Virologen kritisieren regelmäßige Tests im Profi-Fußball

Münchens Robert Lewandowski und David Alaba beim Training

Coronakrise

Virologen kritisieren regelmäßige Tests im Profi-Fußball

Von Matthias Wolf

Sollte die Fußball-Bundesliga mit Geisterspielen fortgesetzt werden, müssten die Profis regelmäßig getestet werden. Diese Sonderstellung der Fußballer stößt auf Kritik – ebenso wie die Frage nach der Zuverlässigkeit der Tests.

Die Reaktion von Gérard Krause sagt eigentlich alles. Ein Interview zu Geisterspielen der Bundesliga mit Corona-Tests für Profis? "Zu kuriosen Einzelsituationen, Fußballer hier oder Taxifahrer da", möchte er eigentlich gar nichts sagen. Inmitten des Kampfes gegen die Pandemie ist einem der führenden deutschen Epidemiologen vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig nur eines wichtig: "Die Testkapazität ist begrenzt und wird es bleiben. Deshalb muss erst einmal sichergestellt werden, dass Patienten bei Verdacht einen PCR-Test bekommen mit einem schnellen Ergebnis. An zweiter Stelle kommt das medizinische Personal." Fußballspieler? Eigentlich unwichtig.

Und doch sind eben diese seit den konkreten Plänen der Deutschen Fußball Liga zur Rückkehr in den Spielbetrieb im Mai ein großes Thema. Das Robert Koch-Institut (RKI) positioniert sich dazu eindeutig. Vizepräsident Lars Schaade sagte am Dienstag (21.04.2020): "Ich sehe nicht, warum bestimmte Bevölkerungsgruppen, ob die nun Sportler sind - man kann sich ja auch alles andere ausdenken, was möglicherweise ein gewisses gesellschaftliches Interesse hat, - warum die routinemäßig gescreent werden sollen." Er plädiert dafür, die Coronavirus-Tests für "medizinische Indikationen" einzusetzen. Also Tests für einen Fußballprofi bitte nur dann, "wenn er ein Teil eines Ausbruchsgeschehens ist".

Fortsetzung der Bundesliga? Diskussion nimmt Fahrt auf Tagesthemen 21.04.2020 03:03 Min. Verfügbar bis 21.04.2021 Das Erste

Ärzteverband schließt sich RKI-Position an

So sehen es auch andere, wie eine nicht repräsentative Umfrage der Sportschau unter ärztlichen Verbänden zeigt. Hans-Jörg Freese vom Ärzteverband Marburger Bund, der 125.000 Mitglieder in Deutschland vertritt, betont, man schließe sich in Sachen Fußball der Position des RKI vollumfänglich an. Angesichts zu weniger Tests habe man noch immer "kein klares Bild über die Situation unter Ärzten und Pflegern. Das ist wie eine Blackbox", man wisse von rund .7500 Infizierten unter dem medizinischen Personal.

"Angesichts solcher Zahlen stellt sich die doch die Frage: Wo sollten die Test eingesetzt werden? Dort, wo medizinisches und pflegerisches Personal im Einsatz sind, muss jetzt noch viel, viel umfangreicher getestet werden", so Freese. Aufgrund der ersten Lockerungsmaßnahmen gelte dies auch für systemrelevante Gruppen wie Betreuer in Pflegeheimen oder Lehrkräfte – aber aus Sicht des Marburger Bundes nicht für Sport.

Bundesliga - Hoffnungen zu schüren ist daneben Tagesthemen 21.04.2020 01:18 Min. Verfügbar bis 21.04.2021 Das Erste

Frage nach der Zuverlässigkeit der Tests

Dass Bundesligisten wie Bayern München ihre Spieler bereits drei Mal die Woche testen, kommentierte der Sprecher des Marburger Bundes so: "Wir sollten im Blick behalten, wo die Tests besonders bedeutsam sind. Das ist nicht der Fußball." Den Hinweis der DFL, ihre Tests würden nicht zu Lasten von öffentlichen Test-Kapazitäten geben, von denen es ja noch genug gäbe, kommentierte Freese so: "Das kann man so nicht so einfach sagen. Wie viel Tests gemacht werden, hängt häufig daran, wie überlastet zum Beispiel das Personal im öffentlichen Gesundheitsdienst ist."

