Neue Herausforderung für die Fußballlehrer

Adi Huetter

Coronavirus

Neue Herausforderung für die Fußballlehrer

Von Frank Hellmann

Mit der Wiederaufnahme des Trainings in Kleingruppen haben viele Bundesligisten einen kleinen Schritt in die Normalität unternommen. Erste Trainer fordern einen Vorlauf von zehn bis 14 Tagen Mannschaftstraining ein, ehe wieder gespielt werden kann. Frankfurts Chefcoach Adi Hütter fordert: "Die Jungs brauchen den körperlichen Kontakt."

Mitunter hat eine Quarantäne sogar etwas Gutes. Adi Hütter, Trainer bei Eintracht Frankfurt, hat in der zwangsweise verordneten Isolation durch die Coronafälle in seiner Mannschaft und im Umfeld endlich eine Gelegenheit bekommen, sein eigenes Wirken zu hinterfragen. "Ich hatte vorher ja gar keine Zeit, mich zu erholen." In den vergangenen Jahren hat sich der Österreicher bei Young Boys Bern (2015 bis 2018) und bei Eintracht Frankfurt (seit 2018) selbst wie im Hamsterrad bewegt.

Training, Pressekonferenzen, Reisen, Spiele. In dieser Taktung war es wegen der internationalen Verpflichtungen mit beiden Klubs im Drei-/Vier-Tages-Rhythmus immer derselbe Ablauf. Atemholen? Extrem schwierig. Insofern hatte die erzwungene Auszeit in der deutschen Wahlheimat für den Vorarlberger sogar einen positiven Effekt: "Ich habe mal etwas Energie tanken, Stress und Druck zurücknehmen können." Durchschnaufen.

Die persönlichen Begegnungen sind motivierend

Und so kommt es auch dem 50-Jährigen entgegen, dass der Bundesligabetrieb seit dieser Woche erst ganz allmählich wieder hochfährt. Fast überall wird an den 18 Erstliga-Standorten in Kleingruppen trainiert. Mit reichlich Abstand auf verschiedenen Rasenplätzen und in diversen Kabinen verteilt. Hütter war nach eigenem Bekunden glücklich, wieder Menschen zu begegnen; seine Spieler hätten sich allein am Geruch des frischen Rasens gefreut. "Den Spielern macht es auf jeden Fall mehr Spaß, als zu Hause auf dem Ergometer zu sitzen oder Stabilisationsübungen zu absolvieren."

Hütter über fehlenden Trainingsrhythmus: "14 Tage könnten reichen" Sportschau 06.04.2020 00:51 Min. Verfügbar bis 06.04.2021 Das Erste

Ähnlich äußerte sich auch Torwart Manuel Neuer, nachdem auch beim FC Bayern am Montag der Kader in Gruppen von fünf Spielern wieder auf das Gelände an der Säbener Straße zurückgekehrt war: "Es war schön, die Jungs wieder live zu sehen", sagte der Kapitän. Besser, als sich nur virtuell auf Bildschirmen beim Üben "dahoam" zu sehen. Die persönlichen Begegnungen bei herrlichem Frühlingswetter wirkten vielerorts wie eine Motivationsspritze.

Bald müssen Zweikämpfe folgen

Dennoch ist der Trainingsalltag natürlich nicht ansatzweise hergestellt. Denn bislang sieht das Programm noch aus wie der Rennradfahrer, der sich vor einer anstrengenden Etappe bei der Tour de France auf der Rolle vor dem Mannschaftswagen warmstrampelt. Hütter sagt denn auch: "Mannschaftstraining lässt sich nicht ersetzen. Es fehlen die Spielformen mit mehreren Personen und Zweikämpfen."

Für den Manager des SC Paderborn, Martin Przondziono, handelt es sich um Fitnesstraining an der frischen Luft: "Wir müssen dabei zwei zentrale Ziele vereinen, nämlich die Spieler in einem sehr guten Fitnesszustand zu halten und gleichzeitig mögliche Infektionen zu vermeiden." Daher ist zwingend geboten, sich nicht über die neuen Spielregeln hinwegzusetzen, die mittlerweile von den jeweils zuständigen Behörden kommen. Schon beim ansonsten unter Fußballern so beliebten Kreisspielchen "Fünf-gegen-Zwei" würden sich die Profis derzeit zu nahe kommen. Solche Trainingsbilder wären nebenbei kein gutes Signal für die Bevölkerung, die in der Öffentlichkeit allerorten Abstand halten muss.

Der 1. FSV Mainz 05 teilt das Duschen zu Hause extra mit

Und so will gerade niemand den Eindruck erwecken, dass der Fußball solche Vereinbarungen mit Füßen tritt. Der 1. FSV Mainz 05, Nachbar von Eintracht Frankfurt teilte mit: "Geduscht wird nach dem Training zu Hause. Für die private Zeit gelten weiterhin die bekannten Maßnahmen: Zu hause bleiben, Abstand halten, Kontakte einschränken." Das Trainings- und Bruchweggelände ist weiterhin für Publikumsverkehr gesperrt. Die Räumlichkeiten sind nur denjenigen zugänglich, die im Trainingsbetrieb der Profis eingebunden sind.

Sportvorstand Rouven Schröder versichert, dass "alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen für eine schrittweise Rückkehr vom individuellen Training zu Hause ins Trainingszentrum eingehalten werden." Doch auch bei ihm verlagert sich der Fokus auf den ungewissen Zeitpunkt, wenn die Behörden unter besonderen Hygiene- und Verhaltensvorschriften wieder Spiele erlauben.

Trainings- statt Testspiele

Wenn es irgendwann unter den von einer Taskforce erarbeiteten Umständen am Tag X weitergehen kann, dann war die Unterbrechung möglicherweise "länger als die Sommerpause", gibt Hütter zu bedenken. Aber anders als in der Sommervorbereitung, in der erst die konditionellen Grundlagen gelegt werden, dann mit einer Vielzahl von Testspielen der taktische Feinschliff erfolgt, steht jetzt ein Kaltstart an, für den es gar keine Erfahrungswerte gibt.

Fußball - Trainingsbetrieb während der Coronakrise

Mittagsecho 06.04.2020 03:21 Min. Verfügbar bis 06.04.2021 WDR 5

Der Frankfurter Übungsleiter gibt sich keinen Illusionen hin, dass Testspiele zustande kommen könnten: Die sonst üblichen Vorbereitungsspiele müssen im Elf-gegen-Elf auf dem Trainingsplatz ersetzt werden. "Wenn wir untereinander die Mannschaften mischen, haben wir eine hohe Qualität", sagt Hütter. Seine Mannschaft ist offiziell noch in den nur ausgesetzten Wettbewerben Bundesliga, DFB-Pokal und Europa League vertreten.

Die Schwierigkeit betrifft alle

Hütter hat klare Vorstellungen, was es braucht, um dafür halbwegs in Form zu gelangen: "Zehn bis 14 Tage Mannschaftstraining könnten reichen, um wieder im Rhythmus zu sein. Doch dazu brauchen die Spieler auf dem Trainingsplatz körperlichen Kontakt. Es ist etwas anderes, in Zweiergruppen zu trainieren und dann im Spiel zehn gegen zehn zu stehen, wenn man gewisse Abstände nicht mehr gewohnt ist."

Auch er lerne durch die Ausnahmesituation gerade dazu. "Das ist möglicherweise eine Schwierigkeit, die aber alle betrifft." Was er noch für die Vielspieler der Eintracht sagen kann: "Die Jungs haben ja nicht nur 14 Tage auf der Couch gelegen und Playstation gespielt, sondern ihr Programm zu 100 Prozent durchgezogen. Körperlich sind wir in einem guten Zustand, haben nichts verloren, eher zugelegt." Und Fußballlehrer wie er haben sich endlich erholt.

Stand: 07.04.2020, 11:35

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