Pechvögel, Politiker und Papas - die etwas andere Elf der Hinrunde

Pechvögel, Politiker und Papas - die etwas andere Elf der Hinrunde

Von Christian Steigels

Ein tragikomischer Torwart, ein Mittelfeldspieler, der über den Tellerrand blickt und ein fürsorglicher Vater, der keinen Käse mag. Die etwas andere Elf der Hinrunde.

Lukas Hradecky

Tor - Lukas Hradecky (Bayer Leverkusen): Glaubt man den Filmen des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki, sind seine Landsleute melancholische und häufig tragikomische Typen. Lukas Hradecky ist Finne, und auch er wirkte wie eine Figur aus einem Kaurismäki-Film in dieser 47. Spielminute in Bielefeld. Ein harmloser Rückpass von Verteidiger Daley Sinkgraven war gerade ins eigene Tor gekullert - oder in Hradeckys nüchterner Analyse: "Ich habe ins Leere geschossen, dann habe ich hinter mich geschaut - und der Ball rollt ins Tor." Glück im Unglück - seine Kollegen bügelten den Fehler aus, Leverkusen siegte spät in Bielefeld. Und Hradecky gönnte sich noch einen Moment kaurismäkischer Melancholie: "Sicher nicht der allerschönste Moment in meiner Karriere."

Tor - Lukas Hradecky (Bayer Leverkusen): Glaubt man den Filmen des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki, sind seine Landsleute melancholische und häufig tragikomische Typen. Lukas Hradecky ist Finne, und auch er wirkte wie eine Figur aus einem Kaurismäki-Film in dieser 47. Spielminute in Bielefeld. Ein harmloser Rückpass von Verteidiger Daley Sinkgraven war gerade ins eigene Tor gekullert - oder in Hradeckys nüchterner Analyse: "Ich habe ins Leere geschossen, dann habe ich hinter mich geschaut - und der Ball rollt ins Tor." Glück im Unglück - seine Kollegen bügelten den Fehler aus, Leverkusen siegte spät in Bielefeld. Und Hradecky gönnte sich noch einen Moment kaurismäkischer Melancholie: "Sicher nicht der allerschönste Moment in meiner Karriere."

Abwehr - David Abraham (EIntracht Frankfurt): Alfonso Abraham ist vier Jahre alt - und hat seinen Vater bislang nur unregelmäßig gesehen. Das wird sich ändern - Papa David kehrt in die Heimat Argentinien zurück, wo der Sohn mit seiner Mutter wohnt. Gute Nachrichten für Alfonso - schlechte für Eintracht Frankfurt. "Wir verlieren nicht nur einen tollen Spieler, sondern auch einen tollen Menschen. Er wird geliebt", sagte Trainer Adi Hütter. Bis zuletzt hatten sie am Main versucht, den Kapitän zum Bleiben zu bewegen, der eigentlich schon im Sommer hatte aufhören wollen und dann seinen Vertrag noch einmal um ein halbes Jahr verlängerte. Aber es half nicht. "Die Zeit, sein Kind heranwachsen zu sehen, lässt sich durch nichts ersetzen", sagte Abraham. Frankfurt verliert somit einen der besten Innenverteidiger der Liga und eine Integrationsfigur - und Abraham seine Wahlheimat. Auch wenn ihm nicht alles zusagte: "Handkäs schmeckt mir nicht", sagte er der "Zeit" mal. Von dieser regionalen Spezialität wird er in Zukunft wohl sicher verschont bleiben.

Abwehr - David Alaba (Bayern München): Als Posse bezeichnet man landläufig ein derb-komisches Bühnenstück, das mit den Mitteln der Übertreibung und Ironie arbeitet. Im klassischen Theater spielt die dereinst beliebte Form eine zunehmend untergeordnetere Rolle - schön, dass sich zumindest der Fußball dieser Form noch regelmäßig annimmt. In der Hinrunde zum Beispiel im Fall David Alaba. Der Österreicher ist einer der besten Fußballer der Welt, seit zehn Jahren beim FC Bayern München. Ein verdienter, wertvoller Mitarbeiter - dessen mutmaßlicher Abgang nach Madrid nun aber leider von Störgeräuschen der unschöneren Art begleitet wird. Kurz zusammengefasst: Es geht um einen im Sommer auslaufenden Vertrag. Um Geld, sehr viel Geld, und einen neuen Berater. Um gegenseitige Schuldvorwürfe und um Ultimaten. Sicher ist: Am Ende der Saison ist Alaba weg. Doch im Gegensatz zur Posse im Theater ohne Lachen und Applaus.

