Bundesliga - der Abstand wächst

Zu viele Schalen: Mats Hummels sucht Orientierung

Saisonbilanz

Bundesliga - der Abstand wächst

Von Frank Hellmann

Die Bundesliga hat Spannung im Meisterschaftskampf geliefert und einen fußballerischen Fortschritt vorgeführt. Für das internationale Topniveau mangelt es aber an Qualität und Mentalität. Eine Analyse.

Am Ende war es richtig rührig. Wer sich die bunten Bilder von den Meisterparty auf dem Rasen der Münchner Arena noch einmal rückblickend in Ruhe betrachtet, der hätte beim FC Bayern nach dem Gewinn der Schale auch eine Familienfeier vermuten können: Torschützenkönig Robert Lewandowski gibt seiner Frau Anna und Tochter Klara einen Kuss. Dazu freuen sich Cathy Hummels und Sohn Ludwig vor Ort mit ihrem Mats.

Es gab eben doch mehr zu bestaunen als nur eine Bierdusche für Niko Kovac. Alles paletti also beim FC Bayern? Dessen Trainer braucht ja auch nur noch das DFB-Pokalfinale gegen RB Leipzig (Samstag 20 Uhr/live im Ersten) zu gewinnen, um sich mit dem nationalen Doppelerfolg die Jobgarantie einzuholen? So einfach ist es nicht. Weder in München. Und erst recht nicht mit dieser 56. Bundesliga-Saison. Ende gut, aber nicht alles gut.

Es braucht internationale Spitzenklubs

Der Verfolger Borussia Dortmund hat in einem "Umbruchjahr" (FCB-Präsident Uli Hoeneß) eine große Chance verpasst, aus den Schwächen der Bayern Kapital zu schlagen. Sicherlich ist es ein Pluspunkt, dass zum ersten Male seit zehn Jahren wieder der letzte Spieltag Spannung bot – wenn auch keine Überraschung wie 2000 mit dem Überholmanöver gegenüber Leverkusen und kein Drama wie 2001 mit dem "Meister der Herzen" auf Schalke.

Der alte und neue Meister FC Bayern

Der alte und neue Meister FC Bayern

Aber vielleicht reicht dem Publikum auch schon, dass diesmal zwar der Abstiegskampf frühzeitig entschieden war, aber nicht das Titelrennen. Christian Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), weiß nur zu gut, dass die internationale Vermarktung nur ausgebaut werden kann, wenn Deutschland einen echten Kampf um die Schale erlebt (so wie es England seit Jahren vorexerziert) und sich am besten mehrere Vereine als internationale Spitzenklubs positionieren.

Eintracht Frankfurt schönt die Bilanz

An diesem Punkt aber könnte es Probleme geben: Der FC Bayern und Borussia Dortmund sind an den Champions-League-Finalisten FC Liverpool und Tottenham Hotspur unter dem Strich ebenso deutlich wie verdient gescheitert. Und wer die wunderbar hochwertigen Halbfinals dieser beiden energetischen Teams sah, kommt um die Feststellung nicht umhin: Da fehlen dem FCB und BVB einiges an Qualität und Mentalität.

Und weil auch der FC Schalke 04 gegen Manchester City auf völlig verlorenem Posten stand, blieb das Viertelfinale der Königsklasse zum ersten Male seit 13 Jahren ohne deutsche Beteiligung. Das Wehklagen über das europäische Fiasko wäre deutlich größer ausgefallen, wenn nicht Eintracht Frankfurt sich in einem Kraftakt bis ins Europa-League-Halbfinale vorgekämpft hätte.

Premier League setzt das Geld sinnvoll ein

Die bewundernswerte Leidenschaft der Hessen für diesen Wettbewerb konnte freilich nicht das Grundproblem der Liga übertünchen: Gerade die englischen Spitzenklubs, die sich die Europapokale demnächst untereinander aufteilen, sind enteilt. Auch weil sie das viele Geld, das ihnen vom Bezahlfernsehen, Investoren und dem weltweiten TV-Publikum zufließt, viel sinnvoller einsetzen als früher. Ihre Investitionen fließen nicht mehr nur in Spielergehälter und Beraterprovisionen, sondern in Nachwuchskonzepte, Trainerausbildung, Ernährungsberater und Chefscouts. Und bei Bedarf in Bundesliga-Knowhow.

Der Europa-League-Finalist FC Arsenal ist gespickt mit ehemaligen Profis, deren Karriere in Deutschland ins Laufen kam. Dass diese Spieler allesamt dem Lockruf der Insel erlagen, muss genauso ein Alarmzeichen sein wie die für die Vergabe der Europapokalplätze maßgebliche Fünfjahreswertung der UEFA: Die Bundesliga liegt auf Platz vier, noch hinter der italienischen Serie A. Immerhin: Für die nächsten Jahre ist nicht absehbar, dass die Weltmeisternation Frankreich hier zum Überholmanöver ansetzt und Deutschland die vier sicheren Champions-League-Startplätze verliert.

Erst 2018 aufgewacht

Aber ist der Anspruch nicht ein anderer, als den Status quo als Verfolger zu wahren? Seifert hatte schon 2015 beim DFL-Neujahrsempfang unverhohlen formuliert, die Bundesliga müsse zu den weltweit führenden Top-Ligen gehören, die globale Aufmerksamkeit generieren.

Dieser Anspruch war 2013 mit dem deutschen Champions-League-Finale in Wembley erfüllt. Doch mit dem WM-Titel 2014 breitete sich ein Wohlbehagen aus, das lange noch bis in die Vereine abstrahlte. Es brauchte erst das WM-Desaster 2018, um auch in den Klubs wieder grundsätzlichen Reformbedarf bis zu den Strukturen im Juniorenbereich auszumachen.

Bremen und Mainz sind Vorbilder für Entwicklung

So ist offenkundig, dass der fußballerische Fortschritt in dieser Saison entweder von den Trainerbänken oder jungen ausländischen Spielern kommt. In Bremen hat der mutige Bessermacher Florian Kohfeldt, ausgezeichnet mit dem Trainerpreis des Jahres, dem SV Werder ein (offensives) Denken vermacht, das dem Tabellenachten gut zu Gesicht steht.

In Mainz hat der aufrichtige Kämpfertyp Sandro Schwarz gemeinsam mit seinem Sportvorstand Rouven Schröder vor allem mit Bundesliga-Neulingen aus Frankreich, Spanien und den Niederlanden einen Kader gezimmert, der einem Tabellenzwölften alle Ehre macht.

Ungeduldiges Umfeld

Doch viele Standorte lassen solch erfreuliche Entwicklungen gar nicht zu, so schnell sind Trainer und neuerdings Manager bereits wieder Geschichte. Gladbachs Trainer Dieter Hecking hat den Umgang mit seiner Gilde bei seinem Abgang nicht umsonst beklagt.

Hecking kritisiert Umgang mit Trainern Sportschau 18.05.2019 02:08 Min. Verfügbar bis 18.05.2020 Das Erste

Die ungeduldigen Aufsichtsräte, Fans und auch Medien übersehen dabei gerne, dass die um sich greifende „Hire-and-fire“-Mentalität in den seltensten Fällen das Grundübel anpackt.

Sondern nur unsinnige Ausgaben für Vertragsauflösungen und Abfindungen bindet. Wohin das alles führt, ist am besten am Beispiel des Hamburger SV zu besichtigen. Ein früheres Aushängeschild der Bundesliga ist auf noch nicht absehbare Zeit gefangen in der Zweitklassigkeit.

Stand: 20.05.2019, 14:13

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