Was ist "ostdeutsch" an der Bundesliga?

Unions Robert Andrich (l.) gegen Kevin Kampl

Fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung

Was ist "ostdeutsch" an der Bundesliga?

Von Robin Tillenburg

Mit RB Leipzig und Union Berlin spielen erstmals seit vielen Jahren wieder zwei Ostklubs in der Bundesliga, die Leipziger fordern sogar die Bayern heraus. Spieler aus den neuen Bundesländern spielen aber kaum eine tragende Rolle.

Wenn RB Leipzig am Samstag (14.09.2019) den FC Bayern München empfängt, ist das nicht nur in der Momentaufnahme ein Spitzenspiel. Die Leipziger haben sich zum etablierten Herausforderer der Münchner gemausert, und nicht wenige glauben, dass RB auch in der kurz- und mittelfristigen Zukunft ein Titelkandidat sein kann. Seit der eingleisigen Bundesliga war kein Ostverein so erfolgreich wie die "Roten Bullen".

Fehlende regionale Verankerung?

Über 38.000 Zuschauer kamen schon in der vergangenen Saison im Schnitt zu Spielen der Leipziger, für einen erst 2009 gegründeten Verein ohne echte Tradition und Verwurzelung ist das sehr ordentlich. Das Stadion fasst etwas über 42.000 Fans - RB ist somit nah am Auslastungslimit.

DFB-Pokal: Das Finale zwischen Leipzig und Bayern - die Tore Sportschau 25.05.2019 03:31 Min. Verfügbar bis 25.05.2020 Das Erste

Auch in Sachen Jugendarbeit dürften die Leipziger schon bald erste Früchte ihrer hochwissenschaftlichen Trainingsmethoden und über die Jahrgänge vereinheitlichten Spielidee ernten. Bis jetzt sind "nur" Julian Chabot (heute Sampdoria Genua und U21-Nationalspieler) und Vitaly Janelt (VfL Bochum und U21-Nationalspieler) längere Zeit in der Leipziger Jugend aktiv gewesen und spielen im Profifußball schon eine größere Rolle. Joshua Kimmichs einer U-Einsatz bei RB soll an dieser Stelle nicht unterschlagen werden, Kimmich wurde aber eigentlich ausschließlich bei den Seniorenteams eingesetzt.

Keiner der drei ist aber in Leipzig geboren, auch nicht in einem der sogenannten neuen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Auch aus dem aktuellen Kader der Leipziger hat kein Leistungsträger oder regelmäßiger Spieler seinen Geburtsort in der besagten Region.

Nur vier Stammspieler aus den neuen Bundesländern

Man könnte damit argumentieren, dass RB eben kein aus der Region gewachsener Verein ist, aber tatsächlich ist der Anteil von Spielern aus den besagten fünf Bundesländern in der Bundesliga ohnehin verschwindend gering. Zwischen 12 und 13 Millionen der 82 Millionen in Deutschland lebenden Menschen wohnen im Osten. Ein Anteil ostdeutscher Spieler von etwa 15 Prozent sollte es gemessen an der Grundgesamtheit also sein. Richtig ist natürlich, dass es in der Bundesliga nicht nur deutsche Spieler gibt - laut "Transfermarkt.de" stehen etwa 250 Spieler mit deutschem Pass in den erweiterten Kadern der Teams, etwa 100 von ihnen kommen regelmäßig zum Einsatz oder sind Leistungsträger.

Maxi Arnold (l.) und Felix Uduokhai

Zwei von wenigen: Maximilian Arnold und Felix Uduokhai

Aber ligaweit sind es tatsächlich genau nur vier Spieler, die in einem der fünf Bundesländer geboren sind und bei ihren Vereinen eine tragende Rolle spielen: Wolfsburgs Maximilian Arnold (Riesa, Sachsen), Freiburgs Nils Petersen (Wernigerode, Sachsen-Anhalt), Augsburgs Neuzugang Felix Uduokhai (Annaberg-Buchholz, Sachsen) und Union Berlins Robert Andrich (Potsdam, Brandenburg).