Abwehr - Santiago Arias (Bayer Leverkusen): Es waren noch nicht einmal zehn Minuten gespielt im WM-Qualifikationsspiel zwischen Kolumbien und Venezuela, als sich nach einem Zweikampf eine Traube schockierter Spieler bildete. Der kolumbianische Rechtsverteidiger Santiago Arias hatte sich den Fuß komplett verdreht, musste unter Schmerzen ausgewechselt werden. Auch rund 8500 Kilometer entfernt in nordöstlicher Richtung reagierte man entsetzt: Bayer Leverkusen hatte Arias erst zwei Wochen zuvor verpflichtet, die Leihgabe von Atletico Madrid hatte in der Vorwoche den ersten Auftritt in der Bundesliga. Nun die niederschmetternde Diagnose: Bruch des linken Wadenbeins und Syndesmoseriss, ein halbes Jahr Pause. Operation und Reha absolvierte der Kolumbianer in Madrid - wenn es gut läuft, werde er aber noch im Januar nach Leverkusen zurückkehren, so Arias im Interview. Auf ein Neues dann im Saison-Endspurt!

Mittelfeld - Jóan Símun Edmundsson (Arminia Bielefeld): Auf der europäischen Fußball-Landkarte erschienen die Färöer-Inseln erstmals am 12. September 1990. Damals siegten die Färinger im allerersten Pflichtspiel ihrer Karriere mit 1:0 gegen Österreich – ein Sieg, der noch heute auf der Insel in zahlreichen Liedern besungen wird und sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Gut drei Jahrzehnte später geschah erneut Historisches: Mit Jóan Símun Edmundsson wurde erstmals ein Färinger in der Bundesliga eingewechselt – und erzielte prompt das Siegtor für Arminia Bielefeld gegen den 1. FC Köln. Seinen warholschen Moment beschrieb Edmundsson nach der Partie in allerschönstem Denglisch: "I didn't see anyone to pass it quer und dann habe ich die Target gehittet".

Mittelfeld - Leon Goretzka (Bayern München): "Wir müssen den Leuten klar vor Augen führen, dass wir in einer Demokratie leben, die durch nichts und niemanden kaputt gemacht werden kann. Hasskommentare bringen mich eher dazu, mich noch klarer zu positionieren." Der das sagt, ist kein politischer Aktivist, sondern ein Fußballprofi. Leon Goretzka ist ein Leuchtturm in einer Branche, in der fehlende politische Teilhabe zumeist mit Professionalität verwechselt wird. Ganz anders Goretzka: In einem Interview mit der Welt am Sonntag nannte er die AfD "eine Schande für Deutschland". Im November besichtigte er das ehemalige Konzentrationslager Dachau und traf sich mit der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Sie habe ihm auf den Weg gegeben, "dass wir diejenigen sein müssen, die dafür Sorge tragen, damit so etwas nie wieder vorkommt," sagte Goretzka danach bewegt. So lange es Vorbilder wie ihn gibt, besteht Hoffnung.

Mittelfeld - Steven Zuber (Eintracht Frankfurt): Steven Zuber hat schon ein paar Vereine gesehen. Er hat in Moskau gespielt, beim Armeeklub ZSKA, dann in der Kraichgauer Provinz bei Hoffenheim, in Stuttgart beim VfB. Als der Schweizer am ersten Spieltag zu Beginn der zweiten Halbzeit bei seinem neuen Klub Eintracht Frankfurt eingewechselt wurde, war ihm mit großer Wahrscheinlichkeit nicht bewusst, welch große Zahl auf seinen breiten Schultern lastete: Der ehemalige Hoffenheimer war der 439. Spieler, der für Eintracht Frankfurt in der Bundesliga zum Einsatz kam. Kein Verein hat mehr Akteure in der Bundesliga eingesetzt - der Hamburger SV folgt den Frankfurtern mit 438 Spielern auf Platz zwei. Mittlerweile können die Hessen gar 443 Spieler aufweisen - ein weiterer Grund für den Hamburger SV, flott wieder aufzusteigen um sich den Rekord zurückzuholen.

