Phantomspieler und Stürmer - die Elf der Hinrunde

Phantomspieler und Stürmer - die Elf der Hinrunde

Von Christian Steigels

Ein Phantom-Spieler, ein Schwarzfahrer und viele treffsichere Stürmer: Sportschau.de präsentiert die Elf der Hinrunde - mit den schönsten und kuriosesten Geschichten der vergangenen Monate.

Tor - Ron-Robert Zieler (VfB Stuttgart) Florian Kohfeldt war untröstlich: "Das war vielleicht Bundesliga-Geschichte. Und ich Idiot habe nicht hingeguckt", sagte der Bremer Coach. Nicht hingeguckt hatte auch Ron-Robert Zieler in jener 68. Minute des 6. Spieltags, als sein Kollege Borna Sosa einen Einwurf in seine Richtung warf. Der frühere Nationaltorhüter band sich gerade die Schuhe, als der Kollege ruhig hintenrum spielen respektive werfen wollte. Zieler nüchtern: "Was man nicht sieht, kann man nicht halten." Besonders kurios: Zieler berührte den Ball noch leicht, als er ihn im letzten Moment dann doch bemerkte. Hätte er das nicht getan, es hätte Eckball für Bremen gegeben. So reihte er sich ein in den illustren Kreis der kuriosen Torwartpatzer - neben Tomislav Piplica, Loris Karius und Hans-Jörg Butt.

Abwehr - Juan Bernat (Paris St. Germain) Zugegeben, Juan Bernat spielt nicht mehr in der Bundesliga. Trotzdem war der Spanier eine der prägenden, wenn nicht die prägendste Figur der abgelaufenen Hinrunde - Uli Hoeneß sei Dank. Gerade noch hatte sein BFF Karl-Heinz Rummenigge an die Wahrung der Menschenrechte erinnert und quasi eine Ein-Mann-Gewerkschaft für Bundesligaspieler ins Leben gerufen, da riss Hoeneß mit seiner schon ikonischen "Der-Bernat-hat-einen-Scheißdreck-gespielt"-Tirade alles ein. Der Rest ist Pressekonferenz-Geschichte von schon trappatonischem Ausmaß. Übrigens: Bernat spielt mittlerweile bei PSG - und dort alles andere als einen Scheißdreck.

Abwehr - Benjamin Pavard (VfB Stuttgart) Aljoscha Pauses preisgekrönte Dokumentation "Being Mario Götze" beschreibt die Schwierigkeit, nach dem nicht mehr zu übertreffenden Gipfel der Karriere in Form des Siegtreffers im WM-Finale weiterzumachen. Für eine Doku "Dans la peau de Benjamin Pavard" ist es wohl zu früh, das Siegtor hat Pavard schließlich nicht erzielt im WM-Finale. Trotzdem hat auch der Stuttgarter Verteidiger nach seinem Höhenflug im Sommer einen gepflegten Karriere-Crash hinnehmen müssen. Nach dem Turnier lag ihm alles zu Füßen: Die französischen Fans huldigtem ihm mit einem eigenen Song, sein Wechsel zum FC Bayern war nur noch eine Frage des Zeitpunkts, die Renaissance des VfB Stuttgart mit ihrem ureigenen Weltmeister war ebenfalls beschlossene Sache. Nach der Hinrunde ist der VfB tief drin im Tabellenkeller - und Pavard einer unter vielen, die fast durchweg enttäuschten.

Abwehr - Danny da Costa (Eintracht Frankfurt) Danny da Costa war 13 Jahre alt, als Klaus Augenthaler im Mai 2007 ein legendäres Interview gab. In 42 Sekunden beantwortete der damalige Wolfsburger Coach seine selbstgestellten Fragen - und ließ die Journalisten verdutzt zurück. Ob da Costa das Interview kennt, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass er nach der Europa-League-Partie gegen Limassol den Augenthaler machte. Vier Fragen, vier Antworten - alles von ihm selbst. Noch lustiger wird es im Anschluss: Als ein Fragesteller ihm vorhält, mit der Eintracht nur 22 von 24 möglichen Punkten zuletzt geholt zu haben, treibt da Costa das ironische Spiel weiter: Schlecht sei das gewesen, das müsse man so sagen, die Verunsicherung sei spürbar, ja. Fazit: Hat uns das Interview gefallen? Ja. Wollen wir mehr davon? Unbedingt.

