Brisante Zusammenkunft trennt die Bundesliga

Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke (Archivbild)

Geheimtreffen in Frankfurt

Brisante Zusammenkunft trennt die Bundesliga

Von Frank Hellmann

14 Bundesligisten und der Zweitligist Hamburger SV besprechen ohne Zutun von Deutscher Fußball Liga (DFL) und Deutschem Fußball-Bund (DFB) am Mittwoch (11.11.2020) die Krisenthemen des deutschen Profifußballs. Initiator Bayern München hat vier Vereine nicht eingeladen, die ein neues Verteilungsmodell der Fernsehgelder bevorzugen. Das sorgt für Verstimmung und Verwunderung.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat es seit längerem nicht mehr gewagt, die Vertreter von 36 Lizenzvereinen mitten in der Pandemie an einem Ort zu versammeln. Seite an Seite bei einer Versammlung die Köpfe zusammenstecken, sich am Stehtisch bei einer Kaffeepause auf die Schulter klopfen oder dem anderen eine Botschaft ins Ohr flüstern - das ist mit den geltenden Hygienevorschriften nicht kompatibel, sodass die Dachorganisation sehr bald in der Corona-Krise zu virtuellen Versammlungen überging.

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert hat das nicht wirklich gemocht, weil er jedem Gesprächspartner lieber in die Augen schaut. Insofern ist allein die Tatsache brisant, dass auf Initiative von Bayern Münchens Vorstandsvorsitzendem Karl-Heinz Rummenigge am Frankfurter Flughafen am Mittwoch doch wieder eine Präsenzveranstaltung mit hochrangigen Vertretern von 14 Bundesligisten und Zweitliga-Tabellenführer Hamburger SV zustandekommt. Für die coronagerechte Durchführung legt sich Eintracht Frankfurt ins Zeug. Offenbar sind die Themen mit so hoher Priorität versehen, dass persönliche Anwesenheit geboten ist.

Vier wichtige Zukunftsthemen stehen auf der Agenda

Denn es stehen die Zukunftsthemen des deutschen Profifußballs auf der Agenda. Wer könnte dem im Juni 2022 ausscheidenden DFL-Chef Seifert folgen? Wie kann dem angezählten DFB-Präsidenten Fritz Keller, der als ehemaliger Präsident des SC Freiburg eigentlich als der Liga zugeneigter Vertreter galt, wieder der Rücken gestärkt werden? Welche gemeinsamen Maßnahmen sind mitten in der Corona-Krise möglich? Und dann ist da noch die Kardinalfrage: Wie soll die Verteilung der Fernsehgelder ab der Saison 2021/2022 aussehen, wenn der neue, leicht reduzierte TV-Vertrag greift?

In der nächsten Saison stehen nicht mehr 1,46 Milliarden Euro, sondern nur noch 1,285 Milliarden Euro zur Verteilung. Die leidenschaftlich hinter den Kulissen angelaufenen Beratungen über die Verteilung fallen in eine hochnervöse Phase, in der gerade niemand absehen kann, wann die "Geisterspiele" enden, die das nächste Loch in die Kassen der Profiklubs reißen. Am 7. Dezember wollte das DFL-Präsidium ein Verteilungsmodell zur Abstimmung stellen, aber mittlerweile sind so viele Sitzungstermine eingestellt, dass der Termin nach Informationen der Sportschau wackelt.

Michael Rummenigge zu Treffen der Big Player: "Geht nicht nur um die Fernsehgelder"

Sportschau 08.11.2020 04:29 Min. Verfügbar bis 08.11.2021 ARD Von Sven Pistor


Bestrafung wie für ungezogene Kinder

Offenbar gar nichts kann Bayern-Boss Rummenigge mit jenem Vorschlag anfangen, den vier Vereine - der FSV Mainz, VfB Stuttgart, Arminia Bielefeld und Zweitligist Jahn Regensburg - entwickelt haben. Die bisherige Schere soll nach deren Dafürhalten ein Stück geschlossen werden: Derzeit bekommt der Branchenprimus Bayern von den Medienerlösen eine um den Faktor 3,8 höhere Summe als der Tabellenletzte. Nicht eingerechnet dabei natürlich die üppigen Zuwendungen aus der Champions League, die das Gleichgewicht in den vergangenen Jahren endgültig zerstört haben.

Ein Analysepapier wurde an das DFL-Präsidium mit der Bitte verschickt, "es bei Ihrer Diskussion und Beschlussfassung zu berücksichtigen." Zehn Profiklubs, darunter neun Zweitligisten, unterzeichneten offenbar das Schreiben, mit dem sich auch Union Berlin oder Werder Bremen solidarisch zeigten, ohne es zu zeichnen. Weil der FC Augsburg seine schriftliche Unterstützung zusagte, fehlen genau diese vier Bundesligisten (Mainz, Stuttgart, Bielefeld und Augsburg) am Mittwoch bei der Zusammenkunft - der Bayern-Boss hat sie nicht eingeladen.

Das mutet wie eine Bestrafung des Branchenführers an. Rummenigge verhält sich ungefähr wie der Anführer einer Clique, die auf dem Spielplatz vier ungezogene Kinder vom Mitspielen ausschließt. Der 65-Jährige treibt damit einen gefährlichen Keil in die Liga, indem genau jene Klubs nicht an wichtigen Beratungen teilnehmen, die sich für einen spannenderen Wettbewerb einsetzen. Bremens Geschäftsführer Frank Baumann merkte deshalb an: "In Anbetracht der aktuellen Herausforderungen und im Sinne der Solidarität hätten wir uns gewünscht, dass alle Bundesligisten eingeladen werden." Werder will aber trotzdem am Treffen teilnehmen, bei dem auch kein DFL-Vertreter - weder Seifert noch der Aufsichtsratsvorsitzende Peter Peters - vertreten sein soll.

