogos.

Stimmungsboykott: Fans protestieren gegen DFB und DFL

Sportschau | 25.09.2018 | 02:33 Min.

Die dazu passenden emotionalen Bilder von einem fußballbegeisterten Land, das geschlossen die Ausrichtung der EM 2024 befürwortet, liefern die Fans nicht: Auch für die Englische Woche hat das Fanbündnis "Fanszenen Deutschlands" Protest angekündigt. Die Maßnahmen reichen in den verschiedenen Stadien von schweigendem Boykott wie in München oder in Bremen bis zu lautstarkem Protest, erklärt der Mönchengladbacher Fan Markus Weiler sportschau.de.

Die Fans von Hannover 96 protestieren gegen Deutschlands Bewerbung für die Austragung der EM 2024

Auch die Fans von Hannover protestierten am vergangenen Wochenende.

"Der Protest richtet sich gegen verschiedene Entwicklungen im Fußball. Die immer weiter fortschreitende Kommerzialisierung, die sich zum Beispiel in der Spieltagszerstückelung ausdrückt, in Montagsspiele und in unverständlich gelegten Freitagsspielen, die nur auf Wunsch der TV-Partner stattfinden, aber nicht die Interessen der Fans berücksichtigen", so Weiler. Die DFL möchte die Proteste auf Nachfrage nicht bewerten, die Tür zum Dialog stehe aber weiter offen. Beim DFB äußerte man sich auf Nachfrage von sportschau.de bislang nicht.

Fans befürchten weitere Kommerzialisierung und härtere Gangart

Aus dem Nichts kommen die Proteste nicht. Schon bei den Partien der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals im August war es zu Aktionen unter dem Motto "DFB, DFL & Co. - Ihr werdet von uns hören!" gekommen. Wenige Tage später gab das Fanbündnis bekannt, den Dialog mit dem DFB und der Deutschen Fußball Liga (DFL) aufzukündigen.

Der Zusammenhang der aktuellen Proteste zur EM-Bewerbung sei nicht geplant gewesen, erklärt Weiler. Die meisten Fans sähen die Bewerbung aber eher skeptisch. Weil man im Rahmen von Großturnieren zunehmende Kommerzialisierung und eine "härtere Gangart gegen Fans, die ihren Protest darüber im Stadion ausdrücken wollen", erwarten könne, so Weiler. Auch das von der UEFA vorgeschriebene Demonstrationsverbot von 500 Metern rund um die Stadien kritisiert Weiler.

Fanforscher - "Fans halten EM-Bewerbung für falschen Fokus"

Sportschau | 25.09.2018 | 03:23 Min.

Fanforscher Jonas Gabler von der "Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit" sieht den Zeitpunkt des Protestes, wenn auch nicht unbedingt bewusst gewählt, zumindest als passend an. In der Logik der aktiven Fans sei die Bewerbung für die Europameisterschaft der falsche Fokus. "Der DFB konzentriert sich auf ein großes Schaufensterturnier, aber nicht auf die Probleme der Fans. Das wird als das falsche Vorgehen verstanden." Hinzu komme, dass eine WM nie Vorteile für die Fans in den Ausrichterländern bringe. "Auch die WM 2006 war mit einer rigideren Linie im Umgang mit Fußballfans verbunden", so Gabler.

Auch aus einem andere Grund ergibt die Gleichzeitigkeit von EM-Bewerbung und Fan-Protest Sinn für die Anhänger. Ziel des Protests ist vor allem auch Reinhard Grindel, der Mann an der Spitze des DFB. Die EM-Bewerbung ist das Leuchtturmprojekt des ehemaligen Bundestagsabgeordneten. Grindel selbst hat den 27. September als wichtigstes Datum im Jahr 2018 bezeichnet.

Grindel selbst wird den Protest nicht miterleben

Eine verständliche Aussage, aus seiner Sicht: Sollte Deutschland den Zuschlag wider Erwarten nicht bekommen, dürfte Grindel seinen Posten los sein. Denn nicht nur bei den Fans hat der Niedersachse keine Lobby. In der Liga, bei den Vereinen, auf Amateurebene: Fürsprecher des 57-Jährigen sind nicht leicht zu finden, weder in den Ligen, bei den Vereinen oder auf Amateurebene. Unter anderem werden sein Umgang mit der Causa Özil, die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Joachim Löw vor der WM und seine mangelnden Führungsqualitäten angeführt.

Direkt miterleben wird zumindest Grindel den Protest nicht. Der 57-Jährige weilte am Montagabend (24.09.2018) bei der Weltfußballer-Gala in London und reist direkt im Anschluss nach Nyon, wo am Donnerstag auch über seine Zukunft entschieden wird.

mit sid/dpa/red | Stand: 25.09.2018, 12:00

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