Bundesliga: Unterschätzte Gefahr nach Corona-Rückkehr?

Der Wolfsburger Bundesliga-Profi Martin Pongracic wird beim Spiel in Dortmund behandelt

Return-to-Play-Konzept

Bundesliga: Unterschätzte Gefahr nach Corona-Rückkehr?

Von Thorsten Poppe

Nach einer Corona-Infektion können Folgeschäden wie eine Herzmuskelentzündung auftreten. Sportmediziner haben ein Return-to-Play-Konzept aufgesetzt, um Athletinnen und Athleten zu schützen. Die Profiligen handhaben die Umsetzung sehr unterschiedlich.

"Ich hätte den Spieler nicht eingesetzt", sagt Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln, der das Return-to-Play-Konzept mitentwickelt hat. Der Spieler, den Bloch nicht eingesetzt hätte, ist der Wolfsburger Bundesliga-Profi Marin Pongracic. Der Abwehrspieler hatte sich im November mit Corona infiziert. Drei Wochen nach einem positiven Test auf Corona und einem Krankheitsverlauf mit leichten Symptomen gehörte er wieder zum Kader.

Pongracic erschöpft und entkräftet

Vor Weihnachten stand Pongracic in der Englischen Woche jeweils in der Startelf, spielte dazu im letzten Spiel des Jahres im DFB-Pokal gegen Sandhausen sogar über die volle Distanz. Anfang Januar dann kauerte er in Dortmund kurz vor Spielschluss erschöpft auf dem Boden, und musste schließlich entkräftet ausgewechselt werden.

"Wir sind nicht auf irgendeinem Hinterhof, sondern in der Bundesliga. Ich halte das nicht für so richtig professionell", echauffierte sich VfL-Sportdirektor Jörg Schmadtke im Anschluss, weil die Wolfsburger zu zehnt hätten spielen müssen, bis der Schiedsrichter die Partie unterbrach und Pongracic den Platz verlassen konnte.  

Symptome wie Atemnot

Schon damals sei abzusehen gewesen, dass der Spieler mit Symptomen wie Atemnot zu kämpfen habe, sagt Sportmediziner Bloch. Als Pongracic dann eine Woche später bei der Begegnung gegen Union Berlin schon nach 15 Minuten mit den Kräften am Ende gewesen sei, sei für ihn klar gewesen, dass man hier das Konzept sehr großzügig ausgelegt habe: "In einem Sinn, der unseren Vorstellungen bei Erstellung der Return-to-Sport-Empfehlungen, die im DFL-Konzept Eingang gefunden haben, nicht entspricht."

Return-to-Play-Konzept existiert seit Mai 2020

Aktuell möchte sich der VfL Wolfsburg "aus datenschutzrechtlichen Gründen" nicht äußern. Auch nicht zu Fragen, die auf eine Aktualisierung des Return-to-Play-Konzepts abzielen oder der Frage, ob der VfL inzwischen weitere spezifische Untersuchungen seiner Spieler nach einer Corona-Erkrankung durchführen würde.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) lässt Fragen diesbezüglich ebenfalls unbeantwortet und verweist stattdessen auf ein Interview mit Prof. Tim Meyer, dem Leiter der "Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb" auf der DFL-Webseite vom Januar.

Prof. Meyer: "Expertenempfehlungen heranziehen"

Dort wird Meyer mit den Worten zitiert: "Die Task Force hat rund um die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der vergangenen Saison den Mannschaftsärzten der Clubs sehr deutlich empfohlen, für eine Entscheidung über die Rückkehr eines Spielers in den Trainings- oder Spielbetrieb nach einer Covid-19-Infektion bestehende Expertenempfehlungen heranzuziehen."

Die Rede ist von eben jenem Return-to-Play-Konzept aus dem Mai 2020, an dem Meyer selbst mitgearbeitet hat. Bei symptomfreiem Verlauf sollen die Spieler demnach frühestens zwei Wochen nach Krankheitsbeginn auf Sporttauglichkeit getestet werden. Sind die Belastungstest dabei unauffällig, kann wieder mit dem Training begonnen werden.

Wer leichte Symptome entwickelt, soll eine längere Belastungspause von bis zu vier Wochen einlegen. Im Anschluss folgen dementsprechende, aufwendigere Untersuchungen, die etwaige Folgeschäden ausschließen sollen.

