Studie: Schalke, Union und Paderborn finanziell auf der Kippe

Fußball, Bundesliga

Finanzen in der Bundesliga

Studie: Schalke, Union und Paderborn finanziell auf der Kippe

Von Matthias Wolf

Eine Studie der Handelshochschule Leipzig hat die Finanzen der Fußball-Bundesligisten untersucht. Das Ergebnis: Drei Erst- und drei Zweitligisten sind aufgrund der Coronakrise besonders gefährdet. Ein "Weiter so" könne es nicht geben, lautet das Fazit.

Die wissenschaftliche Arbeit trägt den Titel "Die Bundesliga - und ihre Zukunft". Eine Zukunft, die bis zur Genehmigung von Geisterspielen durch Covid-19 stark gefährdet war. Warum einige Klubs der ersten und zweiten Bundesliga so schnell in Schieflage gerieten, darüber sprach die Sportschau exklusiv schon am 9. April mit Professor Dr. Henning Zülch von der Handelshochschule Leipzig (HHL).

Langristige Strategien fehlen

Zülch hat nun gemeinsam mit seinem Team und Experten der international tätigen Unternehmensberatung Odgers Berndtson die Arbeiten an seiner Studie abgeschlossen. "Ein 'Weiter so' kann es nicht mehr geben", sagt er jetzt, am Tag der Veröffentlichung, im Interview mit sportschau.de. Die Situation bei vielen Klubs sei bedrohlich, da oftmals nur wenig Wert auf eine langfristige Strategie gelegt werde: "Vielfach wird sehr viel Risiko gegangen, was sich natürlich dann auch in der finanziellen Situation, erhöhten Verbindlichkeiten und einem negativen Eigenkapital dann abbildet."

Prof. Dr. Zülch: "In der Bundesliga haben drei Klubs ein negatives Eigenkapital" Sportschau 12.05.2020 00:48 Min. Verfügbar bis 12.05.2021 Das Erste

Besonders gefährdet laut der wissenschaftlichen Untersuchung: Der FC Schalke 04, Union Berlin und der SC Paderborn aus der Beletage, sowie die Zweitligisten 1. FC Nürnberg, VfL Osnabrück und Karlsruher SC. Weitere Klubs im Risiko, mit auf Kante genähten Etats, seien die Zweitligaklubs SV Sandhausen, SV Wehen-Wiesbaden, FC Erzgebirge Aue, SpVgg Greuther Fürth, Jahn Regensburg, FC Heidenheim und Dynamo Dresden.

Forderung nach einer Taskforce

Die Studie hat Zülch schon vor einigen Tagen vorab der DFL zur Verfügung gestellt - eine Reaktion habe er bisher nicht erhalten.Von der Liga aber fordert der renommierte Wirtschaftswissenschaftler nun die Bildung einer Taskforce, um aus Corona zu lernen und im Falle einer erneuten Krise den Fortbestand des Profifußballs in Deutschland zu sichern.

Prof. Dr. Zülch: "Der Fußball in Deutschland gerät unter massiven Druck" Sportschau 12.05.2020 00:41 Min. Verfügbar bis 12.05.2021 Das Erste

Zülch: "Diese Entscheidung, Geisterspiele durchzuführen, ist vergleichbar mit Ihrem Auto. Sie fahren an die Tankstelle, laden den Tank wieder voll und können jetzt die Reststrecke der letzten Spiele durchführen und überstehen und dann damit auch Ihren Apparat, Ihr Auto, am Laufen halten. Und für die langfristige Perspektive der Bundesliga ist natürlich der Spielbetrieb ein essenzieller. Und wenn man sich die Verluste anschaut, die momentan da so im Spiel sind, das ist alles verkraftbar - aber über längere Zeit kann man das schwerlich kompensieren."

Warum Bundesligaklubs wegen Corona finanziell wanken sport inside 16.04.2020 13:45 Min. Verfügbar bis 16.04.2021 WDR

So würden sich laut Zülch die entgangenen Einnahmen für alle Klubs bis zum Saisonende auf etwa 79 Millionen Euro summieren. Bleibt es bei Geisterspielen in der kompletten Hinrunde der neuen Saison, erhöht sich dieser Betrag auf 178 Millionen Euro.

