DFL-Hygienekonzept: Alles unter Kontrolle

Ersatzspieler von 1899 Hoffenheim mit Maske

Umfrage bei Behörden

DFL-Hygienekonzept: Alles unter Kontrolle

Von Thorsten Poppe

Das Hygienekonzept der Deutschen Fußball-Liga DFL galt als der Schlüssel für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der Bundesliga. Doch ist dieses Konzept überhaupt vor Ort überprüft worden? sportschau.de ist dieser Frage nachgegangen - mit überraschendem Ergebnis.

Eine entsprechende Nachfrage an das Bundesministerium des Innern, Bau und Heimat (BMI) hatte Ende Mai keine Erkenntnis geliefert, ob und wer das Hygiene-Konzept der DFL für die Wiederaufnahme der Bundesliga in der Praxis überhaupt kontrolliert. Im Sportausschuss des Bundestages wurden dafür die Gesundheitsämter genannt, in den Ausführungen des BMI die Arbeitsschutzverwaltungen der Länder. Deshalb ist der Autor mit Unterstützung des Recherche-Fonds "COVID-19" der Wissenschaftspressekonferenz WPK dieser Frage für sportschau.de nachgegangen.

"WPK - Die Wissenschaftsjournalisten" Mit diesem Slogan präsentiert sich Deutschlands Verband der Wissenschaftsjournalisten, die Wissenschaftspressekonferenz e.V.. Die Mitglieder der WPK sind hauptberufliche Wissenschaftsjournalistinnen und Wissenschaftsjournalisten, die - angestellt oder frei - für Printmedien, Hörfunk, Fernsehen und/oder Internet arbeiten.

Überprüfung durch Gesundheitsämter

Dafür wurden nach Beendigung der Saison 2019/2020 alle zuständigen Gesundheitsämter an Bundesliga-Standorten, als auch die an diesen Standorten zuständigen Arbeitsschutzbehörden angeschrieben. Letztere überwachen, ob der Arbeitgeber die Arbeit so gestaltet, dass eine Gefährdung der Gesundheit der Beschäftigten vermieden wird. Das Ergebnis: Die überwiegende Mehrheit der Vereine in der Bundesliga und 2. Bundesliga sind bei der Umsetzung des Hygiene-Konzepts von den lokalen Gesundheitsämtern überprüft worden.

DFL-Hygienekarte

DFL-Hygienekarte

Keine größeren Beanstandungen

Auf unsere Anfrage haben wir von 28 der 34 zuständigen Gesundheitsämter (für die 36 Bundesligisten) Rückmeldung bekommen. Denn die Behörde in Hamburg-Altona ist sowohl für den HSV als auch den FC St. Pauli zuständig, und das Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis sowohl für die TSG Hoffenheim als auch den SV Sandhausen. Insgesamt gibt es damit konkrete Rückmeldungen zu 30 Bundesligisten. Davon sind 25 Vereine bei der Umsetzung des Konzepts von den Gesundheitsämtern überprüft beziehungsweise angeleitet worden, davon mehr als die Hälfte sogar im Trainings- oder Spielbetrieb. Kein Gesundheitsamt hat in der Umsetzung des DFL-Hygienekonzepts bei den Vereinen größere Beanstandungen gefunden.

DFL - Hygienekonzept ging voll auf

Sportschau 13.08.2020 00:41 Min. Verfügbar bis 13.08.2021 ARD Von Mareike Zeck

Sonderfall Bayern

Dazu gibt es die Besonderheit im Bundesland Bayern. Hier hat das Staatsministerium für Gesundheit und Pflege für alle dort ansässigen Gesundheitsämter (bis auf Fürth) gemeinsam geantwortet: "Die Prüfung des seitens der DFL vorgelegten Hygienekonzepts ist seitens des Ministeriums erfolgt (…). Allgemein lässt sich aussagen, dass jeder Bundesliga-Verein verpflichtet ist, die im DFL-Konzept enthaltenen Vorschriften zu beachten, sowie zur Gewährleistung dessen ggf. weitere Maßnahmen – aufgrund der standortspezifischen Gegebenheiten vor Ort – in Abstimmung mit den örtlich zuständigen Kreisverwaltungsbehörden zu ergreifen." Die Nachfrage, ob dieses Konzept auch vor Ort bei den bayerischen Bundesligisten wie dem FC Augsburg oder dem FC Bayern München überprüft worden ist, blieb bis jetzt unbeantwortet.

