Volle Stadien in der Bundesliga erst mit Impfstoff

Fans im Borussia-Park

Fan-Rückkehr zum Bundesligastart

Volle Stadien in der Bundesliga erst mit Impfstoff

Von Frank Hellmann

Mit der Erlaubnis auf höchster politischer Ebene, bis zu 20 Prozent der Gesamtkapazität eines Stadions für einen sechswöchigen Probebetrieb zu öffnen, steht der Saisonstart der höchsten drei deutschen Spielklassen unter einem besonderen Stern. Die Rückkehr von Zuschauern in die Stadien muss allerdings in kleinen Schritten erfolgen - darauf verweist der DFB-Mediziner Tim Meyer.

Verhalten sich die Zuschauer in Bremen, Hamburg und Regensburg, in Rostock und Unterhaching besonnen genug, dass vom Stadionbesuch kein erhöhtes Infektionsrisiko ausgeht?

Eine Antwort darauf hat Tim Meyer auch nicht. Stattdessen musste der Nationalmannschaftsarzt bezüglich der Fan-Rückkehr einräumen: "Es ist fast gar kein Wissen vorhanden, dafür viel Meinung und Spekulation." Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) unterstützen deshalb vier wissenschaftlichen Forschungsprojekte in siebenstelliger Höhe, um schnellstmöglich fundierte Erkenntnisse zu erlangen und einen sicheren Stadionbesuch zu ermöglichen.

Vorweg: Eine Vollauslastung der Arenen erscheint derzeit unwahrscheinlich. Erst wenn ein Impfstoff vorhanden sei, bestätigte Meyer gegenüber der Sportschau, könne wieder an ausverkaufte Stadien gedacht werden.

Superspreader aus dem März eine Mahnung

Für den Arzt der deutschen Nationalmannschaft sind die Champions-League-Spiele zwischen Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia in Mailand und FC Liverpool gegen Atletico Madrid aus dem März eine "Mahnung", weil die Fanmassen das Virus durch Europa trugen. "Natürlich sind diese Erkenntnisse eingeflossen. Das mahnt uns, vorsichtig vorzugehen und nicht einen sehr großen Schritt zu machen", sagte Meyer.

DFB-Arzt Dr. Tim Meyer

DFB-Arzt Dr. Tim Meyer

In Deutschland könnte ein vollbesetztes Stadion in Dortmund oder auf Schalke zum herbstlichen Superspreader werden. Deshalb appellierte Meyer, bei der Zulassung der Zuschauer "eher einen kleinen Schritt zu machen, den wir noch beherrschen können". Was die Politik diese Woche überraschend schnell erlaubt hat, scheint für ihn erst einmal das Maximum zu sein.

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Interessant übrigens, dass die DFL bei Fehlverhalten von Zuschauern wie zuletzt in Rostock oder Dresden gar nicht eingreifen kann. Hier hätten nur die lokalen Behörden eine Handhabe, stellte der für den DFL-Spielbetrieb verantwortliche Ansgar Schwenken klar.

Zuschauerfrage spannender als Meisterfrage

Die Zuschauerfrage dürfte fast spannender als die Meisterfrage werden. Der Triple-Sieger FC Bayern wird auf dem Weg zum neunten Meistertitel in Folge wohl wieder kaum zu stoppen sein. Die 58. Saison beschreibt DFL-Boss Christian Seifert dennoch als "die anspruchsvollste und schwierigste Spielzeit in der Geschichte des professionellen Fußballs in Deutschland." Wegen Corona natürlich.

Daher sind belastbare Erkenntnisse, was wirklich beim Einlass, bei An- und Abreise, aber auch bei den Begegnungen in den Logen-, Hospitaliy- und Toilettenbereichen passieren kann, enorm wichtig. Es gehe darum, die "limitierenden Faktoren" zu ermitteln, erklärte Meyer. Wo kommen sich Menschen vielleicht unnötig zu nahe?

Die wichtigste Studie beschäftigt sich mit der konkreten Ansteckungsgefahr beim Stadionbesuch. Eine flankierende Untersuchung befasst sich mit den Zuschauerbewegungen innerhalb und außerhalb, eine weitere mit Aerosolen in geschlossenen Räumen. Der auf diesem Gebiet versierte Mediziner Florian Kainzinger möchte mit den vorgestellten Untersuchungen auch den "Brückenschlag zu anderen Sportarten" hinbekommen. Ausdrücklich sollen Hallensportarten wie Handball, Basketball und Eishockey von der Forschungsarbeit des Fußballs profitieren.

Bis zu 30.000 Personen könnten teilnehmen

Die Hauptstudie erstreckt sich über einen Zeitraum von acht bis zehn Wochen, will die konkrete Ansteckungsgefahr bewerten und wird von der Uni Heidelberg und der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt. Untersucht werden je 500 Personen während des Spielbetriebs in zwei Stadien, danach soll mit deutlicher größerer Personenzahl weiter geforscht werden. Dann könnten bis zu 20.000 oder 30.000 Zuschauer an weiteren Standorten teilnehmen, stellte Meyer heraus. Das geht nicht ohne Massentests.

"Alle beteiligten Stadionbesucher werden vor einem Spiel auf das Coronavirus getestet, anschließend über einen gewissen Zeitraum nachverfolgt und erneut getestet", hieß es. Die Probanden müssten natürlich einwilligen, bei einem positiven Test vom Gesundheitsamt kontaktiert zu werden - um dann erst einmal in Quarantäne statt wieder ins Stadion geschickt zu werden.

Jakob Scholz: "Die Straßenbahn ist kritischer" Sportschau 16.09.2020 04:52 Min. Verfügbar bis 16.09.2021 Das Erste

Stand: 17.09.2020, 14:03

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