Irritationen in Mainz sind groß

In Mainz beispielsweise ist die Irritation groß. Es sei "legitim, dass man sich austauscht", aber "ein merkwürdiges Verhalten, wenn Teile der Liga ausgeschlossen" würden, heißt es. Hat im Verborgenen wirklich eine Revolution stattgefunden, die Rummenigges Bannstrahl an der Meinungsbildung rechtfertigt? Abgestimmt haben sich in bilateralen Gesprächen der Mainzer Finanzvorstand Jan Lehmann, der Stuttgarter Vorstandschef Thomas Hitzlsperger, der Bielefelder Finanzvorstand Markus Rejek und der Regensburger Geschäftsführer Christian Keller.

Ihr Ansatz: "Die Spreizung muss reduziert werden, weil damit die Spannung abnimmt." Ihr Glaube: "Ein Großteil der Liga ist für eine Veränderung, um den Wettbewerb wieder ausgeglichener zu machen." Dazu hat Augsburgs Manager Stefan Reuter kürzlich gesagt: "Ich glaube, dass man sich immer Gedanken machen muss: Wie kann man den Wettbewerb interessanter gestalten, wie kann man es verhindern, dass die Schere immer wieder auseinandergeht."

Die Topklubs fürchten um ihre Pfründe

In dem innerhalb der Liga bekannten Positionspapier steht, dass der Tabellenerste künftig maximal das Doppelte an Medienerlösen wie der Tabellenletzte erhält - so wie es früher war. Die nationalen und internationalen Erlöse würden zusammengelegt und die aus der Auslandsvermarktung generierten Einnahmen (derzeit rund 200 Millionen Euro) nicht mehr vorrangig an die im Europapokal vertretenen Teams ausgeschüttet. Und auf keinen Fall sollen die Zweitligaklubs weniger als 20 Prozent der Gesamterlöse bekommen - das würde den aktuellen Status für die Zweitligisten sichern.

Innerhalb der Bundesliga würde nach dem Vorschlag die Hälfte des TV-Geldes zu gleichen Teilen auf alle Klubs umgelegt. Damit soll das Rad ganz langsam ein Stückchen zurückgedreht und die ohnehin sportlich und wirtschaftlich enteilten Klubs wie Bayern, Dortmund und Leipzig ein wenig schlechter als bisher gestellt werden. Die aber fürchten unter dem Deckmantel der internationalen Wettbewerbsfähigkeit um ihre Pfründe. Ihr Argument: Leistung muss sich lohnen.

Nach den ersten Regionalkonferenzen mit Vertretern des DFL-Präsidiums beschlich die Reformer ein ungutes Gefühl. Ihre Befürchtung: Die Bewahrer könnten sich doch wieder durchsetzen, eine Neuverteilung abgeschmettert werden. Ins Leere laufen würden damit auch erst einmal alle Bestrebungen der prominent besetzten Taskforce "Zukunft Profifußball", die weitreichende Veränderungen anstoßen will. Wenn aber die Geldverteilung erst einmal bis 2025 zementiert ist, gibt es dafür kaum einen Hebel mehr.

Seifert-Nachfolge wird auf mehrere Schultern verteilt

Mit Rummenigges Versammlung könnten Pflöcke eingeschlagen werden, die die Münchner Interessen bedienen, obwohl im neunköpfigen DFL-Präsidium mit Jan-Christian Dreesen (FC Bayern) nur noch ein Vertreter der Spitzenklubs sitzt. Sind Oliver Leki (SC Freiburg) und Alexander Wehrle (1. FC Köln) nicht für größere Reformen zu haben? Eher scheinen die Zweitligavertreter Rüdiger Fritsch (Darmstadt 98), Steffen Schneekloth (Holstein Kiel) und vor allem Oke Göttlich (FC St. Pauli) zu Veränderungen bereit. Aber auch einflussreiche Vertreter aus der gehobenen Mittelklasse wie Axel Hellmann (Eintracht Frankfurt) haben sich eher auf die Seite der Großen geschlagen.

Daher hat der "G15"-Gipfel in Frankfurt das Potenzial zum Spaltpilz. Wobei es heißt, dass dieses Treffen nicht allein wegen der Verteilung der Fernsehgelder einberufen worden wäre - da vertrauen Rummenigge und Co. immer noch dem Augenmaß des Präsidiums und vor allem der Macht von Seifert, der zusammen mit Vertreter Peters und dem für Fußball-Angelegenheiten zuständigen Direktor Ansgar Schwenken das Gremium von DFL-Seite ergänzt. Die Liga will auch mitreden, wie Seiferts Nachfolge geregelt wird. Ein Vorschlag macht dabei die Runde: seine Aufgaben auf drei Schultern mit den Zuständigkeiten Vermarktung, Sport sowie Marketing und Kommunikation zu verteilen. Das folgt der Einsicht, dass es wohl unmöglich ist, nochmal einen Krisenmanager zu finden, der diese Aufgabenfülle verlässlich bewältigt.

Stand: 09.11.2020, 10:15

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