Borussia Dortmund - Meister im Understatement

Lucien Favre belustigt bei der Arbeit

Titelkampf in der Bundesliga

Borussia Dortmund - Meister im Understatement

Von Frank Hellmann

Sebastian Kehl hat kürzlich eine weitere Aufgabe angenommen. Neuerdings gehört der ehemalige Nationalspieler dem Kuratorium der DFL Stiftung an, und seine Ernennungsurkunde erhielt der 38-Jährige am vergangenen Dienstag (15.01.2019) auf ausgeleuchteter Bühne in einer Frankfurter Eventlocation beim DFL-Neujahrsempfang.

Er sei selbst früh Vater geworden, richtete Kehl artig aus, deshalb wisse er, wie wichtig es sei, sich für die Integration junger Menschen am gesellschaftlichen Leben einzusetzen. Nichts von dem, was der langjährige Bundesligaspieler von Borussia Dortmund sagte, klang aufgesetzt, doch noch mehr Sympathien dürfte Kehl gesammelt haben, als der Leiter der Lizenzspielerabteilung des BVB sich einen fast demütigen Ton auch in einer anderen Themenlage bewahrte: dem Titelkampf.

Er habe selbst nicht gedacht, dass die vielen Veränderungen vor dieser Spielzeit so gut wirken würden, "aber es gibt noch eine Menge zu tun." Die Meisterschaft sei "ein harter Kampf, sechs Punkte sind nicht so viel."

Watzke schiebt die Favoritenrolle weg

Es scheint eine interne Sprachregelung zu geben, dass alle Verantwortlichen bei den Schwarz-Gelben gerade den verbalen Flachpass pflegen. Keine Überheblichkeit, keine Großspurigkeit, die ohnehin nicht zu einem Verein passt, der aufgrund seiner Verankerung an der nicht zwangsläufig betuchten Basis immer Bodenständigkeit vorleben muss.

Sebastian Kehl im Gespräch mit Aki Watzke

Sebastian Kehl im Gespräch mit Aki Watzke am Rande einer Bundesligapartie

Öffentlich heben Vorstandschef Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc weiterhin den FC Bayern - ein halbes Dutzend Zähler auf dem Konto hin oder her - aufs Favoritenschild. Watzkes Begründung: "Da lasse ich mir nichts anderes einreden. Wer sich wirtschaftlich in solchen Größenordnungen bewegt, der muss auch damit leben, immer die Favoritenrolle zu haben."

Aber sind die beiden Schwergewichte wirklich finanziell so weit voneinander weg? Der FC Bayern vermeldete jüngst einen Rekordumsatz von 657 Millionen Euro, beim BVB waren es 536 Millionen. Darin flossen allerdings 222 Millionen an Transfererlösen ein, daher rechnet Watzke ein Fundament von deutlich über 300 Millionen vor. Beim Gehaltsetat besteht noch eine Differenz von rund 60 Millionen.

Favre denkt von Spiel zu Spiel

Von wirtschaftlichen Nachteilen ist beim sportlichen Quervergleich indes in dieser Saison nichts zu sehen. Im Gegenteil: Der erste Platz in der Liga und in der Gruppenphase der Champions League ist für die Westfalen kein Zufallsprodukt, nur überlassen die Protagonisten das Schulterklopfen lieber den Außenstehenden. Die Protagonisten geben sich so geerdet, als würden alle Bleischuhe tragen. "Für Träumereien bekommen wir keinen Sieg, keinen Punkt, nicht mal einen Einwurf", beteuerte Zorc zuletzt.

Lucien Favre und die Meisterfrage

Sportschau 17.01.2019 00:29 Min. Verfügbar bis 17.01.2020 ARD

Lucien Favre zieht sich ohnehin ganz auf seine "Von-Spiel-zu-Spiel-Denke" zurück. Der BVB-Trainer lächelt inzwischen auffällig oft, wenn er diesen Slogan in Endlosschleife vorträgt.  Der 61-Jährige betätigt sich - wie schon früher in Mönchengladbach - als verschmitzter Tiefstapler, der sich nicht mal zu einer konkreten Vorgabe verleiten lässt. "Weiter arbeiten. Spiel für Spiel. Das wird sich nicht ändern. Sehr gut und hart trainieren", sagte Favre dem ARD-Hörfunk zu seiner Zielsetzung. Im Stakkato führte der Fußballlehrer in seinem frankophonen Zungenschlag aus, dass er "seine Philosophie nicht ändern" werde.

Die Einheit wirkt nicht gespielt

Und diese fast abwartende Taktik scheint den ganzen Klub überzogen zu haben, der damit weniger Gefahr läuft, sich in Psychospielchen mit dem Verfolger aus München zu verfangen. Und ist nicht das Auftaktprogramm mit dem Topspiel bei RB Leipzig (Samstag 18.30 Uhr) und zwei Wochen später bei Eintracht Frankfurt (02.02.2019) schwierig genug? Tatsächlich kann sich das Tabellenbild schnell ändern, aber die Zeiten der totalen Bayern-Dominanz scheinen vorbei.

Was das Scouting und die Entwicklung internationaler Talente angeht, haben Dortmund und vielleicht sogar Leipzig bereits einen Vorsprung vor den zu lange mit dem Umbruch wartenden Bayern. Das BVB-Team kommt wieder als Einheit daher. Kehl spielt eine Schlüsselrolle beim Zusammenhalt, weil er das Ohr als ehemaliger Aktiver eng an den Akteuren hat.

Kehl fördert den Zusammenhalt

Seine Rolle beschrieb er einmal so: "Was ich mit den Spielern bespreche, bleibt unter uns. Ich will Vertrauen aufbauen und eine Bindung schaffen, die geprägt ist von Offenheit, Ehrlichkeit und Kommunikation." Gleichzeitig sei er aber derjenige, der immer an die Eigenverantwortung appellieren wird.

"Ich werde die Jungs fördern, aber auch fordern. Jeder bekommt von mir Rückhalt und Zuspruch. Gleichzeitig muss er wissen, dass wir bei Borussia Dortmund eine gewisse Erwartungshaltung haben, hohe Ansprüche stellen und jeder Spieler, der sich für den BVB entschieden hat, eine Verpflichtung eingegangen ist."

Es braucht keinen Gelenkbus

Kehl ist Mittler, der Trainerstab und Management entlastet - eine Aufgabe, die zu der integren Persönlichkeit bestens passt. Zorc kann sich in Ruhe um die Kaderplanung, Watzke um die Gesamtstrategie kümmern. Und Matthias Sammer besitzt als Berater eine Beobachterposition. Damit ist eine erfolgreiche Struktur geschaffen, die den FC Bayern vielleicht sogar neidisch machen muss.

Münchens Oberhaupt Uli Hoeneß merkte in dieser Saison jedenfalls spitzzüngig an, Dortmund brauche für seine ganzen Berater demnächst einen Gelenkbus. Watzke reagierte gelassen: "Einer meiner guten Entscheidungen war es, solche Kommentare aus München nicht ständig zu kommentieren. Ich stelle fest, dass sich die Bayern inzwischen wieder mit dem BVB beschäftigen." Mit dem Klub, der auf jeden Fall Meister im Understatement wird.

mit dpa, sid | Stand: 18.01.2019, 10:14

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