Prof. Dr. Zülch: "Langfristige Perspektive der Fußballklubs lässt zu wünschen übrig" Sportschau 12.05.2020 00:29 Min. Verfügbar bis 12.05.2021 Das Erste

"Hohes Maß an Intransparenz"

Die Studie entstand auf Grundlage aller öffentlich zugänglichen Zahlen zu den 36 Profiklubs. Dort herrsche aber vielerorts "ein hohes Maß an Intransparenz", so Zülch, was sehr bedenklich sei angesichts der auch derzeit von Funktionären oft betonten gesellschaftlichen Relevanz des Fußballs. Der Bitte des Expertenteams nach weiterem Zahlenmaterial kamen letztlich nur acht Vereine nach. Letztlich, aber so Zülch, müsse die Liga nun ihre Glaubwürdigkeit durch mehr Transparenz erhöhen. Dann könnten nun alle von dem Strategiepapier profitieren.

Prof. Dr. Zülch: "Nachhaltiges Wirtschaften muss mit Leben gefüllt werden" Sportschau 12.05.2020 00:29 Min. Verfügbar bis 12.05.2021 Das Erste

Die Studie entstand auf Basis der Finanzen, der Management-Qualität, des sportlichen Erfolges und der Nachwuchsarbeit. Die sieht Zülch nach Covid-19 als Chance für die Bundesliga, um den Auswüchsen des Transfermarktes zu begegnen - und um Kapital zu schaffen. Zülch verweist auf das Beispiel Borussia Dortmund, das regelmäßig 30 bis 40 Prozent der Erlöse aus Transfers von Spielern aus der eigenen Jugend ziehe.

Professor Henning Zülch: "Ohne Geisterspiele würde es einige Klubs nicht mehr geben"

02:00 Min. Verfügbar bis 12.05.2021

Vereine wie Schalke 04 seien speziell in diesem Bereich "gar nicht so schlecht aufgestellt, aber sie bringen die PS nicht auf die Straße". Soll heißen: Schalke müsste aufgrund der guten Arbeit in der "Knappenschmiede" eigentlich deutlich mehr Geld durch Transfers erzielen. Die Durchlässigkeit von den Nachwuchsleistungszentren in die Profiteams sei vielerorts auch nicht gut genug, selbst ein Ausbildungsverein wie der SC Freiburg habe hier Optimierungsbedarf, weil zu wenige Talente den Weg bis nach ganz oben - in den Hochpreisbereich - schaffen würden.

Prof. Dr. Zülch: "Jugendarbeit ist essentieller Faktor" Sportschau 12.05.2020 00:27 Min. Verfügbar bis 12.05.2021 Das Erste

Im internationalen Vergleich finanziell solide

Die Studie betont auch die Vorteile der Bundesliga, die insgesamt als finanziell solide eingeschätzt wird - zumindest im internationalen Vergleich. So seien andere Top-Ligen noch deutlich abhängiger vom Fernsehgeld. Und diese Ligen würden auch erheblich höhere Anteile ihrer Erlöse in Spielergehälter stecken. In der Bundesliga seien es zwar auch beachtliche 53 Prozent, aber in England (59 Prozent), Spanien, Italien (jeweils 66 Prozent) und Frankreich (75 Prozent) ernten die Profis einen noch größeren Anteil.

Zülch plädiert deshalb dafür, über eine Gehaltsobergrenze nachzudenken - und sagt gleichzeitig: Die Bundesliga könne durchaus von anderen Top-Ligen lernen. Zum Beispiel im Bereich Digitalisierung: "Wir haben uns Gedanken darüber gemacht und kurzfristige Mittel und langfristige Wege identifiziert, wie sich die Liga weiterentwickeln könnte. Langfristig muss man die Eigenkapitalposition stärken durch ein starkes operatives Geschäft. Und ein operatives Geschäft kann gestärkt werden, indem sie beispielsweise auch den Erlösmix verändern oder anpassen."

Dies bedeute auch andere Dinge auszuschöpfen, die bislang so nicht existierten. "Die anderen Ligen sind da stärker", sagt Zülch und nennt ein Beispiel: "Wenn Ronaldo auf Instagram einen Post absetzt, dann verdient er damit 500.000 Euro." Davon sei man in Deutschland noch weit entfernt.

Prof. Dr. Zülch: "Langfristig muss die Eigenkapitalposition gestärkt werden" Sportschau 11.05.2020 00:34 Min. Verfügbar bis 11.05.2021 Das Erste

Stand: 12.05.2020, 11:00

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