Die Fußball-Bundesliga repariert ihren Ruf

Spielszene: Borussia Dortmund gegen Bayern München

Bundesliga zum Rückrundenstart

Die Fußball-Bundesliga repariert ihren Ruf

Von Frank Hellmann

Ein Meisterschaftskampf, der seinen Namen verdient, mit mindestens zwei Titelanwärtern und mehreren Überraschungsmannschaften: Die Bundesliga hat einiges erreicht, um den angekratzten Ruf des deutschen Fußballs wieder aufzupolieren. Nur der Bundestrainer Joachim Löw ist bei zu viel Lobhudelei skeptisch.

Den Satz hatte sich Christian Seifert zurechtgelegt. Und da die Rede des Vorsitzenden der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga (DFL) beim Neujahrsempfang am Dienstag (15.01.2019) auch in schriftlicher und digitaler Form Verbreitung fand, bestand kein Zweifel an seiner feinen Spitze: "In der zweiten Jahreshälfte 2018 wurde deutlich, dass der deutsche Profifußball andere Ambitionen hat, als Mittelmäßigkeit zur neuen Höchstleistung zu erklären."

Sollte heißen: Dem Bedeutungsverlust des deutschen Fußballs - untermauert durch das WM-Desaster der deutschen Nationalmannschaft - ist die Bundesliga in dieser Spielzeit entgegengetreten. Seifert: "Die neue Saison verläuft bisher insgesamt positiv, in beiden Ligen erleben wir interessante, teils sehr gute Spiele mit teilweise überragenden Einzelakteuren und beeindruckenden Mannschaftsleistungen."

Endlich wieder Meisterschaftskampf

Was den meisten vor dem Start der Rückrunde am Freitag vor allem gefällt: Es gibt wieder einen Meisterschaftskampf, der diesen Namen verdient. Für die Auslandsvermarktung ist nichts schädlicher, als wenn das Titelrennen so verläuft wie in den vergangenen fünf Jahren: gähnend langweilig. Und auf Dauer ist die fehlende Spannung eben nicht durch die Dramatik im Abstiegskampf zu ersetzen.

Nachdem die Bayern zum Hinrunden-Kehraus einen 3:0-Erfolg bei Eintracht Frankfurt (22.12.2018) holten und die Verfolgerposition untermauerten, brachte Niklas Süle die Ausgangslage für die zweite Halbserie auf den Punkt: "Ich denke, dass wir als Bayern München immer die Qualität haben, in der Rückrunde was Großes zu leisten." Herbstmeister Borussia Dortmund soll sich nicht zu sicher fühlen.

Ehrfurcht vor dem FC Bayern ist passé

Zeitweise stand allerdings nicht nur Dortmund, sondern auch Mönchengladbach vor dem Rekordmeister, auch wenn Uli Hoeneß den Fakt negierte, weil aus seiner Sicht das "Torverhältnis nicht zählt." Solche Wahrnehmungsstörungen waren beinahe symbolisch für einen FC Bayern, der nicht mehr über dem Rest der Liga thront.

Viele Kontrahenten erstarrten früher in Ehrfurcht, wenn das Auswärtsspiel in München anstand. Die besten Spieler wurden teilweise geschont oder holten sich sogar absichtlich eine Gelb-Sperre ab. Dieses Verhalten ist glücklicherweise vorbei. Nacheinander entführten Augsburg, Freiburg und sogar Düsseldorf Punkte aus München.

Den höchsten Toreschnitt, die meisten Zuschauer

Das 3:3 des Aufsteigers vom 24. November 2018 mit dem Dreifachtorschützen Dodi Lukebakio - nicht die einzige Leihgabe aus der Premier League, die der Bundesliga gut tut - war wie gemacht, um über die Grenzen hinaus Aufmerksamkeit zu generieren.

Dazu kommt, dass der Toreschnitt (3,03) der höchste in den europäischen Topligen ist. Und auch der Besucherschnitt von 44.000 pro Begegnung wird weder in England, Spanien und erst recht nicht in Italien oder Frankreich erreicht. Wichtiger aber war das Zeichen gegen die fußballerische Armut.

