Was der Titel des FC Bayern über den Fußball erzählt

Thomas Müller ballt die Faust

Bundesliga-Kommentar

Was der Titel des FC Bayern über den Fußball erzählt

Von Christian Hornung

100 Tore geschossen, 13 Punkte Vorsprung, mit Robert Lewandowski den besten Torschützen und mit Thomas Müller den besten Vorbereiter der Saison im Team: Dass die Bayern verdient Meister sind, ist unstrittig. Trotzdem besitzt dieser Titel einiges an Aussagekraft.

Können Bundesliga-Fußballer gegen ihren Trainer spielen? Diese Frage ist oft gestellt und oft schnell verneint worden. Die Argumente lauteten zumeist, dass die Profis dann ja auch gegen sich selbst und ihren Klub spielen würden, gegen die Prämien, die Titelchancen, ihre eigenen Kollegen. Stimmt alles. Und trotzdem tun sie es. Sogar in München.

Manchmal sogar mit höheren Zielen

Aber: Bei aller Verwerflichkeit einer solchen Verhaltensweise darf man den Profis sogar mitunter höhere Ziele zugutehalten. Zum Beispiel dann, wenn sie längst gemerkt haben, dass es der derzeit Verantwortliche einfach nicht packt, dass er die Mannschaft gegen sich aufbringt, taktisch limitiert ist und sie nicht (mehr) erreicht - und man mit einem Trainerwechsel dann wieder mehr erreichen könnte.

Wenn das die Klubführung aber ignoriert, zaudert und zögert, um die Abfindung zu sparen und/oder eigene Fehler bei der Auswahl des Übungsleiters nicht eingestehen zu müssen - ja, dann spielen Spieler auch mal gegen ihren Trainer. So wie die Bayern bei Niko Kovac.

Phänomene Müller und Boateng

Was Hansi Flick besser beherrschte als sein nach einem 1:5 gegen Frankfurt Anfang November entlassene Vorgänger, ließ sich am besten an den Weltmeistern Thomas Müller und Jérôme Boateng beobachten. Dass Kovac sportlich mit den beiden ebenso wenig anfangen konnte wie Bundestrainer Joachim Löw nach dem WM-Desaster 2018 in Russland, war sportlich zum damaligen Zeitpunkt noch nachzuvollziehen. Beide spielten damals einfach schlecht.

Fußball - Die Bundesliga braucht die Fans

Sportschau 28.06.2020 01:45 Min. Verfügbar bis 28.06.2021 ARD Von Burkhard Hupe

Aber beide hatten und haben noch enormen Einfluss in der Bayern-Kabine. Deshalb wäre es die Aufgabe von Kovac gewesen, sie zurück zu ihrer Top-Leistung zu führen - so wie das Flick brillant gelungen ist. Boateng spielte in der Rückrunde so souverän wie in seiner besten Karrierephase 2014. Müller sogar vielleicht noch besser: Mit 22 Assists stellte er einen neuen Bundesliga-Rekord auf und löste damit Kevin De Bruyne ab, den Star von Manchester City..

Wertschätzung, Respekt und Bescheidenheit

Was Kovac hingegen nach dem siebten Spieltag über Müller sagte, gehört in die Kategorie der fatalsten Sprüche der Bundesliga-Historie, vergleichbar mit Michael Skibbes Einlassung, dass Thomas Hässler ein durchaus talentierter Spieler sei. "Wenn Not am Mann ist, wird Thomas Müller seine Minuten kriegen", sagte Kovac Anfang Oktober.

Müller also nur noch ein Notnagel, und dann auch nur noch geeignet für "Minuten" - das klang vom intelligenten und eloquenten Kovac schon fast nach einer Bitte um schnellstmögliche Vertragsauflösung. Und es ist ein Satz, der einem Hansi Flick noch nicht mal in den Sinn käme: Er führte die Bayern mit Wertschätzung für den gesamten Kader, mit Respekt, aber auch mit großer Bescheidenheit zum achten Titel in Serie.

Auch noch das vierte und fünfte

FC Bayern macht die 100 Tore voll

Von Jörg Strohschein

Serge Gnabry (l.), Benjamin Pavard (m.) und Robert Lewandowski bejubeln die Führung gegen Düsseldorf

Der FC Bayern hat sich nicht nur die Meisterschaft in dieser Saison gesichert, sondern auch die magische 100-Tore-Grenze erreicht. Damit haben die Münchner durchschnittlich 2,9 Treffer pro Partie erzielt. Viel deutlicher kann man nicht nachweisen, dass man der Konkurrenz um Lichtjahre entrückt ist.

Der FC Bayern hat sich nicht nur die Meisterschaft in dieser Saison gesichert, sondern auch die magische 100-Tore-Grenze erreicht. Damit haben die Münchner durchschnittlich 2,9 Treffer pro Partie erzielt. Viel deutlicher kann man nicht nachweisen, dass man der Konkurrenz um Lichtjahre entrückt ist.

