Phantomtorhüter und Twitter-Experten - die Elf der Rückrunde

Phantomtorhüter und Twitter-Experten - die Elf der Rückrunde

Von Christian Steigels

Ein nationaler Hoffnungsträger ohne Einsatz, ein überraschter Debütant und jede Menge treue Seelen: Sportschau.de präsentiert die Elf der Rückrunde - mit den schönsten und kuriosesten Geschichten der vergangenen Monate.

Torwart Manuel Neuer mit Krücken

Tor - Manuel Neuer (Bayern München) Wie viele Spiele absolvierte der Nationaltorhüter in der Rückrunde 2017/2018? Genau: kein einziges. Und doch war er als Phantom omnipräsent in den Medien. Jeder Schritt und Nicht-Schritt wurde diskutiert, jeder Experte musste in scheinbar vorgeschriebener Regelmäßigkeit seine Ferndiaognose abgeben, soll der Keeper doch trotz allem Deutschland zur Titelverteidigung führen. Neuer macht Krafttraining, Neuer macht Lauftraining, Neuer trainiert mit dem Ball, Neuer geht alleine zum Bäcker, Neuers Rückkehr steht bevor, Neuers Rückkehr verzögert sich, Neuer im Wartestand, Neuer zweifelt, Neuer hofft. So präsent war selten ein Abwesender.

Tor - Manuel Neuer (Bayern München) Wie viele Spiele absolvierte der Nationaltorhüter in der Rückrunde 2017/2018? Genau: kein einziges. Und doch war er als Phantom omnipräsent in den Medien. Jeder Schritt und Nicht-Schritt wurde diskutiert, jeder Experte musste in scheinbar vorgeschriebener Regelmäßigkeit seine Ferndiaognose abgeben, soll der Keeper doch trotz allem Deutschland zur Titelverteidigung führen. Neuer macht Krafttraining, Neuer macht Lauftraining, Neuer trainiert mit dem Ball, Neuer geht alleine zum Bäcker, Neuers Rückkehr steht bevor, Neuers Rückkehr verzögert sich, Neuer im Wartestand, Neuer zweifelt, Neuer hofft. So präsent war selten ein Abwesender.

Abwehr - Philipp Max (FC Augsburg) Sein Vater verstand sich eher aufs Toreschießen - Martin Max erzielte in beinahe 400 Bundesligaspielen 126 Tore. Sohn Philipp hat sich als Zuarbeiter etabliert - und wie: 13 Tore bereitete der selbstgewählte Blondschopf in dieser Saison vor - niemals zuvor legte ein Verteidiger in der Bundesliga so viele Treffer auf. Kein Wunder, dass die Rufe lauter werden, Joachim Löw möge den Augsburger mit zur WM nach Russland nehmen. Schließlich war auch sein Vorgänger als erfolgreichster Defensiv-Vorlagengeber eine feste Größe in der Nationalmannschaft: Ein gewisser Philipp Lahm schaffte in der Saison 2012/2013 elf Vorlagen.

Abwehr - Niklas Süle (Bayern München) Das Lob kam von höchster Stelle: "Ich will ihn jetzt nicht mit Franz Beckenbauer vergleichen", sagte Coach Jupp Heynckes: "Aber der Franz hat ja auch viele Eigentore gemacht." Niklas Süle hat dem "Kaiser" indes etwas voraus. Während Beckenbauer vier Eigentore in seiner ganzen Karriere erzielte, traf Süle innerhalb nur einer Halbserie drei Mal ins eigene Netz, genau genommen innerhalb von handgestoppten 105 Tagen: daheim gegen Bremen, in Augsburg und beim 1. FC Köln. Damit stellte der frühere Hoffenheimer einen vier Jahrzehnte alten Rekord ein. In der gesamten Saison 1977/78 war der damalige Hamburger Manfred Kaltz genauso eiskalt vor dem eigenen Tor.

Abwehr - Jonas Hector (1. FC Köln) Der Noch-Bundesligist 1. FC Köln wirbt mit dem Slogan "Spürbar anders". Das ist vor allem Marketing-Folklore, aber was der Kölner Jonas Hector angesichts des feststehenden Abstiegs bekannt gab, ist im aktuellen Fußballgeschäft tatsächlich überraschend anders. Der gebürtige Saarländer, dem Vernehmen nach mit einer Ausstiegsklausel und Angeboten mindestens eines Champions-League-Teilnehmers ausgestattet, gab Ende April bekannt, dass er auch in der 2. Liga in Köln bleiben werde. Er trat damit eine Welle los, auf deren Woge auch der nicht minder begehrte Torwart Timo Horn seinen Verbleib ankündigte. Die Gründe für Hectors Nicht-Wechsel sind sicher auch finanziell verstärkt worden, trotzdem: Aus solchem Stoff sind künftige Legenden gemacht. Lukas Podolski muss sich Sorgen machen um seinen Status als beliebtester Kölner der Welt.

Mittelfeld - Pablo De Blasis (1. FSV Mainz 05) Es gab nicht wenige Momente in der abgelaufenen Saison, die durch den neu eingeführten Videobeweis kurios und verwirrend oder beides wurden. Der Gipfel der Verwirrung war jedoch erreicht beim Montagsspiel zwischen Mainz 05 und dem SC Freiburg. Schiedsrichter Guido Winkmann hatte bereits zur Pause gepfiffen, die Gäste aus Freiburg waren in der Kabine - doch dann meldete sich Video-Assistentin Bibiana Steinhaus. Winkmann ahndete nachträglich ein Handspiel des Freiburgers Marc-Oliver Kempf und entschied auf Elfmeter für Mainz: Gäste-Keeper Alexander Schwolow und der Mainzer Pablo de Blasis wurden wieder aufs Feld beordert - und dem kleinem Argentinier wurde die Ehre zuteil, den ersten Elfmeter der Bundesliga-Geschichte in der Halbzeitpause zu verwandeln.

Mittelfeld - Lewis Holtby (Hamburger SV) Gert Dörfel machte den Anfang: Der Stürmer des Hamburger SV erzielte am 24. August 1963 den ersten Bundesliga-Treffer des Bundesliga-Urgesteins. Beinahe 55 Jahre später vollendete Lewis Holtby die Geschichte vorerst - der Mittelfeldspieler traf zum Siegtreffer gegen Mönchengladbach und erzielte das letzte Bundesliga-Tor des "Dinos" vor dem ersten Abstieg der Geschichte. Es war sein 200. Bundesligaspiel - auf den Eintrag in die Geschichtsbücher an seinem Jubeltag hätte er wohl verzichten können.

Mittelfeld - Franck Ribéry (FC Bayern München) 2007 beendete der in der bayerischen Landeshauptstadt extrem beliebte Mittelfeldspieler Mehmet Scholl seine Karriere - und vererbte seine langjährige Trikotnummer "7" einem begabten jungen Franzosen namens Franck Ribéry. Elf Jahre später ist der Mann aus Boulogne-sur-Mer immer noch da - und hat seit dieser Saison mit Scholl gleichgezogen. Ribéry feierte heuer seinen achten Meistertitel mit den Bayern - und schloss damit zu den bisherigen Rekordhaltern Oliver Kahn, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und eben Mehmet Scholl auf. Und Ribéry will mehr: Seinen Vertrag verlängerte er um ein weiteres Jahr - oder in Ribérys immer französisch geprägtem Deutsch: "Isch 'abe gemacht ein Jahr mehr!" Gut möglich, dass er ab dem kommenden Sommer der erfolgreichste Bayern-Spieler aller Zeiten ist.

Mittelfeld - Ridle Baku (1. FSV Mainz 05) Am Morgen des 28. April war die Bundesliga sehr weit weg für Ridle Baku. Der 20-Jährige befand sich mit der Mainzer U23 auf dem Weg zum Spiel nach Freiburg. "Ich habe an einer Autobahnraststätte erfahren, dass ich aus dem Bus aussteigen soll", berichtete Baku später. Per Pkw ging es zurück nach Mainz, dort erhielt er eine schnelle taktische Einweisung von Coach Sandro Schwarz - und absolvierte nur wenig später gegen RB Leipzig sein Bundesliga-Debüt, dass er mit dem Treffer zum 3:0 krönte. Bakus nüchternes Fazit nach seinem märchenhaften Einstand: "Die Fans waren happy, meine Mitspieler waren happy, ich war happy - es war ein guter Tag". So simpel, so schön.

Angriff - Claudio Pizarro (1. FC Köln) Sportlich konnte der Peruaner in Diensten des 1. FC Köln in dieser Saison selten für Höhepunkte sorgen - nur ein einziges Törchen gelang dem Stürmer, den Abstieg konnte auch er nicht verhindern. Trotzdem war die Saison eine besondere für ihn - denn der 39-Jährige brach in dieser Rückrunde gleich mehrere Rekorde: Im Derby gegen Bayer Leverkusen wurde er zum 124. Mal eingewechselt - Bundesliga-Rekord. Zudem absolvierte er gegen den FC Bayern seinen 337. Einsatz in der Bundesliga - und löste damit Zé Roberto und Lewan Kobiaschwili als ausländische Profis mit den meisten Einsätzen ab. Felicitaciones!

Angriff - Michy Batshuayi (Borussia Dortmund) Der Nachfolger des im Unfrieden geschiedenen Pierre-Emerick Aubameyang schoss und twitterte sich in Windeseile in die Herzen der Dortmunder Fans: Der 24-Jährige traf gleich beim ersten Auftritt in Köln doppelt, erzielte in der Liga in zehn Spielen sieben Tore. Zudem wissen er und sein Social-Media-Team, die Kanäle zu bespielen - ob mit seinen humorvollen "Batsman"-Tweets oder nachdenklicher Kritik nach den Affenlauten italienischer Fans beim Europa-League-Spiel in Bologna und den eingestellten Ermittlungen der UEFA. Eine echte Bereicherung on- wie offline - schade, dass Batshuayi nach der Saison wieder in England beim FC Chelsea kickt.

Angriff - Alex Meier (Eintracht Frankfurt) Im Fußball gibt es die Mär von Geschichten, die angeblich nur im Fußball vorkommen. Das ist natürlich eine grandiose Überhöhung und Übertreibung - trotzdem ist die Geschichte von Alex Meier eine ausnehmend schöne. In der 87. Minute des letzten Heimspiels der Saison für die Frankfurter Eintracht wurde der Publikumsliebling eingewechselt - nach einer langwierigen Verletzungspause war es sein erster Einsatz in dieser Spielzeit. Schon das Aufwärmen, das Trikotüberziehen und die Einwechslung waren frenetisch bejubelt worden - als der 35-Jährige in der letzten Spielminute dann sogar noch zum 3:0 traf, stand das Stadion endgültig kopf. Eine Erklärung für den Wahnsinn lieferte später Coach Niko Kovac: "Alex Meier ist Eintracht Frankfurt."

Trainer - Tayfun Korkut (VfB Stuttgart) Mit Ablehnung war das, was dem gebürtigen Stuttgarter im Februar in seiner Heimatstadt entgegenschlug, nur unzureichend beschrieben. Vor allem in den sozialen Netzwerken regnete es Hasskommentare, die nicht selten beinahe im justiziablen Bereich waren. Schon nach wenigen Wochen mussten die Kritiker kleinlaut Abbitte leisten - und nach der Saison wundert man sich im Ländle, wie man je so hatte zweifeln können: Mit 34 Punkten aus 14 Spielen - nur der FC Bayern war im gleichen Zeitraum besser - hat Korkut die Schwaben auf Platz sieben geführt. Wenn der FC Bayern im DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt gewinnt, bedeutet das einen Platz in der Qualifikation für die Europa League. Würde sich die Liebe im Netz ähnlich stark wie der Hass äußern, es müsste Forderungen nach einer Stadion-Umbenennung in Tayfun-Korkut-Arena geben.

Die Elf der Rückrunde im Überblick

Stand: 13.05.2018, 13:15 Uhr

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