Dieter Hecking - Zum Abschied nochmal "King"?

Gladbachs Trainer Dieter Hecking beim Spiel gegen Werder Bremen

Borussia Mönchengladbach

Dieter Hecking - Zum Abschied nochmal "King"?

Von Tim Beyer

Die Beziehung zwischen Borussia Mönchengladbach und Dieter Hecking endet bald, das ist seit Wochen bekannt. Offen ist noch, wie sie endet: Mit einem Sieg gegen Dortmund könnte sich Gladbach sogar für die Champions League qualifizieren.

Wenn die Spieler von Borussia Mönchengladbach am Sonntag zu Webezwecken nach China fliegen, werden sie das ohne ihren Trainer tun. Dieter Hecking wird nicht mitfliegen, womöglich wird er sich stattdessen in sein Auto setzen und nach Bad Nenndorf fahren. In der Nähe der Kleinstadt westlich von Hannover leben die Heckings seit vielen Jahren, der Trainer Dieter und seine Frau Kerstin, fünf Kinder, zwei Hunde und drei Pferde. Es werden dann Tausende Kilometer zwischen den Gladbachern und Dieter Hecking liegen, und womöglich ist dies das deutlichste Zeichen für das Scheitern einer Beziehung, die man noch zu Weihnachten als überaus intakt bezeichnet hätte.

Da waren die Gladbacher Dritter in der Bundesliga, sie lagen nur drei Punkte hinter dem FC Bayern und der Trainer Hecking war einer, über den man nur Gutes zu hören bekam. Nach einer verkorksten Saison, in der Mönchengladbach nach guter Hinrunde noch die Teilnahme an der Europa League verspielt hatte, habe er die richtigen Schlüsse gezogen, hieß es. Hecking verordnete Gladbach ein offensives 4-3-3 und plötzlich galoppierten die Fohlen so quietschfidel durch die Bundesliga, als hätten sie auch zuvor nie gelahmt.

Ins Jahr 2019 startete Gladbach noch mit drei Siegen, doch fortan war es vorbei mit der Herrlichkeit am Niederrhein. Der Einbruch kam abrupt, er war einigermaßermaßen unerklärlich und dennoch für jeden zu erkennen: Plötzlich fehlte es dem Spiel der Gladbacher an Zielstrebigkeit, Spieler wie Thorgan Hazard oder Alassane Plea, die zuvor so zuverlässig getroffen hatten, schossen plötzlich freistehend daneben. Es häuften sich individuellen Fehler, man sah das gut an den Ergebnissen. Einmal musste Gladbach gar vier Spiele auf einen Sieg warten.

"Die schwierigsten Wochen meiner Trainerlaufbahn"

Irgendwann in diesen Wochen muss auch der Sportdirektor Max Eberl die Geduld verloren haben. Jedenfalls teilte er Hecking am 1. April mit, dass er die Borussia am Saisonende verlassen müsse, tags darauf informierte Eberl die Öffentlichkeit. Nur fünf Punkte holte Gladbach aus den darauffolgenden fünf Spielen, die Mannschaft lief Gefahr, erneut aus den Europacup-Plätzen zu rutschen. Und als Eberl verkündete, dass Marco Rose, aktuell noch sehr erfolgreich in Salzburg tätig, neuer Trainer werde, sagte er: "Wenn ein Mann wie er zu haben ist, muss man sich das gut überlegen."

Seitdem sind sieben Wochen vergangen, die Hecking gerade erst als die "schwierigsten seiner Trainerlaufbahn" bezeichnet hat. Wobei er die vergangenen 13 Tage doch sehr genossen haben dürfte. Erst erkämpfte sich Gladbach gegen spielerisch überlegene Hoffenheimer in der Schlussphase noch ein Unentschieden, dann gewann das Team in Nürnberg deutlich 4:0. Vor dem letzten Spieltag steht Gladbach nun wieder auf dem vierten Platz, die Europa League ist gesichert, mit einem Sieg im Heimspiel gegen den BVB könnte es sogar die Champions League werden.