Mittelfeld - Joshua Guilavogui (VfL Wolfsburg) Dank gebührt Nilla Fischer. Die einstige Wolfsburger Kapitänin kam in der vergangenen Saison mit der Bitte auf den Verein zu, eine Regenbogen-Kapitänsbinde tragen zu dürfen. Sie durfte - und trat eine Welle los beim VfL. Seit dieser Saison tragen alle Mannschaften bis runter zur U10 die Regenbogenbinde - als Zeichen für Vielfalt. Auch Guilavogui bei den Profis: "Wir Fußballer sind Vorbilder und wollen mit dem Regenbogen zeigen, dass bei uns im Stadion und im Verein alle willkommen sind. Es ist egal, welche Hautfarbe oder welches Geschlecht du hast, wen du liebst, ob du ein körperliches Handicap hast oder welchen Glauben du hast - Fußball ist für alle da". Auch im Jahr 2018 im Fußball leider noch keine Selbstverständlichkeit - und daher unbedingt zu begrüßen.

Mittelfeld - Thomas Müller (Bayern München) Der bekennende Calvinist Aloysius Paulus Maria "Louis" van Gaal hat klare Prinzipien. "Müller spielt immer" war eines dieser Prinzipien. Ob Schnee, ob Regen, ob Testspiel oder Champions League - der unberechenbare Mittelfeldmann hatte ein unbedingtes Abonnement auf die Startelf beim Rekordmeister. Das van Gaalsche Diktum gilt spätestens unter Niko Kovac nicht mehr, denn der einstige Raumdeuter ist im Dauertief. Seine dadurch bedingte Absenz in der ersten Elf stößt nicht überall auf Verständnis - vor allem nicht im Hause Müller selbst, genauer: bei seiner Frau Lisa. Die ließ ihrer Wut nach dem Remis gegen Freiburg virtuell freien Lauf, und sorgte beinahe für eine bayerische Staatskrise. Müller selbst zeigte, dass er zumindest neben dem Platz nichts von seiner Kreativität eingebüßt hat: "Sie liebt mich halt, was soll ich machen?"

Mittelfeld - Caiuby (FC Augsburg) Der Augsburger Mittelfeldspieler Caiuby hört auf den schönen deutschen Spitznamen Kai-Uwe. Kai-Uwe kann sehr passabel Fußball spielen - und fährt offenkundig gerne mit der Bahn. So auch im Oktober 2017, auf dem Rückweg vom Oktoberfest in München nach Augsburg. Irgendwo hinter Ulm oder um Ulm herum wurde er kontrolliert. Da er kein Ticket hatte, bekam er ein Knöllchen. So weit, so normal. Da Caiuby nicht zahlte, wurde im Sommer ein Strafbefehl erlassen. Nach einigem anwaltlichen Hin und Her kam es dann im Oktober zum Showdown vor dem Amtsgericht zu Augsburg. Ergebnis: Caiuby muss eine Geldstrafe von 22.500 Euro abdrücken. Bei einem ungefähren Ticketpreis von 20 Euro hätte Caiuby mehr als 550 Mal hin und zurück fahren können.

Mittelfeld - Marco Reus (Borussia Dortmund) Trotz allerbester fußballerischer Voraussetzungen kam Marco Reus' Karriere jahrelang nicht so recht in Gang. Sportlich wurde er immer wieder von Verletzungen geplagt, die ihn um die Teilnahme an der WM 2014 und der EM 2016 brachten. Privat fiel er durch langjähriges Fahren ohne Führerschein auf. Der Offensivspieler schien auf dem besten Wege, ein ewig Unvollendeter zu werden. Bis sein Ex-Coach Lucien Favre nach Dortmund kam. Der Schweizer ernannte seinen alten Schützling aus Gladbacher Zeiten zum Kapitän - mit Erfolg. Reus wirkt binnen kurzer Zeit gereift, sportlich wie menschlich. Er führt die vielen jungen BVB-Talente auf und neben dem Platz, nimmt nicht mehr Reißaus vor Interviews. Favre hat aus Reus endlich den gemacht, den nicht mehr alle erwartet hatten.