Unabhängig von Test-Kapazitäten stellt sich die Frage nach der Zuverlässigkeit der Tests, mit denen auch die Bundesliga arbeiten will. Freese verweist darauf, dass Schnelltests "nach jetzigem Stand noch nicht ausgereift seien". Die Anzahl der falschen Ergebnisse sei noch zu hoch. Einen Spieler drei Stunden vor Anpfiff zu testen und dann aufs Feld zu lassen, sei "Stand heute unseriös. Dafür gibt es noch zu viele falsch-negative Ergebnisse".

Söder zur Bundesliga-Fortsetzung: "Auf Bewährung wagen" Tagesthemen 21.04.2020 04:48 Min. Verfügbar bis 21.04.2021 Das Erste

Tests in Frankfurt zeigen abweichende Ergebnisse

Das absolut verlässliche Ergebnis für einen ordentlichen PCR-Abstrich-Test mit Laborbefund dauere nun mal mindestens einen Tag – eigentlich zu lange nur für den schnelllebigen Trainings- und Spielbetrieb. Dazu passt ein Pilotprojekt der Universitätsklinik Frankfurt beim örtlichen Bundesligisten Eintracht, wo sich zwei Spieler und zwei Betreuer mit dem Covid-19-Erreger infiziert hatten. Bei 30 Tests mit zwei gängigen Antikörper-Tests gab es in Frankfurt in sieben Fällen abweichende Ergebnisse.

Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg spricht für die Deutsche Gesellschaft für Virologie. Er lehnt Geisterspiele ab: "Die sind zwar technisch möglich, aber absolut nicht sinnvoll." Er sagt zwar, es gäbe mittlerweile Tests, die binnen einer bis zwei Stunden gute Ergebnisse liefern könnten – aber diese seien teuer und Mangelware.

"Was macht das moralisch für einen Eindruck?"

"Da kommen wir zu der moralischen Frage. Diese Tests sind streng limitiert, es gibt eine Prioritätenliste nach Verfügbarkeit – da stehen Kliniken mit den schweren Corona-Fällen ganz oben", so Schmidt-Chanasit. Er entwirft ein sozialkritisches Szenario: "In erster Linie ist es ein Markt, auf dem der, der am besten bezahlt, das Produkt bekommt. Ein Pflegeheim kann sich diese Tests nicht leisten – aber wenn ein Bundesligaklub mehrere tausend Euro hinlegt, freuen sich womöglich die privaten Labore."

Der Virologe betont ferner, die Corona-Lage sei noch "zu ernst, um 20.000 nicht massenhaft vorhandene Tests für gesunde, junge Spieler zu verwenden". Schmidt-Chanasit verweist auf andere Bundesligen, die ihren Betrieb eingestellt hätten, und fragt sich: "Was macht das moralisch für einen Eindruck, dass die Deutsche Fußball Liga mal wieder einen ganz anderen, entgegengesetzten Weg geht? In einer Zeit, da die Kitas zubleiben müssen, weil dort eben nicht täglich getestet werden kann, will die Bundesliga schon wieder zehn Schritte weiter sein als alle anderen. Das geht eigentlich nicht, das ist für mich auch eine Frage der Gerechtigkeit."

Alle Experten warnen zudem vor möglichen Kollateralschäden durch die Geisterspiele. Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund verweist auf "das Kollektiverlebnis Fußball" – und die Gefahr von Menschenansammlungen durch Übertragungen. "Man muss ganz ehrlich sein", sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, "das würde wieder für eine Ausbreitung des Virus sorgen." Deshalb müsse gelten: "Keine Geisterspiele, weil wir es einfach nicht unter Kontrolle haben."

Stand: 22.04.2020, 15:12

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