Langzeitschäden durch Covid-19: Riskieren Fußballprofis ihre Karriere?

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Coronavirus: Sportmediziner warnen vor Folgeschäden

Langzeitschäden durch Covid-19: Riskieren Fußballprofis ihre Karriere?

Von Volker Schulte

Sportmediziner warnen vor möglichen Folgeschäden einer Coronavirus-Infektion, die für Profisportler fatal sein könnten. Das wirft mit Blick auf einen möglichen Bundesliga-Spielbetrieb neue Fragen auf.

"Wer mit Covid-19 trainiert, riskiert Schäden an Lunge, Herz und Nieren. Ich wundere mich, dass Spieler das mit sich machen lassen." Mit diesem Tweet hat SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach am Samstag auf die positiven Corona-Tests zweier Profis des 1. FC Köln reagiert.

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Im RBB-Interview am Dienstag (05.05.2020) konkretisierte er, es könne bleibende Schäden hinterlassen, mit einer Infektion in den Leistungssport zu gehen. "Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt zumindest nicht ausschließen. Es gibt auch durchaus Gründe das anzunehmen, daher würde ich selbst das Risiko als Spieler nie auf mich nehmen."

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Sportmediziner stützen Lauterbach

Die Gesundheit stehe an erster Stelle - das betonen regelmäßig auch die Befürworter und Antreiber der DFL-Pläne, schon in Kürze die Bundesligasaison wieder aufzunehmen. Doch gerade ein gesundheitlicher Aspekt geht in der öffentlichen Diskussion bisher unter: Welche Folgen könnte eine Infektion für das langfristige Leistungsvermögen der Spieler haben?

Sportmediziner stützen die These von Lauterbach, der selbst Mediziner ist. In den Worten von Professor Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule Köln klingt der Sachverhalt sogar noch dramatischer: "Ein Sportler sollte sich schon Gedanken darüber machen, dass eine Infektion das Karriereende sein kann", sagte Bloch im Sportschau-Interview.

Prof. Wilhelm Bloch: "Infektion kann Karrierende sein" Sportschau 06.05.2020 01:14 Min. Verfügbar bis 06.05.2021 Das Erste

Vernarbungen der Lunge

Bloch verweist auf Vernarbungen der Lunge, die zum Beispiel ein Arzt aus Innsbruck bei genesenen Tauchern entdeckt hat und die auch bei Autopsien von verstorbenen Covid-19-Patienten festgestellt worden sind. "Wenn solche Veränderungen da sind, ist die Frage, ob sie nach Monaten wieder weggehen oder ob sie bleiben. Und dann habe ich ein paar Prozent weniger Lungenkapazität - für einen Hochleistungssportler ist das schon eine relativ kritische Sache."

Schwere Verläufe auch bei jungen Menschen

Folgeschäden treten nach bisherigen Erkenntnissen vor allem bei Patienten mit Lungenentzündungen oder anderen schweren Symptomen auf. Bei jungen, fitten Menschen verläuft eine Coronavirus-Infektion zwar meist mild oder gar symptomlos. Aber selbst da kann die Wissenschaft angesichts fehlender Daten keine Entwarnung geben. Außerdem gibt es sie eben doch, die jungen Menschen ohne Vorerkrankungen, die einen schweren Krankheitsverlauf bis hin zur Intensivstation entwickeln.

Virologe Christian Drosten nennt Hypothese

Warum dies so ist, versucht die Wissenschaft derzeit zu klären. Eine der Hypothesen dazu hat das Potenzial, die Fußballprofis aufzuschrecken. Der Virologe Christian Drosten hat sie bereits Mitte März im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" genannt. Demnach sei der übliche Infektionsverlauf, dass sich das Virus zunächst einmal im Rachen vermehre, dann erst in der Lunge. Dadurch habe das Immunsystem Zeit für eine Reaktion, die Chance auf einen milden Verlauf steigt. Im Gegensatz dazu "ist ja denkbar, dass jemand sich nicht im Hals infiziert, sondern gleich eine hohe Dosis Virus aus der Luft einatmet in die Lunge und dass die Infektion gleich in der Lunge losgeht."

Auch Bloch hält diese Überlegung für "sehr berechtigt" - und relevant für den Sport. "Wenn man richtig am Schnaufen ist, erhöht sich der Gasaustausch um den Faktor 15 bis 20* - über die Atemfrequenz und dadurch, dass man 3,5 Liter Atemvolumen hat, Profisportler noch mehr. Das bedeutet, man atmet richtig tief in die Lunge hinein. Und dort ist direkt der Ort, an dem schwere Schädigungen stattfinden können."

Professor Bloch: "Man muss den Sportler schützen"

Intensive Läufe und enge Zweikämpfe gehören zum Wesen des Fußballs. Mit Blick auf die DFL-Pläne für Mannschaftstraining und Spielbetrieb sagt Bloch: "Man muss schon den Sportler schützen. Gehe ich also das Risiko ein auf eine schwerwiegende Infektion mit Lungenbeteiligung und möglicherweise dem Karriereende? Dieses ist ja zumindest nicht auszuschließen."

Das Coronavirus ist tückisch: Einer Studie zufolge finden 44 Prozent der Übertragungen statt, bevor der Virusträger Symptome entwickelt. Außerdem können Corona-Tests falsch negativ ausfallen - etwa durch einen mangelhaften Abstrich oder eine geringe Viruskonzentration.Die DFL betont in ihrem medizinischen Konzept, dass es wohl unmöglich sei, eine hundertprozentige Sicherheit zu garantieren. Ziel sei stattdessen, ein medizinisch vertretbares Risiko zu gewährleisten.

Risiko nicht zu beziffern

Wie groß das Risiko auf eine Infektion und einen schweren Verlauf tatsächlich ist, kann niemand beziffern, auch die Wissenschaft nicht. Am Mittwoch wird wohl die Politik in Berlin entscheiden, ob sie der Bundesliga einen Neustart erlaubt. Die Bundesligaprofis stehen nach Einschätzung der Spielergewerkschaft VDV hinter dem aktuellen DFL-Konzept. Leistungssportler sind es gewohnt, gesundheitliche Risiken einzugehen. Beim Coronavirus betreten aber auch sie unbekanntes Terrain.

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*Professor Bloch korrigierte seine Einschätzung nach Erscheinen dieses Textes von Faktor 40 auf Faktor 15 bis 20. Dies haben wir in dem Artikel angepasst.

Stand: 05.05.2020, 22:00

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