Die Schmerzgrenze der Schalke-Fans ist tief gesunken

Manuel Baum (Mitte) kniet am Spielfeldrand beim Spiel gegen Union Berin

Vor dem Revierderby bei Borussia Dortmund

Die Schmerzgrenze der Schalke-Fans ist tief gesunken

Von Jörg Strohschein

Vor dem Revierderby bei Borussia Dortmund sind die Erwartungen der Anhänger des FC Schalke 04 nicht besonders hoch. Die Stimmung nähert sich dem Tiefpunkt. Gerade in dieser sportlich vertrackten Situation könnte der Ruhrgebietsklub die Chance nutzen, explizit für andere Werte zu stehen.

Rund 80 Ultras waren am Sonntagabend (18.10.2020) nach dem 1:1 des FC Schalke 04 gegen Union Berlin vor die Gelsenkirchener Arena gekommen, um eine Botschaft loszuwerden. Obwohl diese Fangruppe sich dazu entschlossen hat, in der augenblicklichen Pandemie-Situation keine Stadionbesuche zu machen, wollten sie der Mannschaft von Manuel Baum nochmal deutlich zu verstehen geben, welche Bedeutung die kommende Begegnung für sie - und wohl auch für die restliche Fangemeinde des Klubs - hat.

Es steht am kommenden Samstag (ab 18.15 Uhr im Live-Ticker) schließlich das Revierderby gegen Borussia Dortmund auf dem Bundesliga-Spielplan.

Ultras halten Ansprache an die Mannschaft

Ein Sprecher der Ultra-Gruppe wurde am Sonntagabend von unterschiedlichen Medien folgendermaßen zitiert: "Das war okay heute. Ihr müsst aber fürs Derby noch ein paar Prozente mehr draufpacken. Das Derby ist das wichtigste Spiel im Jahr. Ihr geht da raus und gebt alles. Das kann man verlieren." Doch dabei beließ es der Redner nicht und ergänzte: "Wenn ihr euch nicht mindestens so präsentiert wie heute, dann sehen wir uns wieder. Dann wird es aber nicht so friedlich. Ist das angekommen? 200 Prozent! Von jedem! Für Schalke. Auf geht’s."

Schalkes Leiter der Lizenzspieler-Abteilung Sascha Riether, der dieses Zusammentreffen zwischen Mannschaft und Ultras bestätigte, wollte diese Worte allerdings nicht als Drohung verstanden wissen. "Das war eher motivierend. Es gab eine Aussprache. Die Fans haben uns für das Derby heiß gemacht. Dass es nach so vielen sieglosen Spielen auch mal laut wird, ist doch normal. Das ist Druck, der raus muss", sagte der 37-Jährige.

Aussichtsloses Spiel?

Es ist ein in vielerlei Hinsicht ein besonderes Spiel für die Schalker. Denn nach 20 sieglosen Partien in Folge gilt es gegen den äußerst ungeliebten und haushoch favorisierten Ruhrgebietsnachbarn das Gesicht zu wahren - und keinesfalls wie gegen den FC Bayern zum Saisonstart geradezu wehrlos unterzugehen (0:8). Dieses Aufeinandertreffen der beiden Klubs zieht seit Generationen die gesamte Region in ihren Bann.

Schalkes Trainer Manuel Baum (vorne) im Gespräch mit seinen Spielern

Baum (v.) im Gespräch mit seinen Spielern

"Ich habe meine Erwartungen deutlich runtergeschraubt", sagt Lennart Röthemeyer. "Ich kann mich im Moment nicht entscheiden: Soll ich lachend in eine Kreissäge rennen oder ein Schalke-Spiel anschauen?" Der eingefleischte Schalke-Fan gibt sich mit Blick auf das Revierderby aber keinerlei Illusionen hin: "Es ist mittlerweile aber auch mir klar, dass es relativ aussichtslos ist, dass wir dieses Spiel gewinnen können. Selbst wenn man wie ich durch die blau-weiße Brille guckt. Das tut extrem weh, weil es das Spiel der Saison ist."

Dennoch hat Röthemeyer Erwartungen an die Schalker Spieler: "Die Mannschaft muss den Kampf annehmen, das ist das Mindeste." Dass die Ultras, wie eigentlich in jedem Jahr, das Team nochmal deutlich darauf hinweisen, wie bedeutsam die Partie für das Umfeld ist, empfindet Röthemeyer eher als Motivation: "Wir sind in einer Zeit, in der keine Zuschauer ins Stadion kommen. Vielleicht ist das ohne irgendwelche Bedrohungen ein positiver Schubser in die richtige Richtung. Damit die Spieler sehen, dass die Fans weiterhin zur Mannschaft halten und dass es ein Gemeinschaftsgefühl gibt."

Klare Aufforderung an die Spieler

"Die Frage wird sein, wie lange man sich das Spiel anschaut. Denn die Schmerzgrenze ist nach den letzten Monaten doch deutlich abgesunken", sagt Georg Vonnahme. Der Vorsitzende des größten Schalke-Fanklubs "Königsblau Brilon" ist der Auffassung, dass dieser spezielle Motivationsversuch der Ultra-Fangruppe durchaus angebracht war. "Ich glaube, dass man solch eine Aktion ab und an mal durchführen muss, weil man den Eindruck gewinnt, dass der Kontakt zu den Fans fehlt. Egal ob positiv oder negativ. Die Mannschaft kommt einfach nicht aus den Problemen heraus. Und vielleicht braucht sie von Seiten der Fans mal eine klare Ansage. Und das sollte ja, wie ich es verstanden habe, keineswegs eine Drohung sein, sondern die Aufforderung, dass die Spieler alles geben. Und das kann man erwarten", sagt Vonnahme.

Die gesamte Situation ist für Vonnahme und die übrigen Schalker Fans überaus schmerzhaft und vertreibt vielfach mittlerweile auch die Lust auf die in früheren Zeiten so geliebten Bundesligawochenenden. "Man muss befürchten, dass das am Samstag ähnlich schiefgeht wie gegen den FC Bayern. Man hat momentan den Eindruck, dass sich nicht besonders viel verändert", sagt Vonnahme.

Mannschaft und Verein sollen Haltung zeigen

Für Susanne Franke von der Schalker Fan-Initiative geht es bei dem bevorstehenden Derby auch darum, dass der Klub in sportlich äußerst schwierigen Zeiten eine Chance für die blau-weiße Gemeinschaft nutzt. "Da ich sportlich immer gerne Wunder hätte, diese aber nicht einkalkulieren und erwarten kann, habe ich ganz konkrete Vorstellungen, wie man mich trotzdem glücklich machen könnte", sagt die 54-Jährige.

Was sie glücklich machen könnte, drückte sie so aus: "Der Verein könnten ein gemeinschaftliches Statement abgeben, wie er mit den Tribünen-Pöblern vom U19-Derby gegen Borussia Dortmund und den Anfeindungen gegen BVB-Angreifer Youssoufa Moukoko umgehen will und noch einmal klarmachen, dass diese Leute eindeutig gegen das Leitbild des Vereins verstoßen haben. Vielleicht könnte die Mannschaft auch etwas dazu sagen. Denn sie kann vielleicht nicht immer gut Fußball spielen. Aber sie kann Haltung zeigen, auf und neben dem Platz."

Stand: 20.10.2020, 16:06

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