Wie die DFL die Rückkehr der Fans in die Stadien plant

Ein Fan im Stadion - der DFL-Leitfaden weckt Hoffnungen auf eine Rückkehr der Zuschauer in der Coronakrise

Viele Regeln

Wie die DFL die Rückkehr der Fans in die Stadien plant

Von Chaled Nahar

Der Leitfaden der DFL zu einer Rückkehr der Fans in die Stadien der Bundesliga weckt Hoffnung auf eine baldige Umsetzung, die vielerorts schon möglich scheint. Doch politisch fehlen noch Genehmigungen - und es gibt Vorbehalte in den organisierten Fanszenen.

Mit dem Leitfaden der DFL sollen sich die Klubs mit eigenen Konzepten für den Einlass von Fans auf jede Art von Einschränkung oder Lockerung vorbereiten können.

Elf Stadien könnten theoretisch bald komplett öffnen

Die Infektionszahlen sollen bestimmen, ob ein Stadion gar nicht, teilweise oder sogar ganz geöffnet werden darf. Entscheidend soll dabei die sogenannte 7-Tage-Inzidenz im Landkreis des Klubs sowie in den angrenzenden Landkreisen sein. Diese Zahl sagt aus, wie viele Menschen in einer Region in sieben Tagen neu erkrankt sind - bezogen auf 100.000 Einwohner. Ist die Zahl im Landkreis des Klubs und der angrenzenden Landkreise hoch, sollen keine Zuschauer ins Stadion dürfen, bei einem mittleren Wert soll ein Stadion teilweise geöffnet werden dürfen und bei einer niedrigen Zahl wäre mit einem gewissen Vorlauf eine sukzessive Rückkehr zu einem Normalbetrieb vor ausverkauftem Haus denkbar - sofern die Schutzverordnungen der Bundesländer dies zulassen würden.

Es soll jeweils der Stand des Vortags eines Spiels gelten. Mit Stand vom Donnerstag (16.07.2020) sind nach einer Berechnung der Datenredaktion der Rheinischen Post damit alle Stadien der Bundesliga mindestens teilweise zugänglich. In elf Stadien wäre nach dieser Definition damit mittelfristig sogar ein ausverkauftes Stadion möglich - wenn keine Abstandsregeln gelten. Aktuell gelten sie aber, daher bleibt an allen Standorten derzeit nur eine Teilöffnung möglich.

7-Tage-Inzidenz (Quelle: rp-online.de, Stand 16.07.2020)
Standort7-Tage-InzidenzStadionöffnung
Wolfsburg0,26Evtl. bald Normalbetrieb
Leipzig0,48Evtl. bald Normalbetrieb
Hoffenheim1,73Evtl. bald Normalbetrieb
Bremen1,93Evtl. bald Normalbetrieb
Berlin (2 Klubs)2,68Evtl. bald Normalbetrieb
Mainz2,75Evtl. bald Normalbetrieb
Mönchengladbach3,32Evtl. bald Normalbetrieb
Stuttgart3,52Evtl. bald Normalbetrieb
Freiburg3,95Evtl. bald Normalbetrieb
Schalke4,44Evtl. bald Normalbetrieb
Frankfurt4,46Evtl. bald Normalbetrieb
München5,2nur teilweise
Köln5,54nur teilweise
Dortmund5,62nur teilweise
Bielefeld6,78nur teilweise
Leverkusen7,17nur teilweise
Augsburg8,97nur teilweise

Allein entscheidend ist die 7-Tage-Inzidenz jedoch nicht. Die DFL rät, weitere Faktoren zu berücksichtigen wie die Infektionsdynamik und die absoluten Infektionszahlen.

Der Ablauf im Stadion: besser mit dem Auto kommen, Schichtbetrieb beim Einlass

Wesentlich für die Öffnung der Stadien wird die Regelung der An- und Abreise. "Eine zu präferierende Anreise ist die mit dem PKW", schreibt die DFL in ihrem Leitfaden. Die befristete Umkehr der Verkehrswende sei ratsam, weil in vollen Bussen oder Bahnen das Infektionsrisiko steige. Auch eine Anreise mit dem Fahrrad oder zu Fuß entlaste den Öffentlichen Nahverkehr, der speziell geregelt werden müsste, um die Einhaltung der Abstandsregeln zu sichern.

Der Einlass soll dem Leitfaden zufolge im Schichtbetrieb stattfinden. Die Fans mit Karten für Block X müssten dann früher da sein, als die mit Karten für Block Y. Um die Fans mit den frühen Zeitfenstern nicht zu sehr zu langweilen, "sollten die Klubs über die Gestaltung von attraktiven Rahmenprogrammen nachdenken", schreibt die DFL.

Maske ist Pflicht, Einbahnstraßen im Umlauf, wahrscheinlich Bierverbot

Laut DFL müssen die Fans Abstandsregeln einhalten und einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Bei der Erstellung von Blockplänen gibt es unterschiedliche Varianten, die die DFL als Beispiele erstellt: Mal sitzen zwei Menschen zusammen, mal vier. In manchen Beispielen sind ganze Sitzreihen leer, in anderen nur zwei Sitze.