Gladbach-Trainer Hecking: "Außenseiterrolle kann uns liegen" Sportschau 16.05.2019 01:41 Min. Verfügbar bis 16.05.2020 Das Erste

Stindl, der Motivator

Jetzt, im Endspurt der Saison, läuft es plötzlich wieder. Hazard hat gegen Nürnberg sein erstes Tor in diesem Jahr geschossen und der lange verletzte Ibrahima Traoré lieferte zwei Vorlagen. Dass Gladbach plötzlich und allen Querelen zum Trotz das Saisonziel sogar übererfüllen könnte, liegt auch an einigen Spielern, die zuletzt oft enttäuscht oder kaum gespielt hatten, und an Lars Stindl, dem Kapitän, der wegen eines Schienbeinbruchs noch Monate pausieren muss. Vor dem Spiel gegen Nürnberg habe Stindl die Mannschaft zusammengerufen und eine Ansprache gehalten, berichtet die "Sport Bild". So soll er gesagt haben, Gladbach habe "eine geile Saison" gespielt, müsse sich nun aber dafür belohnen.

Stindl hat sicher schon besser gespielt als in dieser Saison. Grundlegende Zweifel an seinem Wert für die Mannschaft gab es dennoch nie, auch wenn Hecking ihn zwischenzeitlich schon mal auf die Bank gesetzt hat. Bei Josip Drmić war das anders, er hat in Gladbach noch nie die Rolle gespielt, die man bei seiner Verpflichtung vor bald vier Jahren für ihn vorgesehen hat. Oft war er verletzt, spielen durfte er nur selten.

Doch gegen Hoffenheim reichten ihm acht Minuten, um einen besseren Eindruck zu hinterlassen und zum ersten Mal in dieser Saison zu treffen. Und gegen Nürnberg durfte er erstmals von Anfang an ran und knipste erneut. Überhaupt, Saisonendspurt kann Drmić: Schon vor einem Jahr drehte der Schweizer zum Ende hin auf und traf an den letzten drei Spieltagen dreimal. Jetzt spekuliert der "Express", womöglich werde der auslaufende Vertrag nun doch noch verlängert.

"Mein Abschied ist jetzt nicht wichtig"

Hecking wird auf diese Entscheidung keinen Einfluss mehr haben. In sechs Wochen endet seine Zeit bei Borussia Mönchengladbach auf dem Papier, er war dann zweieinhalb Jahre am Niederrhein tätig. "Natürlich kann es emotional werden, aber ich spiele keine Hauptrolle. Mein Abschied ist jetzt nicht wichtig", sagte Hecking in dieser Woche vor dem entscheidenden Spiel gegen Dortmund. "Ich will auch für die Jungs diesen krönenden Abschluss, denn Platz vier hat sich die Mannschaft absolut verdient."

Der krönende Abschluss, das wäre der Einzug in die Champions League. Hecking würde dann als ein Trainer gegangen, der seine Spieler in die Königsklasse geführt hat. Er hat auf diesem Niveau schon trainiert, 2016 coachte er den VfL Wolfsburg bis ins Viertelfinale gegen Real Madrid. Ein Jahr zuvor hatte er die Niedersachsen bis ins Viertelfinale der Europa League geführt und anschließend noch den Pokal gewonnen.

Anschließend sah man Hecking feiern, er trug eine Mütze, auf der "King" stand, es war ein Geschenk seiner Söhne. In Wolfsburg erinnern sie sich noch heute gerne, die Mütze hängt mittlerweile im Vereinsmuseum. Es ist jedoch nicht unbedingt damit zu rechnen, dass die Gladbacher Hecking am Samstag erneut mit einer solchen Kopfbedeckung krönen werden.

Der Trainer Dieter Hecking mag bald einer ohne Job sein, doch große Sorgen wird er sich deswegen nicht machen müssen. Bei Schalke und in Köln wurde sein Name gehandelt, bevor man dort David Wagner und Achim Beierlorzer verpflichtete. Nun gilt Hecking als Kandidat beim Hamburger SV, der sich nach dem verpassten Wiederaufstieg nach Stabilität sehnt.

Womöglich wäre Hecking dafür besser als viele andere Trainer geeignet. Er hat ja das ja gerade erst wieder bewiesen: dass er mit schwierigen Situationen umgehen kann. Beim HSV, diesem strauchelnden Klub, der noch immer von Ruhm vergangener Zeiten zehrt, bekäme er sicher bald wieder die Möglichkeit, das unter Beweis zu stellen.

Stand: 17.05.2019, 14:20

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