Die Reformer des deutschen Fußballs

Die Reformer: Oliver Bierhoff und Tobias Haupt

Bundesliga im Wandel

Die Reformer des deutschen Fußballs

Von Frank Hellmann

Über die DFB-Akademie werden Talentförderung und Trainerausbildung neu gestaltet, um den deutschen Fußball aus der Phase der Stagnation zu führen. Direktor Oliver Bierhoff und Akademieleiter Tobias Haupt reisen mit 16 Bundesliga-Managern in die USA, um weiteren Verbesserungsbedarf aufzuspüren.

Tobias Haupt hat bereits in jungen Jahren gespürt, dass sein Talent trotz idealer Statur für eine große Karriere als Fußballtorhüter nicht reichen würde. Klar, auf dem Bolzplatz hatte der gebürtige Landshuter immer versucht, Oliver Kahn nachzuahmen, aber mehr als einige Einsätze für die Spielvereinigung Landshut und den SC Fürstenfeldbruck in der Bayernliga waren für ihn als Keeper nicht drin.

Stattdessen entwickelte er bald an der Uni besonderen Ehrgeiz und noch vor Vollendung des 30. Lebensjahres ereilte ihn die Berufung zum Professor im Sportmanagement. Inzwischen gilt der 35-Jährige als Leiter der Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) als einer der größten Antreiber, um den deutschen Fußball zurück in die Weltspitze zu führen. Der schlaue Vordenker ist derjenige, der die aufrüttelnden Worte von Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff mit Leben füllen muss - und dabei kann der berühmte Antrieb seines "Immer weiter"-Vorbildes Kahn nur helfen.

Weniger Qualität und Quantität bei den Talenten

Bierhoff wiederholte am Montag (04.11.2019) auf einem Workshop in Berlin jenen besorgniserregenden Ist-Zustand, den er schon vor den Delegierten auf dem DFB-Bundestag beschrieben hatte: "Wir haben die letzten Prozente zur Weltspitze verloren. Wir haben nicht mehr den Pool an Talenten in der Qualität und Quantität, den wir uns wünschen würden. Wir müssen den nächsten Schritt machen, und das haben alle verstanden. Es sehen alle, dass wir was tun müssen." Der für die Nationalmannschaften und Fußball-Entwicklung zuständige Direktor kann es  keinem Bundesligist verübeln, der sich einen internationalen Kader zusammenstellt, weil "er bessere junge Spieler in England oder Frankreich findet".  

 "Schockierend" nennt der 51-Jährige im Gespräch mit sportschau.de gerade die Statistik zu Einsatzzeiten deutscher U21-Nationalspieler in der Bundesliga. Beispiel: U21-Kapitän Johannes Eggestein verkommt wegen schwacher Leistungen gerade bei SV Werder zur  Randfigur, obwohl sein größerer Förderer Florian Kohfeldt ihm vergangene Saison ganz viel Einsatzzeit spendierte. Bierhoff stimmt der These zu, dass medial zu Heilsbringern verklärte Akteure wie Kai Havertz (Bayer Leverkusen) noch einiges tun müssen, um wirklich auf dem obersten Level anzukommen. DFB und DFL seien sich immerhin einig, die Stagnation bei der Talentförderung, aber auch bei der Trainerausbildung gemeinsam aufzubrechen. Wobei Bierhoff ahnt, dass Geduld gefragt sein könnte: "Das geht nicht Knall auf Fall."

16 Manager reisen in die USA

Sein Akademieleiter Haupt hat nach seiner Einarbeitung Anfang 2018 inzwischen die meisten Bundesligisten persönlich besucht. Der Bierhoff-Intimus weiß, dass die erste Liga ins erste Ruderboot gehört, um andere Wege einzuschlagen. Wenn sich die Elite beim Wissenstransfer und Reformprozess sperren würde, käme an der Basis schon mal gar nichts an. Insofern ein Erfolg, dass 16 Bundesliga-Manager demnächst zu einer bisher einmaligen Fortbildungsreise in die USA aufbrechen.

Anfang Dezember reist eine  insgesamt 22-köpfige Delegation mitsamt U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz, A-Nationalmannschaftsassistenzcoach Marcus Sorg oder dem sportlichen Leiter Joti Chatzialexiou nach San Francisco. Max Eberl (Borussia Mönchengladbach), Markus Krösche (RB Leipzig), Hasan Salihamidzic (FC Bayern), Simon Rolfes (Bayer Leverkusen), Fredi Bobic (Eintracht Frankfurt), Michael Preetz (Hertha BSC) und Stefan Reuter (FC Augsburg) sind dabei. Für Bierhoff der Beweis, dass "Bedarf besteht".