Löw bremst Euphorie

Gleichwohl will Bundestrainer Joachim Löw auf die Hohelieder nicht ohne Differenzierung einstimmen. Bei einigen Mannschaften stehe immer noch die Arbeit gegen den Ball an erster Stelle, stellte Löw am Rande des Neujahrsempfangs heraus.

Daher stimme die These, dass die Vereine einen Qualitätssprung gemacht hätten, "nur teils, teils". Und mehr Spannung sei in erster Linie "etwas für die Fans". Laut Löw werden die deutsch-englischen Champions League-Duelle - wenn sich die Bayern, Dortmund und Schalke mit Liverpool, Tottenham und Manchester City messen - zum Lackmustest für den Leistungsstand. Erfolge wären "ein gutes Signal für den deutschen Fußball".

Überraschung Eintracht Frankfurt

Mit zur erfreulichsten Erscheinung auf nationaler und internationaler Ebene hat sich erstaunlicherweise Eintracht Frankfurt entwickelt, die in Bundesliga und Europa League einen kraftvollen Sturm-und-Drang-Stil durchgezogen haben. Trainer Adi Hütter vertraut mit Luka Jovic, Sebastién Haller und Ante Rebic einem torhungrigen Trio, das den Beinamen "Büffelherde" bekommen hat. Löw traut dem Team die Champions League zu.

Auf jenen Plätzen stehen aktuell Mönchengladbach und Leipzig: Bei den einen vertraut der erfahrene Coach Dieter Hecking neuerdings einem 4-3-3-System, um seinen neuen Torjäger Alassane Plea besser zur Geltung zu bringen. Bei den anderen ist der umtriebige Allesmacher Ralf Rangnick seit jeher davon überzeugt, dass es eine erfolgsversprechende Formel ist, bei Ballgewinn die schnelle Flucht nach vorne anzutreten.

Offensivgeist bis ins Mittelfeld der Tabelle

Claudio Pizarro

Selbst der Tabellenzehnte Werder Bremen steht für einen offensiven Ansatz, der konsquent durchgezogen wird. Beispiel vom 17. Spieltag: Als seine Mannschaft bei RB Leipzig nach 0:2-Rückstand zum 2:2 ausgeglichen hatte, wechselte Trainer Florian Kohfeldt mit Claudio Pizarro den nächsten Stürmer ein - und fing sich prompt die 2:3-Niederlage. Seine Rechtfertigung: Er habe gewinnen wollen.

Vorsicht beim BVB

In Bremen ist übrigens der zweitälteste Kader am Start. Übertroffen nur vom Altersschnitt in München. Die Bayern sind erst durch die Schwächephase in der Hinrunde mit einiger Verspätung auf den Trichter gekommen, dass ein Umbruch inklusive Verjüngung überfällig ist. Mit Alphonso Davies (18 Jahre) und zur neuen Saison mit dem französischen Weltmeister Benjamin Pavard (22) und womöglich Lucas Hernandez (22) von Atletico Madrid und Callum Hudson-Odoi (18) vom FC Chelsea scheinen erste Schritt eingeleitet.

Gleichwohl: Spitzenreiter Dortmund ist bei der Erneuerung weiter und hat sich - auch abseits des Platzes mit der Einbeziehung des Beraters Matthias Sammer und der Einbindung des Ex-Profis Sebastian Kehl als Leiter der Lizenzspielerabteilung - bereits vergangenen Sommer komplett gehäutet. Gerade Kehl aber wollte beim Neujahrsempfang den Mund nicht zu voll nehmen. Auf der Bühne klang der ehemalige Nationalspieler fast demütig: "Bei uns ist die Saat viel schneller aufgegangen als erwartet. Aber es wird noch ein harter Kampf, sechs Punkte Vorsprung sind nicht so viel."

Thema in: Sportschau, Das Erste, 19.01., ab 18 Uhr

Stand: 17.01.2019, 08:41

Darstellung: