Kritische Stimmen und der Gelb-König - die etwas andere Elf der Rückrunde

Kritische Stimmen und der Gelb-König - die etwas andere Elf der Rückrunde

Von unserer Redaktion

Ob Kritik an Polizeigewalt und Rassismus, am Corona-Hygieneplan der DFL, oder einfach nur, weil sie für besondere Highlights gesorgt haben: Die Sportschau präsentiert Spieler und Trainer, die es in die etwas andere Elf der Rückrunde geschafft haben.

Tor - Zack Steffen

Tor - Zack Steffen (Fortuna Düsseldorf): Auch ohne eine einzige Spielminute in der Bundesliga-Rückrunde hat der US-amerikanische Nationaltorhüter die Nominierung mehr als verdient. Immerhin legt sich Steffen zwischen seinen Reha-Einheiten mal eben mit dem mächtigsten Mann der Welt und dem eigenen Präsidenten an. Auf dessen Lieblingsplattform Twitter bezeichnete Düsseldorfs Leihgabe von Manchester City Trump als "ekelhaften Heuchler". Gründe genug hätte er dafür ohnehin gefunden – der Anlass war in diesem Fall, dass Trump dem Iran vorschreiben wollte, wie er mit der eigenen Bevölkerung umzugehen habe. Und das inmitten der aus dem Ufer laufenden #justiceforgeorge-Proteste in den USA. Wer sich Steffens Twitter-Account anschaut, sieht wie wichtig ihm die "Black Lives Matter"-Bewegung ist: Kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht auf Ungerechtigkeiten aufmerksam macht.

Tor - Zack Steffen (Fortuna Düsseldorf): Auch ohne eine einzige Spielminute in der Bundesliga-Rückrunde hat der US-amerikanische Nationaltorhüter die Nominierung mehr als verdient. Immerhin legt sich Steffen zwischen seinen Reha-Einheiten mal eben mit dem mächtigsten Mann der Welt und dem eigenen Präsidenten an. Auf dessen Lieblingsplattform Twitter bezeichnete Düsseldorfs Leihgabe von Manchester City Trump als "ekelhaften Heuchler". Gründe genug hätte er dafür ohnehin gefunden – der Anlass war in diesem Fall, dass Trump dem Iran vorschreiben wollte, wie er mit der eigenen Bevölkerung umzugehen habe. Und das inmitten der aus dem Ufer laufenden #justiceforgeorge-Proteste in den USA. Wer sich Steffens Twitter-Account anschaut, sieht wie wichtig ihm die "Black Lives Matter"-Bewegung ist: Kaum ein Tag vergeht, an dem er nicht auf Ungerechtigkeiten aufmerksam macht.

Abwehr - Mamadou Doucouré (Borussia Mönchengladbach): Es lief die 90. Minute im Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Union Berlin, als plötzlich lautstarker Jubel im fast menschenleeren Borussia-Park aufbrandete. Dieser galt aber nicht etwa den Akteuren, die das souveräne 4:1 herausgespielt hatten, sondern einem, der noch gar nicht auf dem Platz stand. Stattdessen gab es breite Freude über die Einwechslung eines Spielers, der fast vier Jahre auf diesen Moment hatte warten müssen: Mamadou Doucouré. 2016 kam der Franzose von Paris St. Germain nach Gladbach und war seither geplagt von etlichen Verletzungen. Zwischenzeitlich wurde sogar sein Vertrag verlängert, was Doucouré sehr zu schätzen wusste. "Nicht jeder Klub würde so handeln", sagte der 21-Jährige im Februar 2019. Nun also durfte er endlich sein Debüt feiern - dafür schoss Teamkollege Ibrahima Traore sogar extra den Ball ins Aus.

Abwehr - Makoto Hasebe (Eintracht Frankfurt): Bum Kun Cha war einer der erfolgreichsten und populärsten Spieler der Bundesliga: Er holte mit Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen den UEFA-Pokal, schoss in den 80ern beinahe 100 Tore, die Boulevard-Medien nannten ihn liebevoll Tscha-Bumm, die Indieband Bum Kun Cha Youth benannte sich ihm zu Ehren. Seit dieser Rückrunde ist er den etwas verqueren Titel "Asisatischer Spieler mit den meisten Bundesliga-Einsätzen" allerdings los – heimlich, still und leise ist Makoto Hasebe durch seinen 309. Einsatz an ihm vorbeigezogen. Das passt zum Frankfurter Japaner, der immer ein wenig unter dem Radar läuft. Dass er ein Ausnahmekicker ist, muss er niemandem mehr beweisen: Vier WM-Teilnahmen und nunmehr 309 Bundesligaspiele sprechen für sich. Und in Frankfurt lieben sie ihn ohnehin mindestens genauso wie seinen berühmten Vorgänger.

