Dortmunds Baustellen sind Schalkes Chance

Bei Borussia Dortmund gibt es nach dem Spiel in Mailand redebedarf

Revierderby am 9. Spieltag

Dortmunds Baustellen sind Schalkes Chance

Von Jannik Schlüter

Der BVB kämpft mit sich selbst. Der Trainer steht in der Kritik. Aus Sicht der Fans enttäuschte die Mannschaft gegen Inter Mailand. Trainer und Spieler sahen das anders. Es brodelt - ein Vorteil für Schalke im Revierderby?

Borussia Dortmund hat einen schwierigen Saisonstart hinter sich. Unklar ist aber, wo genau das Problem zur Zeit liegt. Beim Trainer? Beim Personal? Bei der Ausrichtung? Oder doch an der Mentaliät?

Ausgerechnet jetzt steht das vermeintlich wichtigste Spiel der Saison an - gegen einen Erzrivalen aus Schalke, der so stark ist wie lange nicht. Schalke 04 könnten Dortmunds Probleme in die Karten spielen. Eine Analyse der Situation beim BVB.

Die Offensive

Im Sommer nahm Dortmund 130 Millionen Euro für neue Spieler in die Hand – ein echter Strafraumstürmer war jedoch nicht dabei. Dafür bekommt der BVB jetzt die Quittung: Wenn Paco Alcácer und Marco Reus nicht dabei sind, fehlen Dortmund die Alternativen im Sturmzentrum – und damit die nötige Tiefe und Durchschlagskraft.

Einer, der zumindest mit der Position im Sturmzentrum vertraut ist, ist Mario Götze. Doch seine Qualitäten scheinen für Trainer Lucien Favre kaum von Bedeutung, wie die Champions League-Pleite gegen Inter Mailand offenbarte. Dass er nach seinem grippalen Infekt nicht von Anfang an auflief – verständlich. Dass er aber 90 Minuten auf der Bank Platz nehmen musste – fraglich.

Stattdessen lief Julian Brandt im Sturmzentrum auf, dem Ball meistens aber nur hinterher. Die Folge: Durch das kompakte Zentrum der Mailänder ging wenig zusammen, Flanken über außen fanden im Strafraum logischerweise keinen Abnehmer. Über 90 Minuten wurde es nur dreimal brenzlig vor dem Mailänder Tor, die erste Chance überhaupt kreierte Dortmund erst in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit durch Jadon Sancho. Von BVB-Feuerwerksfußball fehlte jede Spur.

Der Trainer

Ein Grund dafür? Lucien Favre. Denn der Schweizer predigt stets seinen Geduldfußball. Für ihn ist klar: Viel Ballbesitz ist wichtig, um das Spiel zu kontrollieren. Dementsprechend war Favre mit der ersten Halbzeit, in der Dortmund phasenweise fast 70 Prozent Ballbesitz hatte, zufrieden: "Es war okay, wir haben nicht viele Torchancen, aber wir haben gut gespielt." Und weiter: "Wir können nicht träumen und denken, dass wir gegen diese Mannschaft zehn Torchancen haben."

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Das Problem dabei: Genau das fordern viele BVB-Fans, die sich, wie Hans-Joachim Watze übrigens offensichtlich auch, immer noch nach Jürgen Klopps Hurra-Fußball sehnen. Dauerhaftes Pressing und blitzschnelle Angriffe - den Kader dafür hat Borussia Dortmund, den Trainer nicht.

Dementsprechend groß ist auch die Diskrepanz zwischen Favre und den Fans. Die nämlich beschweren sich über die schlechte Leistung und die ideenlose Vorstellung ihrer Borussia, bemängeln die Spielidee des Trainers. Auch die italienische Presse kritisierte Favre, die Corriere della Sera schreibt über eine Taktik, "die nach Schemen spielt, die vor 20 Jahren aktuell waren."

Die Mentalität

Beim BVB stieß die Frage nach der Mentalität zuletzt sauer auf. Und trotzdem: Die Fans schimpfen, ihr Team spiele leblos. Den Spielern fehle es an Leidenschaft und dem unbedingten Willen, zu gewinnen. Julian Brandt, Manuel Akanji, Achraf Hakimi – viele Kicker spielen aktuell unter ihren Möglichkeiten. Neben dem Platz lenken dann auch noch Geschichten wie die Suspendierung von Jadon Sancho ab.

Das genaue Gegenteil: Schalke 04. Das Selbstbewusstsein war in den vergangenen Jahren selten so groß wie unter David Wagner. Schalke attackiert früh, steht kompakt im Mittelfeld und erarbeitet sich viele Chancen. Und das drückt sich auch in der Tabelle aus. Königsblau und Schwarz-Gelb trennt nur ein Punkt.

Im Derby wird es, wie immer bei diesem Duell, genau auf diese Kampfbereitschaft ankommen. In Schalke ist sie ohnehin eine Tugend, mit der blau-weißen DNA verwoben. Das beweisen auch die Zahlen: Gegen Leipzig liefen die Schalker mit 124,7 Kilometer fast einen neuen Vereinsrekord. Apropos Kampf: Dortmund zieht die wenigsten Fouls der Bundesliga, im Derby sind solche Zahlen nicht unwesentlich.

Das hat auch das vergangene Aufeinandertreffen gezeigt: Beim 2:4 foulte Schalke achtmal häufiger, holte sich sechs gelbe Karten. Dortmund überpacete daraufhin bekanntermaßen, verlor durch zwei rote Karten das Spiel und Marco Reus. Der ist im Gegensatz zu Paco Alcácer im Derby aber voraussichtlich wieder dabei, der Dreh- und Angelpunkt des Dortmunder Spiels löst zumindest teilweise auch das Offensiv-Problem.

Vorteil Schalke?

Für Dortmund und Schalke gibt es kein wichtigeres Spiel in der Saison als das Derby - zumindest aus Sicht der Fans. Doch Favres BVB und wichtige Spiele in entscheidenden Phasen stehen auf Kriegsfuß. In der vergangenen Saison kostete das Schwarz-Gelb am Ende wohl die Meisterschaft. Das Derby könnte für Dortmund also kaum zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen. Sturm, Mentalität, Taktik – alle drei Probleme spielen Schalke in die Karten.

Dortmund fehlt aktuell das schnelle Spiel nach vorne, das Schalke eigentlich vor Probleme stellt: Gegen Hoffenheim fielen beide Schalker Gegentore durch Konter. So aber steht Schalke hinten kompakt, wie gegen Mailand wird Dortmund auch die Außenspieler mit einbeziehen müssen. Über Flanken muss sich der S04 aber keine Gedanken machen, beim Kopfballduell Salif Sané gegen Julian Brandt steht der Sieger außer Frage. Es scheint, als seien die Schalker Stand jetzt auf Augenhöhe mit dem BVB. Entsprechend spannend dürfte das Spiel werden.

Stand: 25.10.2019, 13:30

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