Maßgeblich beteiligt an dieser Tore-Marke ist Angreifer Robert Lewandowski. Allein der Pole hat 34 Mal für den FCB eingenetzt - und damit mehr als ein Drittel aller FCB-Treffer erzielt.

Und doch bleibt Lewandowski der Sprung auf das oberste Torjäger-Podium des FC Bayern weiterhin verwehrt. Mit Gerd Müller hatten die Münchner ab Mitte der 60er Jahre einen Spieler, der noch treffsicherer war. Müller erzielte in der Saison 1971/72 sage und schreibe 40 Tore für den FCB. Ein Rekord, der immer noch Bestand hat. Allein in fünf Spielzeiten gelangen Müller mindestens 30 Tore. Bei Lewandowski sind es derzeit drei Saisons mit mindestens 30 Treffern.

Nur einer Mannschaft ist es seit der Einführung der Bundesliga schon einmal gelungen, die 100-Tore-Schallmauer zu durchbrechen: dem FC Bayern. In der Saison 1971/72 erzielte das Team um Müller, Paul Breitner und Franz Beckenbauer 101 Tore und wurde mit drei Punkten (es galt noch die Zwei-Punkte-Regelung) Vorsprung deutscher Meister vor dem FC Schalke 04 (76 Tore) - den die Münchner am letzten Spieltag souverän mit 5:1 besiegten.

Andere Klubs sind in den Jahren mehr oder weniger knapp daran vorbeigeschrammt. Allen voran natürlich der FC Bayern, dem mal 98 Tore (2013) gelangen, 95 (1974) oder 94 (2014). Mit dabei ist aber auch der Hamburger SV. In seiner glorreichen Zeit erzielte der HSV einmal 95 Tore (1982) und wurde deutscher Meister - lange vorbei.

Dass man auch mit deutlich weniger Toren die Schale einfahren kann, hat Eintracht Braunschweig 1966/67 gezeigt. Das Team von Trainer Helmuth Johannsen benötigte lediglich 49 Tore in 34 Partien, um sich den Titel zu sichern. Das war die bislang schlechteste Torausbeute eines Meisters - und entspricht einem Durchschnitt von 1,4 Toren pro Spiel. Aber: Wer nur 27 Tore kassiert (0,8 pro Spiel), der hat das Erfolgsgeheimnis dann doch gefunden.

Die Braunschweiger benötigten vor allem Angreifer Lothar Ulsaß, der als bester Torschütze 14 der 49 Treffer erzielte. Ulsaß war in dieser Spielzeit zwar weit entfernt von den besten Torjägern der Liga - Lothar Emmerich (BVB, 28 Tore) und Gerd Müller (FCB, 28Tore) - und doch konnte der Braunschweiger am Saisonende über die Meisterschale jubeln.

Nur ins gegnerische Tor zu treffen, genügt aber nicht, um am Ende erfolgreich zu sein. Auch die Abwehr muss stabil sein. Mit 32 Gegentoren mussten die Münchner in dieser Spielzeit auch die wenigsten Gegentore aller Mannschaften hinnehmen. Das hat der FCB allerdings schon einmal deutlich besser hinbekommen. In der Saison 2015/16 erzielten die Münchner zwar auch stattliche 80 Treffer. Aber die Zahl der Gegentore war mit 17 kaum der Rede wert.

Robert Lewandowski ist immerhin auf einem guten Weg, sich zumindest den zweiten Platz in der ewigen Torjägerliste des FCB zu sichern. 240 Tore hat er für die Bayern bei 284 Einsätzen erzielt. Gerd Müller wird der Pole aber trotz Vertrags bis Sommer 2023 wohl nicht mehr einholen können. Der "Bomber der Nation" erzielte bei 576 Einsätzen unglaubliche 515 Tore für die Münchner. Ein Rekord für die Ewigkeit.

Dass bei Flicks Aufholjagd - am 15. Spieltag standen die Bayern noch hinter Schalke - die Konkurrenten aus Dortmund und Leipzig nur Geleitschutz gaben, wertet die Leistung der Münchener dabei in keiner Weise ab. Sie haben nicht nur erfolgreich, sondern auch schön gespielt. Sie waren auch ohne Fans ehrgeizig wie in jedem Training und wollten nach einer 3:0-Führung auch noch das vierte und fünfte Tor nachlegen. Dass sie Spiele abschenken wie Dortmund oder Köln am letzten Spieltag - undenkbar unter Flick.

Die Bayern können nichts für die Schwäche der anderen. Aber sie können sich durchaus selbst schwächen. Das haben sie in der Hinrunde bewiesen - und sicher nicht immer nur aus Versehen.

Stand: 28.06.2020, 22:00

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