Marcel Schmelzer, Felix Kroos, Toni Jantschke und Kevin Möhwald sind (momentan) keine etablierten Stammspieler, auch die Rolle von Leonardo Bittencourt oder U21-Nationalkeeper Markus Schubert ist momentan noch nicht die einer tragenden Säule (wobei bei Bittencourt noch abzuwarten bleibt, wie seine Rolle in Bremen aussieht).

Auch Anteil in der Nationalmannschaft ist gering

Von den 44 Spielern, die zuletzt im Kader der A-Nationalelf und der U21 standen, fallen nur der aus dem sächsischen Freiberg stammende Schubert und Toni Kroos (Greifswald, Mecklenburg-Vorpommern) in die entsprechende Kategorie.

Thomas Doll am Ball für Deutschland

Auch beim ersten großen Turnier einer gesamtdeutschen Mannschaft, der Europameisterschaft 1992, war der Anteil der Ex-DDR-Spieler relativ gering: Matthias Sammer, Thomas Doll und Andreas Thom. Von Franz Beckenbauers Zitat nach der Wiedervereinigung und dem WM-Titel 1990: "Auf Jahre hinaus wird unsere Nationalmannschaft unschlagbar sein", ist nicht so viel umgesetzt worden, wie der "Kaiser" sich das damals wohl gedacht hatte.

Kaum Ostklubs ganz oben

Der Status quo ist zu großen Teilen auch in ebendieser Vergangenheit begründet: Bei der Einführung der eingleisigen Bundesliga in der Spielzeit 1991/92 waren nur zwei Vereine aus der ehemaligen DDR Teil der höchsten gesamtdeutschen Spielklasse: Dynamo Dresden und der FC Hansa Rostock, wobei dieser auch direkt wieder abstieg. Die Strukturen auf höchstem Förderungslevel, die sich ja neuerdings auch in Nachwuchsleistungszentren niederschlagen, waren also über viele Jahre im Osten eher dünn gesät.

Das letzte Fußballspiel der DDR Sportschau 11.09.2019 29:13 Min. Verfügbar bis 11.09.2020 Das Erste

Rostock ist übrigens der einzige Klub, der in Sachen Jugendarbeit die westdeutsche Dominanz in der A-Jugend-Bundesliga seit der Wende durchstoßen konnte: 2010 feierten die Rostocker die Meisterschaft der A-Junioren.

In der Spitze fehlt es (noch)

Schaut man mal unterhalb der Bundesliga, findet man dort durchaus viele Spieler - und Vereine - die den neuen Bundesländern entstammen. Dynamo Dresden und Erzgebirge Aue in der 2. Liga und auch einige der insgesamt sechs Drittligavereine aus Ostdeutschland, wie beispielsweise Aufstiegsanwärter Halle oder der FSV Zwickau, haben mehrere Stammspieler aus der jeweiligen Region. Dazu kommen die Ersatzspieler in den Bundesligateams. Die talentierten Spieler sind offenbar vorhanden, nur der letzte Schritt nach ganz oben fehlt meist.

Leipzig doch ein "echter" Ostverein?

Das könnte sich möglicherweise zeitnah ändern. Sowohl Union Berlin als auch Leipzig haben in der aktuellen U19 einige Talente, denen durchaus ein Durchbruch auf Bundesliganiveau zuzutrauen wäre und deren Wurzeln auch in der entsprechenden Gegend liegen. Leipzigs Tom Krauß, der auch schon zum Profikader gehört, ist nur eines von mehreren Beispielen. Vielleicht kann das bei weitem nicht überall beliebte RB trotz fehlender Verankerung in der Region und vieler großer Kritiker doch dazu beitragen, dass der "Fußball-Osten" eine nachhaltige Renaissance erlebt.

Stand: 13.09.2019, 08:30

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