Hinrunde der Gegensätze: Bremen schlecht wie nie, Leipzig besser als je zuvor

Werder-Trainer Florian Kohfeldt auf der Pressekonferenz nach der Niederlage in Köln

Der Hinrunden-Rückblick der Bundesliga

Hinrunde der Gegensätze: Bremen schlecht wie nie, Leipzig besser als je zuvor

Was für eine Hinrunde: Borussia Dortmund kann die relative Schwäche der Bayern nicht nutzen, der Herbstmeister kommt aus Leipzig. Um Bremen muss man sich Sorgen machen, um Union eher nicht.

Der FC Bayern im Krisenmodus

Es war viel los beim FC Bayern in dieser Bundesliga-Hinrunde: Und immer wenn der Rekordmeister in der Vergangenheit für dauerhafte Diskussionen sorgte, lief es sportlich nicht gerade rund. An derlei Münchner Aggregatzustände können sich zwar nur ältere Fußballfans erinnern - schließlich wurden die Bayern zuletzt sieben Mal hintereinander Meister. Aber zumindest am achten Titel in der Reihe bleiben Zweifel. Trainer Nico Kovac musste Anfang November gehen, nach einem 1:5 bei Eintracht Frankfurt und gerade mal 18 Punkten nach zehn Spieltagen. Hansi Flick soll es richten, allerdings ist seine Bilanz für bayerische Verhältnisse auch nicht gerade lupenrein. In sieben Partien gab es zwei Niederlagen. Zwischenzeitlich lagen die Bayern sogar nur auf Platz sieben, was gänzlich gegen das Selbstverständnis der Münchner spricht.

Neben der sportlichen Krise auf dem Fußballplatz herrschte auch große Unruhe im Umfeld: Kein Geringerer als Präsident Uli Hoeneß, 50 Jahre im Verein, davon 40 Jahre als Manager und Präsident, begab sich Mitte November in den Ruhestand. Herbert Hainer übernimmt Hoeneß' Aufgaben. Auch auf diesem Vereins-Terrain musste sich erst einmal alles zurechtruckeln. Eines steht zumindest fest: Die Bayern waren in dieser Hinrunde ungewöhnlich verwundbar.

Ein Rückblick auf das Bundesligajahr 2019

Sportschau 21.12.2019 02:00 Min. Verfügbar bis 21.12.2020 ARD

RB Leipzig und Mönchengladbach im Angriffsmodus

"Wenn die Bayern schwächeln, dann muss man da sein", ist seit vielen Jahren ein geflügeltes Wort unter den Bundesligavereinen. Wirklich umgesetzt hat diese allgemeingültige Kampfansage in den vergangenen zehn Spielzeiten nur Borussia Dortmund (Saison 2010/11; Saison 2011/12). Aber in der aktuellen Saison haben sich sogar zwei Teams aufgemacht, diese Ankündigung in die Realität umzusetzen: RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach. Beide Klubs haben mit Marco Rose (Gladbach) und Julian Nagelsmann (Leipzig) neue Trainer. Beide Teams spielen erfrischenden Offensivfußball.

Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann beim Auswärtsspiel in Dortmund

Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann beim Auswärtsspiel in Dortmund

Der Unterschied: Während Nagelsmann nichts dagegen hat, seine Ambitionen öffentlich zu äußern ("Ich strebe immer nach dem Maximalen, und das ist der Meistertitel."), wiegelt Rose ("Ich nehme diese Diskussion ernst, wenn man mir nach drei Niederlagen in Folge immer noch ernsthaft die Frage stellt: 'Wie sieht es mit der Meisterschaft aus?'") das Thema ab.

Borussia Dortmund und die Suche nach der Konstanz

Als die Spieler von Borussia Dortmund zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage und zum vierten Mal im Laufe dieser Hinrunde eine eigene Führung noch verspielt hatten, sagte der Trainer Lucien Favre: "Das ist dumm, muss ich sagen, das ist dumm. Das kostet sehr, sehr viel." Man hat Favre noch nicht oft solche Sätze in der Öffentlichkeit sagen hören über eine seiner Mannschaften, doch nach dem 1:2 bei 1899 Hoffenheim hatte der Schweizer offensichtlich keine Lust mehr, sich vor seine Mannschaft zu stellen.