Wichtig sind außerdem die Toiletten: Hier muss jeweils ein Gedränge vermieden werden, in den sanitären Einrichtungen kommt die Frage nach einer Belüftung hinzu. In den Umläufen soll es "Einbahnstraßensysteme" geben, die ein Aufeinandertreffen von Zuschauern verhindern.

Essen und trinken soll nur am Platz möglich sein, Bier soll es "nur mit ausdrücklicher Einwilligung der örtlich zuständigen Behörden" geben. Das Bundesgesundheitsministerium forderte aber bereits ein Alkoholverbot.

Eintrittskarten: das Los wird oft entscheiden

Die Nachfrage könnte deutlich größer sein als die Zahl der verfügbaren Eintrittskarten. Die DFL empfiehlt den Klubs, "faire Konzepte zur Ticketvergabe" zu entwickeln. "Dabei sollten diskriminierungsfreie, sachliche und objektiv nachvollziehbare Standards gelten." Vieles läuft dabei auf Losverfahren hinaus, da manche Klubs möglicherweise nicht mal die Fans mit Dauerkarten vollständig bedienen können würden.

Ein Streitfall könnte der Umgang mit Daten werden. Die Klubs sollen im Vorfeld prüfen, ob sie die Daten von Kartenkäufern wegen rechtlicher Vorgaben vorhalten müssen, um die Nachvollziehbarkeit von Infektionsketten sicherzustellen - so wie es jetzt zumeist in Gaststätten der Fall ist. In Abstimmung mit den Behörden könnten weitere Fragen in diese Richtung aufkommen: Etwa, ob die Käufer auch die Daten der tatsächlichen Kartennutzer bereitstellen müssen.

Wie die Fans mit dem Thema umgehen

Bei Ultragruppen und aktiven Fanszenen stößt die Idee von teilweise geöffneten Stadien ohnehin auf ähnlich geringe Zustimmung wie die Geisterspiele. "Emotionen und Freude können nicht mit 1,50 Metern Abstand ausgelebt werden. Dementsprechend werden wir keine Karten beanspruchen, die bei einem etwaigen Teileinlass verlost werden", schreibt beispielsweise die Südkurve Köln, ein Zusammenschluss organisierter Fans des 1. FC Köln.

"Wir sehen das sehr, sehr skeptisch und können den Plänen nicht viel abgewinnen", sagte Sprecher Sig Zelt vom Bündnis "Pro Fans", das Ultragruppen nahe steht, dem SID. Gerade die Kontaktnachverfolgung würden viele Fans ablehnen. "Sie befürchten, dass das missbraucht wird." So hatten Datenschützer in Bayern zuletzt kritisiert, dass die Polizei dort mehrmals auf Adresslisten von Menschen zugriff, die Gaststätten besucht hatten.

Ab wann dürfen Fans zurück ins Stadion? DFL erstellt Leitfaden

Sportschau 15.07.2020 00:49 Min. Verfügbar bis 15.07.2021 ARD Von Sara Schwedmann

Bundesländer derzeit mit unterschiedlichen Verordnungen

Laut DFL habe nun jeder Klub ein "Detailkonzept zu entwickeln und seinem jeweiligen Gesundheitsamt zur Prüfung vorzulegen". Die örtlichen Behörden müssen also davon überzeugt sein, dass das Konzept beispielsweise Infektionsrisiken minimiert und eine Nachverfolgung von Infektionsketten ermöglicht. Der Leitfaden der DFL soll den Klubs die Erstellung eines möglichst überzeugenden Konzepts erleichtern.

Gleichzeitig gelten aber in den Bundesländern unterschiedliche Corona-Schutzverordnungen, die bei Großveranstaltungen Grenzen bei der Zahl der anwesenden Menschen setzen. Teilweise sind diese Zahlen noch recht klein - in Niedersachsen dürfen derzeit beispielsweise 500 Menschen beim Sport zuschauen, in Berlin sind es dagegen ab September schon 5.000. Für den Fall, dass die Landesregierungen diese Beschränkungen lockern, sollen die Klubs kurzfristig vorbereitet sein.

Forderung nach einheitlichen Regeln aus der Politik

Dem Bund kommt im Gegensatz zur Genehmigung des Geisterspielbetriebs wohl eine zurückhaltendere Rolle zu. Das Bundesgesundheitsministerium antwortete auf eine Anfrage der Sportschau, dass seiner Ansicht nach der Infektionsschutz in dem Leitfaden berücksichtigt werde. Nun komme es darauf an, "dass alle Vereine der Bundesliga dieses Konzept auch tatsächlich leben und mit den zuständigen Behörden vor Ort auf das jeweilige Stadion zuschneiden".

Offen bleibt, ob die Klubs gemeinsam vorgehen. "Ob es zu bestimmten Punkten ein einheitliches Vorgehen aller Klubs der Bundesliga und 2. Bundesliga geben wird, soll frühzeitig vor Saisonstart im Rahmen einer außerordentlichen DFL-Mitgliederversammlung besprochen werden", teilt die DFL mit. Es deutet sich zumindest an, dass die Bundesländer einheitliche Vorgaben machen werden. "Mit einem Flickenteppich an Regelungen und Kleinstaaterei lässt sich ein geordneter Ligabetrieb nicht wieder aufnehmen", sagte Bremens Sportsenatorin Anja Stahmann, Vorsitzende der Sportministerkonferenz der Länder.

Stand: 16.07.2020, 17:26

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