Angriff - Claudio Pizarro (Werder Bremen) "Kennen Sie Klaus Fichtel?", fragte ein Lokaljournalist im Oktober Claudio Pizarro. Der Bremer kannte den "Tanne" gerufenen Ex-Bundesligaspieler nicht - dabei haben die beiden etwas gemeinsam. Sie gehören zu nur vier Feldspielern, die mit mehr als 40 Jahren noch in der Bundesliga spielten. Pizarro liegt auf Rang vier, Fichtel auf eins. Während Fichtel, der mit 43 Jahren noch spielte, wohl unerreichbar bleiben wird, sind die Positionen zwei (Manfred Burgsmüller) und drei (Mirko Votava) für Pizarro in dieser Saison noch in Reichweite. Einen Rekord hat er aber sicher: Durch seinen Anschlusstreffer am 10. Spieltag bei Mainz 05 ist der erste Spieler in der Bundesliga-Historie, der nach seinem 40. Geburtstag zwei Tore in der höchsten deutschen Spielklasse erzielte. Felicitaciones!

Angriff - Paco Alcácer (Borussia Dortmund) "Er ist so geboren", sagt Lucien Favre. Und: "Er spürt Fußball". Was auch immer es ist: Paco Alcácer hat Deutschland im Sturm erobert - und gleich in seiner ersten Halbserie in Deutschland für einen Rekord gesorgt. Zehn Jokertore stehen für den Spanier zu Buche - das war vor ihm noch keinem Profi in der höchsten deutschen Spielklasse gelungen. Alcácer löste an der Spitze dieser Statistik Nils Petersen (SC Freiburg/Saison 2016/17) und Ioan Ganea (VfB Stuttgart/2002/03) ab, die jeweils als Einwechselspieler in einer Spielzeit neunmal getroffen hatten, in einer kompletten Saison. Alcácer ist so effizient wie kein anderer Kicker in Europa: Durchschnittlich benötigt er in dieser Saison gerade mal 39 Minuten, um ein Tor zu schießen. Nur zum Vergleich: Der beste Bundesligastürmer aller Zeiten, Gerd Müller, traf alle 105 Minuten.

Angriff - Luka Jovic (Eintracht Frankfurt) Dieter Müller saß auf der Ehrentribüne und wurde langsam nervös. Noch beinahe zwanzig Minuten waren zu spielen - und Luka Jovic hatte soeben seinen fünften Treffer in der Partie gegen Fortuna Düsseldorf erzielt. "Schweißperlen hatte ich da schon", so Müller. Kein Wunder - hält der Ex-Kölner doch seit mehr als vier Jahrzehnten den Rekord von sechs Toren in einem Bundesliga-Spiel. Durchatmen konnte Müller erst kurz vor Schluss, als Jovic von Ovationen begleitet das Feld verließ. Dass er einen Rekord für die Ewigkeit verpasst hatte, wusste er da ebenso wenig wie sein Coach Adi Hütter. Der hatte eine simple Erklärung für die Maßnahme: "Ich wollte auch Branimir Hrgota die Möglichkeit geben". Der hatte zuvor im Testspiel acht Tore erzielt. Allerdings nur gegen den Verbandsligisten Hanau.

Trainer - Friedhelm Funkel (Fortuna Düsseldorf) Dass er trotz seines Alters immer noch weiß, wie er seine Mannschaft auch angesichts eines übermächtigen Gegners einzustellen hat, bewies Friedhelm Funkel am 16. Spieltag der Hinrunde. Da besiegte die Fortuna die bis dahin ungeschlagenen Dortmunder - verdient, wohlgemerkt. Im Dezember feierte der gebürtige Neusser seinen 65. Geburtstag - seit 45 Jahren gehört er als Spieler und Trainer quasi zum Inventar des deutschen Profifußballs, hat satte 1.232 Spiele auf und neben dem Platz absolviert. Und ein Ende ist noch nicht in Sicht: "Düsseldorf wird meine letzte Station als Fußballlehrer sein", erklärte er der "Süddeutschen Zeitung". "Wie lange ich noch hier arbeiten werde, hängt davon ab, wie erfolgreich wir spielen." So gesehen muss man der Fortuna die Daumen drücken.

Stand: 23.12.2018, 20:00 Uhr

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