Tobias Haupt: "DFB-Akademie als wesentlicher Faktor für das Projekt Zukunft"

Sportschau 05.11.2019 03:36 Min. Verfügbar bis 05.11.2020 ARD

Innovation als Haltung

Das viertägige Programm mit Besuchen bei den Eishockey-Cracks der San Jose Sharks, den American-Football-Heroen der San Francisco 49ers und den Basketball-Stars der Golden State Warriors, also Trendsettern aus NFL, NHL und NBA, sowie Stippvisiten im Silicon Valley, an der Stanford Universität oder bei Facebook sei derart vollgepackt, versichert  Haupt, "dass wir keine Zeit fürs Sightseeing an der Golden Gate Bridge haben werden." Stattdessen will sich die Delegation Denkanstöße abholen, wie der deutsche Fußball vielleicht schneller als die deutsche Wirtschaft auf globale Entwicklungen reagiert.

"Innovation ist für uns eine Haltung", versichert Haupt, "wir wollen über den Tellerrand schauen." Für den jungen Professor, klarer Blick, positive Ansprache, ist Offenheit gegenüber Neuerungen ganz wichtig. Die Akademie bündelt für ihn nicht nur "die Lust auf Fußball", sondern auch ganz viel Wissen. Für die Trainingsarbeit, bei der Medizin oder der Ernährung. Auch wenn die Denkfabrik im Frankfurter Stadtteil erst noch entsteht - geplante Fertigstellung Ende 2021 - habe man damit bereits "ein Pfund in der Hand, um uns langfristig in der Weltspitze zu etablieren".

Von Lewandowski lernen

Bierhoff und Haupt wollen vermehrt ehemalige Profis in den Trainer- und Sportdirektorenbereich einbauen. Oder ehemalige Bundesligatrainer, wie es mit Manuel Baum geschehen ist. Nach seiner Entlassung Ende April beim FC Augsburg ist der 40-Jährige als U20-Nationaltrainer und in der Trainerausbildung für die Akademie eingebunden. "Ich kann endlich wieder über den Tellerrand schauen, was  im Alltag der Bundesliga ansonsten kaum mehr möglich war." Baums Steckenpferd sind die "versteckten Potenziale", die sich bei Psychologie, Kognition und der dazugehörigen Neuro-Athletik auftun.

Klingt kompliziert, sieht aber bei den Weltbesten einfach aus: Robert Lewandowski dreht gerne im letzten Moment den Fuß auf und zielt dann genau in das andere Eck, in das der Bayern-Torjäger vor einem Alleingang blickt. Atletico-Angreifer Diego Costa schirmt oft gleichzeitig den Ball ab und drückt mit der Hand den Abwehrspieler weg. Liverpool-Abräumer Jordan Henderson verpasst im Champions-League-Achtelfinale dem Bayern-Feingeist Thiago in jedem Zweikampf noch einen Körperkontakt. Wenn sich solche Muster wiederholen, steckt dahinter Methode. Baum tüftelt daran, ob sich davon etwas in der Ausbildung deutscher Nachwuchskicker integrieren lässt.

Trainer brauchen interkulturelle Kompetenzen

Derweil hat Daniel Niedzkowski bereits der DFB-Ausbildung zum Fußballlehrer eine neue Ausrichtung verpasst. Motto: raus aus dem Hörsaal, rein in die Vereine, damit die Trainer länger und besser vor Ort arbeiten können. Die geringere Präsenzzeit an der Sportschule in Hennef fängt der digitale Campus auf: ein Tool, in dem die Anwärter von Zuhause am Laptop interaktiv die Aufgaben erledigen. Wichtig sei zudem, betont Haupt, dass die im Profibereich tätigen Trainer über "interkulturelle Kompetenzen" verfügen.

Ein Bundesliga-Kader umfasst im Schnitt 14 nicht-deutsche Spieler. Dafür muss ein Bundesliga-Trainer mindestens fließend Englisch sprechen können und in seinem Team wie ein Unternehmensleiter fungieren. "Das Anforderungsprofil ist größer und das Aufgabenfeld komplexer geworden", sagt Haupt, der natürlich um die Schwierigkeit weiß, die von Bierhoff eingeforderte Bolzplatzmentalität flächendeckend zu wecken. Wenn schon Kinder eine fast krankhafte Abhängigkeit zum Smartphone aufbauen, es an Bewegungsangeboten an der Schule oder an Jugendtrainern in den Vereinen fehlt, stößt ein Verband an natürliche Grenzen.

Gleichwohl mag der Akademiechef das Wehklagen über die geringere Zahl an Talenten nicht. "Das heißt doch nicht, dass wir nicht in der Lage wären, eine Top-Nationalmannschaft mit elf bis 14 Weltklassespielern auf den Platz zu bringen." Die Frage müsse vielmehr lauten, wie die lernwilligen Hochbegabten gefördert werden. Eine neue Methode der Horizonterweiterung wird gerade beim VfB Stuttgart für den Verband getestet: ein Pilotprojekt mit VR-Brillen, um mittels der virtuellen Realität die  so genannte Vororientierung zu schulen. Eine Praxis, die im American Football gerne bei Quarterbacks eingesetzt wird, könnte künftig vielleicht auch deutschen Fußballtalenten helfen, um bei immer weniger Raum und Zeit auf dem Spielfeld die richtigen Lösungen zu finden.

Stand: 05.11.2019, 09:13

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