Es war eine Hinrunde, in der in Dortmund eigentlich nur eines konstant war: die Abwesenheit jeglicher Konstanz. Mitreißende Spiele wechselten sich mit solchen ab, nach denen Trainer Favre ob der gezeigten Leistungen um seinen Job zittern musste. Und so geht der BVB mit 30 Punkten und auf Rang vier in die Winterpause, drei Punkte hinter den Bayern und fünf hinter Borussia Mönchengladbach. Sieben Zähler beträgt der Rückstand gar auf Herbstmeister RB Leipzig. Es spricht gerade nicht besonders viel dafür, dass Dortmund die relative Schwäche der Bayern ausnutzen und erstmals seit 2012 wieder Meister werden kann.

Lucien Favre

Lucien Favre

Oder wie es Sebastian Kehl, der Lizenzspielleiter der Dortmunder, sagte: "Es wäre so viel mehr möglich gewesen. Jetzt stehen wir doof da. Das wird noch ein wenig nachhängen."

Werder Bremen und die schwächste Hinrunde der Vereinsgeschichte

Am Ende einer Halbserie, die mit der Öffentlichwerdung des Bremer Europa-Traums begonnen hatte, standen erschreckende Zahlen. Neun Niederlagen, 41 Gegentore, nur 14 Punkte - die aktuelle ist die schlechteste Hinrunde, die Werder Bremen je in der Bundesliga gespielt hat. In die Winterpause geht Bremen mit der Hypothek von vier Niederlagen in Folge, eine war dabei gegen die Bayern, die war für Bremer Seelen womöglich noch zu verschmerzen. Aber 0:1 gegen den SC Paderborn, 0:5 gegen den 1. FSV Mainz 05 und 0:1 beim 1. FC Köln? Das tue "scheiße weh", sagte Trainer Florian Kohfeldt. Es waren drastische Worte, doch wer mag sie ihm in dieser Situation übelnehmen?

Und doch scheint es, als bliebe man sich in Bremen auch in dieser schwierigen sportlichen Lage treu. "Ich habe volles Vertrauen in den Trainer", sagte Sportchef Frank Baumann. "Er arbeitet sehr akribisch, und ich bin überzeugt, dass wir mit ihm den Klassenerhalt schaffen." In der Winterpause werde man aber zwei neue Spieler holen, sagte Baumann noch. Es sind unangenehme Wochen für alle, die es mit Werder Bremen halten. Der Traum von Europa entwickelt sich allmählich zu einem Albtraum.

Union und Paderborn: Aufsteiger, die unterschiedlicher kaum sein könnten

Wie einfach Fußball sein kann, ließ sich in der Hinrunde sehr gut bei Spielen von Union Berlin beobachten. Es ist selten spektakulär, wie die Mannschaft des Trainers Urs Fischer spielt, aber sehr oft effizient: Nur 23 Gegentore in 17 Ligaspielen, dafür 20 Punkte und Platz elf. Union Berlin war in der ersten Saisonhälfte eine der positiven Überraschungen. Das traf ganz besonders auf Sebastian Andersson zu. Acht Tore hat der Schwede selbst erzielt, einen Treffer vorbereitet - damit war er an fast der Hälfte aller Union-Tore direkt beteiligt.

In Paderborn, beim zweiten Aufsteiger, werden sie gerade womöglich etwas neidisch Richtung Berlin-Köpenick blicken. Paderborns Trainer Steffen Baumgart hatte vor der Saison versprochen, sein Team werde in der Bundesliga nicht anders agieren als eine Liga tiefer. Und er hielt Wort: Wenn der SC Paderborn spielt, wird es selten langweilig. Dann sieht man Paderborner Spieler, die stur den Weg zum gegnerischen Tor suchen, gerne mit ganz viel Tempo und in wenigen Sekunden nach Ballgewinn. Das ist dann mitreißend, aber eben auch nicht immer erfolgreich. Auch nach dem Sieg über Eintracht Frankfurt zwei Tage vor Heiligabend sitzt der SCP am Tabellenende fest. Nur zwölf Punkte - der Weg zum Klassenerhalt, er wird für Paderborn einer mit ganz vielen Hindernissen.

red/sid/dpa | Stand: 23.12.2019, 09:56

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