Mittelfeld - Birger Verstraete (1. FC Köln): Es ist Anfang Mai, die Bundesligisten bereiten sich auf den Re-Start nach der Corona-Pause vor, Spieler aller Klubs werden getestet. Dann der Schock beim 1. FC Köln: Zwei Spieler und ein Mitarbeiter sind positiv auf Covid-19 getestet worden, eine Mannschaftsquarantäne aber gibt es nicht - so will es das DFL-Hygienekonzept, so bestätigt es das Gesundheitsamt Köln. Und doch sorgen die Fälle für Gesprächsstoff - auch weil Kölns Profi Birger Verstraete in einem TV-Interview in seiner Heimat Belgien Bedenken äußert und besorgt ist um seine Frau, die Vorerkrankungen hat und damit zur Risikogruppe gehört. Verstraete gerät ins Kreuzfreuer, relativiert später seine Aussagen im Vereins-TV. Was aber bleibt, ist die Tatsache, dass der Belgier mit seinem mutigen Interview die richtigen Fragen in einer für alle Beteiligten ungewissen Zeit gestellt hat.

Mittelfeld - Klaus Gjasula (SC Paderborn): Der defensive Mittelfeldspieler der Ostwestfalen weiß ganz genau, was er darf, und was er nicht darf. Das beweisen seine 17 Gelben Karten in 29 Bundesligaspielen – davon aber eben nie zwei im selben Spiel. So musste Gjasula zwar drei Gelbsperren absitzen, ist aber kein einziges Mal vom Platz geflogen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Deutsch-Albaner den über 20 Jahre alten Gelb-Rekord von Tomasz Hajto (Schalke 04, 1998/99: 16 Gelbe Karten) knackt. Zwischenzeitlich wurde spekuliert, ob Gjasula – durch seinen Helm etwas martialisch daherkommend – im Nachteil bei den Schiedsrichtern ist. Aber selbst der eigene Trainer Steffen Baumgart sagte bereits bei Kartenzählerstand 16: "Ich glaube, er hätte auch ohne Helm vielleicht 14. Nicht böse sein - fast jede Gelbe Karte ist verdient gewesen."

Mittelfeld - Weston McKennie (FC Schalke 04): Bundesliga-Profis geraten selten in Verdacht, sich über die Maßen politisch zu betätigen. Ob es um Rassismus in der eigenen Liga geht, rechte Positionierung von Fanszenen – auch unter Deutschlands Kickern gilt das ebenso unsägliche wie grundfalsche Diktum "Fußball ist Fußball, Politik ist Politik". Umso überraschender war es, dass sich nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd gleich mehrere Bundesliga-Profis gegen rassistische Polizeigewalt in den USA positionierten. Weston McKennie von Schalke 04 machte mit einer Armbinde "Justice for George Floyd" den Anfang im Spiel gegen Werder Bremen – die Kollegen Marcus Thuram von Borussia Mönchengladbach, Jadon Sancho von Borussia Dortmund und einige weitere sollten folgen. Gut, dass der DFB auf Sanktionen verzichtete, obschon laut Regelwerk politische Botschaften nicht erlaubt sind. Hoffentlich sind beide Aktionen ein Fingerzeig für die Zukunft.

Mittelfeld - Patrick Herrmann (Borussia Mönchengladbach): Es gibt Rekorde, auf die man sein Leben lang stolz sein kann. Die meisten Tore in einem Spiel, die meisten Vorlagen in einer Saison, die längste Siegesserie. Auch Patrick Herrmann von Borussia Mönchengladbach hat in dieser Saison einen Rekord gebrochen, den er sich eher nicht auf den Briefkopf drucken lassen wird: Im Auswärtsspiel auf Schalke wurde er zum 141. Mal in der Bundesliga ausgewechselt – so oft wie der gebürtige Saarländer durfte niemand früher duschen gehen. Herrmann nimmt’s mit Humor: "Jetzt baue ich das noch ein bisschen aus", sagte er auf die Bestmarke angesprochen. Ein paar Jahre bleiben dem 28-Jährigen vermutlich noch - etwaige Konkurrenten werden sich gedulden müssen.