Mittelfeld - Max Kruse (Union Berlin): Dass der Neu-Berliner in seiner Freizeit gerne und erfolgreich pokert, ist bekannt. Seine Leidenschaft gereicht ihm auch bei der Ausübung seines Berufs zum Vorteil - kaum jemand ist so abgezockt wie Kruse. 16 Elfmeter hatte Kruse in seiner Karriere in der Bundesliga geschossen, 16 Mal traumhaft sicher verwandelt. Dann kam das Spiel gegen Köln. Union Berlin bekam einen Elfmeter zugesprochen. Ein Fall für Kruse - diesen einen musste er noch verwandeln, um alleiniger Rekordhalter der Liga zu sein. Kruse lief an und verschoss. Den Nachschuss verwertete er zwar, half aber nichts: den Rekord der meisten verwandelten Elfmeter am Stück muss er sich vorerst teilen mit dem ehemaligen Bochumer und Düsseldorfer Hans-Joachim Abel.

Sturm - Youssoufa Moukoko (Borussia Dortmund): Der 20. November ist eine geschichtsträchtiger Tag: 1947 heiratete die britische Prinzessin Elisabeth und spätere Königin Elizabeth II., 1975 starb der spanische Diktator Franco, 1985 veröffentlichte Microsoft die erste Windows-Version. Und 2020 feierte Youssoufa Moukoko seinen 16. Geburtstag - und wurde nur einen Tag später zum jüngsten Spieler der Bundesliga-Geschichte. Vorausgegangen war eine Ausnahmegenehmigung der DFL - eigentlich dürfen Spieler erst mit 17 Jahren debütieren. Aber für das Wunderkind wurde eine Ausnahme gemacht, mit dem gerne genommenen Verweis auf sonstige Nachteile gegenüber anderen europäischen Profiligen. Wenige Wochen später brach Moukoko den nächsten Rekord und wurde durch sein Tor gegen Union Berlin zum jüngsten Bundesliga-Torschützen aller Zeiten.

Sturm - Fabian Klos (Arminia Bielefeld): "Ich bin froh, dass das Thema jetzt vorbei ist", sagte der Bielefelder Stürmer nach der Niederlage gegen RB Leipzig sichtlich angefressen. "Das Thema" ist sein erstes Bundesligator, dass der Stürmer in eben jener Partie erzielt hatte - kurz vor seinem 33. Geburtstag. Es ist der Professionalität und nüchternen Art des Sportskameraden Klos geschuldet, dass er so wenig Aufhebens darum machte. Mit ein wenig mehr Fußballromantik betrachtet ist es aber auch der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die man als mindestens ungewöhnlich bezeichnen muss. Mit 17 Jahren kickte Klos beim SV Meinersen in der Kreisliga. Über den MTV Gifhorn (Oberliga) und die zweite Mannschaft des VfL Wolfsburg (Regionalliga) landete er schließlich bei Arminia Bielefeld - und dort kontinuierlich von der 3. Liga über die 2. Liga im Oberhaus. Oder wie er selbst einmal sagte: "Ich habe jedes Ziel, das ich mir nicht gesteckt habe, erreicht."

Sturm - Matthew Hoppe (FC Schalke 04): Auf Schalke herrschte vor dem 15. Spieltag ein Zustand, der mit blanker Angst nur unzureichend beschrieben ist. Was sich über Wochen und Monate angedeutet hatte, erst als Witz, als Folklore, dann immer besorgniserregender, war zu einer schrecklichen Gewissheit geworden: der große FC Schalke 04, Meister der Herzen, einstiger Inbegriff des Malocher-Klubs, würde den All-Time-Rekord von Tasmania Berlin einstellen und 31 Spiele in Folge nicht gewinnen können. Gegen Hoffenheim sollte es soweit sein – doch die Fußball-Geschichte hatte eine Pointe parat: Auftritt Matthew Hoppe. Der 19 Jahre alte US-Amerikaner hatte bis dahin zwei Bundesliga-Spiele auf dem Buckel, hatte zwei Mal nicht überzeugen können. Auch in der zweiten Mannschaft der Schalker lief es mäßig, in 16. Spielen hatte er ein mageres Törchen erzielt. Doch an diesem Samstag wurde er zum Helden - und bewahrte Schalke quasi im Alleingang vor dem Eintrag in die Geschichtsbücher. Drei Tore erzielte er gegen Hoffenheim und war maßgeblich am 4:0-Sieg beteiligt.

Die etwas andere Elf der Hinrunde im Überblick:

Stand: 21.01.2021, 10:00 Uhr

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