Insgesamt jedoch überrascht das Ergebnis. Weil trotz der Unklarheiten im Vorfeld des Restarts der Bundesliga, ob und wer die Umsetzung des Konzepts in der Praxis überprüft, sich die Gesundheitsämter in der Verantwortung sahen. Ihre entsprechenden Prüfungen zeugen davon, dass das DFL-Hygienekonzept zuverlässig von den Bundesligavereinen umgesetzt worden ist.

Berlin besonders im Fokus

Während also die Gesundheitsämter die Kontrollen übernommen hatten, sind die Arbeitsschutzbehörden hier nicht in der Pflicht gewesen. Bis auf Berlin, wo auch das Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit die beiden Bundesligisten Hertha BSC und den 1. FC Union Berlin vor Ort kontrolliert hat: "Dazu haben wir die Umsetzung der Arbeitgeberpflichten vor und während des Spielbetriebs und im Lauf der ersten Liga-Spiele an ihren Berliner Standorten überwacht. Im Fokus waren dabei insbesondere die mit körpernahen Dienstleistungen (Masseure, Sanitäter, …) und mit technischen Dienstleistungen (Sportwarte, …) beauftragten Beschäftigten. Wir haben bei beiden Vereinen keine Abweichungen vom Sars-Cov2-Arbeitsschutzstandard identifiziert", schreibt die Behörde auf Anfrage.

Zudem haben auch die zuständigen Gesundheitsämter Charlottenburg-Wilmersdorf für Hertha BSC und Treptow-Köpenick für den 1. FC Union Berlin zusätzlich das Hygienekonzept mit den beiden Klubs besprochen bzw. vor Ort überprüft. Dieses Vorgehen liegt wohl vor allem an dem Live-Video des ehemaligen Hertha-Profis Salomon Kalou bei Facebook begründet, in dem der Ivorer eine eklatante Missachtung der Hygienebestimmungen in der Kabine und der Geschäftsstelle des Klubs öffentlich machte und damit die Behörden noch einmal zusätzlich sensibilisiert haben dürfte.

Richtungswechsel beim neuen DFL-Konzept mit Zuschauern

Da dieses Hygienekonzept lokal sehr gut funktionierte, weil es die dortigen Gegebenheiten vor Ort individuell berücksichtigen konnte, bekommt die kürzlich geäußerte Kritik des Präsidenten des 1. FC Union Berlin, Dirk Zingler, gegen das neue DFL-Konzept mit Zuschauern Rückenwind. In einem Schreiben an alle 35 anderen DFL-Mitgliedsvereine kritisierte Zingler dieses neue Konzept als "Richtungswechsel". Es ginge weg von lokalen Konzepten mit individuellen Lösungen hin zu statuarisch vorgegebenen bundesweiten Regelungen.

"Die nun durch das DFL-Präsidium vorgelegten Anträge bilden ein außerordentlich enges Korsett ab, das (…) unnötigerweise niemandem ermöglicht, auf sich verändernde Pandemielagen zu reagieren und alternative, von Behörden genehmigte, Konzepte umzusetzen, die im Sinne des Infektionsschutzgesetzes den gleichen oder sogar einen höheren Wirkungsgrad erreichen, als die bisher existierenden Schutzmaßnahmen", schreibt Zingler.

Alkoholverbot einheitlich geregelt

Die DFL-Pläne sehen allerdings vor, dass die Klubs in Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden individuelle Konzepte erarbeiten. Lediglich ein Alkoholverbot und personalisierte Ticketvergabe sowie die Sperrung von Stehplätzen sollen ligaweit einheitlich geregelt werden.

Ohne Fans zumindest bis Ende Oktober

Doch die Diskussion um das neue DFL-Hygienekonzept mit Zuschauern hat sich bis Ende Oktober ohnehin erst einmal erledigt. Am Montag (10.08.2020) einigten sich die Gesundheitsminister der Länder einhellig darauf, dass eine Öffnung der Stadien für Fans bis dahin nicht zu befürworten sei. Auch die DFL sprach im Anschluss davon, "dass die Eindämmung des Coronavirus höchste Priorität haben muss". Deshalb respektiere sie selbstverständlich die Position der Gesundheitsminister.

Stand: 13.08.2020, 08:48

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