Nicht spielen bei Erschöpfungssymptomen

"Ein Spieler der nach einer Erkrankung und insbesondere nach Covid-19 noch Erschöpfungssymptome zeigt, sollte nicht spielen. Die Symptomatik zeigt ja, dass keine vollständige Regeneration von der Erkrankung da war", sagt Sportmediziner Bloch mit Blick auf den Fall Pongracic. "Hier wäre ein langsamer Belastungsaufbau sinnvoller gewesen. Wir sollten hier unter Berücksichtigung der noch nicht abschätzbaren möglichen Spätfolgen die Rückkehr zur vollen Belastung sehr vorsichtig angehen."

Bloch fordert deshalb verbindliche Leitlinien statt bloßer Empfehlungen. Damit Fälle wie der des Wolfsburgers Pongracic künftig vermieden würden. Das mache es auch den betreuenden Ärzten einfacher zu begründen, warum ein Spieler nach Covid-19 vorsichtig wieder an die Belastung herangeführt wird.

DEL passt Konzept an

Andere Profi-Ligen berücksichtigen die Gefahr von Folgeschäden längst verbindlich. Im November 2020 trug Eishockey-Profi Janik Möser von den Grizzlys Wolfsburg nach einer Corona-Infektion als Folgeschaden eine Herzmuskelentzündung davon. Die Deutsche Eishockey Liga (DEL) aktualisierte daraufhin ihr Return-to-Play-Konzept und empfiehlt jetzt nach Corona-Erkrankungen längere Pausen und bessere Nachsorge-Behandlungen als vorher.

"Wir werden sie nicht für die Show aufs Eis schicken, weil es uns egal ist, was mit ihnen passiert. Man muss sich darum kümmern, man kann das nicht wegdiskutieren. Je mehr Menschen davon erfahren, desto besser werden die Spieler medizinisch versorgt", betont DEL-Spielbetriebsleiter Jörg von Ameln. Das angepasste Konzept ging auch an die Handball- und die Basketball-Bundesliga.

Daten von etwa 10.000 Covid-19-Patienten analysiert

Wie essenziell dieses neue Vorgehen für die Gesundheit von Sportlern sein kann, zeigt eine aktuelle Studie der Deutschen Krankenversicherung: Die DKV hat Daten von etwa 10.000 stationär aufgenommenen Covid-19-Patienten analysiert.

Das Ergebnis: Viele von ihnen sind nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht gesund, denn die durchschnittlichen Leistungsausgaben pro Tag haben sich bei ihnen um mehr als die Hälfte erhöht - auch bei Menschen, die vorher eine gesundheitlich gute Konstitution besaßen. Rund 15 Prozent der stationär behandelten Covid-19-Erkrankten in der Studie hatten seit 2018 bis zu ihrer Infektion keine Leistungen bei der Krankenkasse eingereicht.

Gesundheitsschutz versus Wettbewerb?

Im Sport bleibt die Frage nach einem möglichen Interessenkonflikt zwischen dem Gesundheitsschutz der Spieler und der Wettbewerbsfähigkeit eines Teams. Als sportschau.de im November alle Klubs der Fußball-Bundesliga auf einen solchen möglichen Interessenkonflikt ansprach, wiesen die Vereine diesen Verdacht zurück.

Interessenkonflikt für die Mannschaftsärzte

Dabei hatte auch Sportmediziner Andreas Nieß von der Universität Tübingen, der ebenfalls zu den Autoren des Return-to-Play-Konzeptes zählt, auf einen solchen Interessenkonflikt für die Mannschaftsärzte in den Vereinen hingewiesen.

"Das Umsetzen eines Konzepts ist das eine, aber es ergeben sich in der Gemengelage Spitzensport und Pandemie doch auch etwas kniffligere Fragen, die es zeitnah und korrekt zu lösen gilt", erläuterte Nieß damals und fügte hinzu: "Das medizinische Personal eines Teams, ob direkt beim Verein angestellt oder primär extern tätig, ist letztendlich Teil der Mannschaft."

Bislang neun Coronafälle in Wolfsburg

Wie sensibel das Thema ist, zeigt ein weiteres Beispiel aus Wolfsburg: Neun Coronafälle zählt der Verein bisher. Einer davon ist der Spieler Maxence Lacroix. Direkt nach Abschluss einer zehntägigen Quarantäne Anfang Januar wegen eines schwach positiven Corona-Befundes mit geringer Virenlast wurde er tags darauf beim Auswärtsspiel in Dortmund eingewechselt.

Vor dem Spiel eine Woche später bei Union Berlin ruderten die Mannschaftsärzte dann zurück und empfahlen laut Trainer Glasner, die Sache "doch wieder vorsichtiger anzugehen".

Stand: 12.02.2021, 09:45

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