Mittelfeld - Leon Goretzka (FC Bayern München): Unter dem Hashtag "WeKickCorona" hat Leon Goretzka, gemeinsam mit Teamkollege Joshua Kimmich, in der Corona-Pause eine Spendenaktion ins Leben gerufen, um die von den Auswirkungen der Pandemie betroffenen Personen finanziell zu unterstüzen. Vier Millionen Euro sind auf diese Weise zusammengekommen - alle Achtung. Und als wäre das nicht genug, hat sich Goretzkas Erscheinungsbild während der Pause komplett verändert. Aus dem schmalen Schlacks ist einer der muskulösesten Spieler in der Bundesliga geworden. Seine Verwandlung ist unverkennbar und kommt auch seinem Spiel im zentralen Mittelfeld zugute. Trainer Hansi Flick jedenfalls fand nur lobende Worte für seinen "Muskelprotz".

Angriff - Salomon Kalou (Hertha BSC): "Sala, lösch das bitte!" – der Ivorer hätte diesen Satz von Herthas Physiotherapeut lieber befolgen sollen. Stattdessen lachte Kalou, drehte sich um und streamte weiter fleißig live, wie in Herthas Kabine die Hygiene- und Abstandsregeln missachtet wurden. Es war ein Video, das Anfang Mai den Re-Start der Bundesliga ernsthaft in Gefahr brachte. Das "Go" von der Bundesregierung gab es trotzdem – Kalou ist seit seinem wohl unnötigsten Eigentor suspendiert und verabschiedet sich höchst unrühmlich aus der Hauptstadt. Vielleicht war es aber auch nur der erste vorsichtige Versuch für die Karriere nach der Karriere: als Investigativjournalist oder Kameramann.

Angriff - Florian Wirtz (Bayer 04 Leverkusen): "Man muß jung sein, um große Dinge zu tun", schrieb Johann Wolfgang von Goethe.  Es ist nicht anzunehmen, dass Leverkusens Florian Wirtz diese Worte im Heimspiel gegen den FC Bayern München im Sinn hatte, aber dennoch schaffte er Großes: Mit 17 Jahren und 34 Tagen erzielte  er sein erstes Bundesligator und löste damit Nuri Sahin als jüngsten Liga-Torschützen aller Zeiten ab. Am Ende stand es zwar 4:2 für den alten und neuen deutschen Meister – aber für das Projekt "Bayern besiegen" hat Wirtz voraussichtlich ja noch ein paar Jahre Zeit.

Angriff - Breel Embolo (Borussia Mönchengladbach): Es lief die 32. Minute im Nachholspiel des 24. Spieltages zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln, als dem Schweizer Breel Embolo Historisches gelang: Der Stürmer erzielte das erste Tor in einem Geisterspiel der Fußball-Bundesliga. Embolo machte das beste aus der damals noch gänzlich ungewohnten Situation, vor leeren Rängen zu spielen – er legte die Hände an die Ohren und schaute herausfordernd in die Leere, bevor ihn seine umso lauter schreienden Mitspieler beglückwünschten. Wochen später ist die Tristesse im Stadion längst Alltag geworden – Embolos Pionier-Pointe ist ein Fall für die Geschichtsbücher des Fußballs.

Trainer - Heiko Herrlich (FC Augsburg): Skurril, skurriler, Herrlich! Da steht Heiko Herrlich als neuer Trainer des FCA endlich vor seinem Debüt an der Seitenlinie (Anfang März vorgestellt) und plaudert sich urplötzlich mit seiner "Zahnpasta-Anekdote" direkt in den Aberwitz. Ihm habe Zahnpasta und Hautcreme im Quarantäne-Hotel gefehlt, da sei er kurzerhand im Trainingsanzug zum Supermarkt um die Ecke spaziert, obwohl er das Hotel gar nicht hätte verlassen dürfen, was er im Nebensatz übrigens auch erwähnt. Die weiteren Eckpunkte: Maske vergessen, mit Kassiererin diskutieren, ob er einen Wagen braucht, Kleingeld wechseln und dann den Wagen trotzdem vergessen. Die Folge: Beim ersten Spiel nach dem Re-Start gegen Wolfsburg ist Herrlich nicht im Stadion. Eine Woche später steht er beim Dreier auf Schalke dann an der Seitenlinie und hat in den restlichen Saisonspielen den Klassenerhalt perfekt gemacht.

Die etwas andere Elf der Rückrunde im Überblick

Stand: 29.06.2020, 08:30 Uhr

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