Aufsteiger Bielefeld und Stuttgart - eine Frage der Klasse

Frust bei Arminia Bielefelds Fabian Klos (l.), Jubel bei Stuttgarts Nicolás González

Bundesliga, 8. Spieltag

Aufsteiger Bielefeld und Stuttgart - eine Frage der Klasse

Von Tim Beyer

Der VfB Stuttgart begeistert in der Bundesliga mit tollem Fußball, Arminia Bielefeld hat Probleme. In Liga zwei war dies noch umgekehrt. Was sagt das aus über die Unterschiede zwischen beiden Ligen?

Der Tag, an dem auch Uwe Neuhaus unruhig wurde, war ein Samstag Anfang November. Neuhaus, 60, ist Trainer des Bundesliga-Aufsteigers Arminia Bielefeld, und sein Weg dorthin war kein gerader. Mit Umwegen kennt Neuhaus sich aus: Er ist als Spieler und als Trainer im Amateurbereich gestartet und hat es dann doch bis ganz nach oben geschafft. Er hat Elektriker gelernt, in der Stahlgießerei Henrichshütte und für die Bundeswehr Hubschrauber repariert, und einmal wäre er beinahe Gefängniswärter geworden.

Neuhaus hat viel erlebt, und er neigt eher nicht zu spontanen Gefühlsausbrüchen. Doch an jenem Samstag, als seine Bielefelder gerade 0:5 bei Union Berlin verloren hatten, es war die fünfte Niederlage in Folge, da sah er dann doch einigermaßen unzufrieden aus. Natürlich könne man Spiele verlieren, gerade als Aufsteiger, sagte Neuhaus, entscheidend sei aber die Art und Weise. "Das war die absolut schlechteste Leistung, seit ich hier bin. Wäre es möglich gewesen, hätte ich alle ausgewechselt."

Zwei Wochen Pause hatte Arminia Bielefeld, am Samstag ist Bayer Leverkusen zu Gast - und der Trainer Neuhaus sagt, er habe zuletzt in den Trainingseinheiten einiges gesehen, was ihm Mut macht. "Ich denke, dass wir die Pause richtig gut genutzt haben." Mit vier Punkten aus sieben Spielen steht Bielefeld auf Tabellenplatz 15, am Saisonende wäre dies ein großer Erfolg. Doch die letzten Spiele waren eben auch nicht unbedingt dazu angetan, die ostwestfälische Fußballseele in Euphorie zu versetzen.

Nun ist Stuttgart die positive Überraschung und nicht mehr Bielefeld

In der vergangenen Saison war Bielefeld Meister in der zweiten Liga geworden, hatte dabei die beste Defensive und die beste Offensive gestellt und dazu noch einen wirklich ansehnlichen Fußball gespielt, mutig und mit vielen Kurzpässen. Überhaupt ist die Zeit seit dem Dienstantritt von Neuhaus im Dezember 2018 eine erfolgreiche, die Bundesliga-Rückkehr nach elf Jahren war die Krönung.

Nun, wo die Gegner nicht mehr Wehen Wiesbaden und Sandhausen heißen, sondern Bayern und Dortmund, gewinnen die Bielefelder seltener. Sie schießen auch weniger Tore, kein Klub traf bislang seltener. Und sie kassieren mehr Gegentreffer. Mit 15 sind es die drittmeisten in der Liga.

Entgegengesetzte Entwicklung beim VfB

Eine Überraschung ist das nicht, natürlich nicht. Überraschend ist eher, dass die Entwicklung des zweiten Aufsteigers VfB Stuttgart so gegensätzlich verläuft. Aufgestiegen war Stuttgart aus der zweiten Liga nämlich nur mit einiger Mühe, obwohl die Mannschaft individuell deutlich besser besetzt war als die der Arminia. Gut, Mario Gómez war in seiner letzten Saison nicht mehr der Mario Gómez, der er einmal gewesen war. Er war aber eben immer noch Mario Gómez. Dazu die feinen Techniker Gonzalo Castro und Daniel Didavi und die vielen hoffnungsvollen jungen Spieler, man denke nur an den schnellen und trickreichen Silas Wamangituka - es war schon eine Überraschung gewesen, dass Bielefeld Erster wurde und Stuttgart zwischendurch zittern musste.

Ende Januar hatte der VfB Stuttgart Pellegrino Matarazzo als neuen Trainer vorgestellt, er war zuvor Co-Trainer in Hoffenheim gewesen. In der Rückrunde verlor Stuttgart dann noch fünf Spiele, gewann aber auch acht, manchmal sehr deutlich. Glänzende Auftritte wechselten sich mit ernüchternden ab, konstant war beim VfB lange nur die Abwesenheit jeglicher Konstanz. Man sah das auch an den taktischen Formationen des Trainers Matarazzo: Mal entschied er sich für vier Abwehrspieler, dann wieder für drei.

Mehr Räume, eine neue Position - Castro wie der VfB

Mitte Juni, nach einer Niederlage gegen den Karlsruher SC, kehrte Matarazzo nach vielen Wochen zu einer Formation mit drei Verteidigern zurück. Stuttgart gewann dann 5:1 gegen Sandhausen und 6:0 beim 1. FC Nürnberg - und Matarazzo ist der Dreierkette seitdem treu geblieben. In der Defensive verleiht sie dem Team einige Struktur, hat aber gleichzeitig den Vorteil, dass im Mittelfeld ein Spieler mehr spielen kann. Etwa Castro, 33, der in der Zweitliga-Saison manchmal Linksverteidiger spielen musste oder gar ganz draußen blieb. Heute ist Castro Kapitän des VfB und im offensiven Mittelfeld der Fixpunkt im Spiel.

Gibt beim VfB Stuttgart die Richtung vor: Gonzalo Castro

Gibt beim VfB Stuttgart die Richtung vor: Gonzalo Castro

"Wenn man ihn hat, dann steht er auch für eine bestimmte Art des Fußballs", hat der Sportdirektor Sven Mislintat einmal über Castro gesagt. Castro ist ein toller Techniker, es wirkt oft, als verstehe er das Spiel noch ein bisschen besser als viele andere. Er ist ein Spieler, der seine Mitspieler glänzen lässt - und vielleicht hat Mislintat auch das gemeint. Er hat aber auch gesagt, Castro sei eben nicht mehr 25 und deshalb sei es nicht so, "dass ihm das physische Level der 2. Liga immer geschmeckt hat."

Jetzt, in der Bundesliga, kommen Castros fußballerische Fähigkeiten sehr viel besser zur Geltung, und das mag auch daran liegen, dass da nun noch ganz andere Kaliber rumrennen. Dass der VfB Stuttgart nicht mehr das Team ist, gegen das alle anderen Mannschaften immer noch ein bisschen mehr motiviert sind, sondern einfach nur der nächste Gegner. Wahrscheinlich nehmen sich der Fußballer Castro und sein Arbeitgeber gar nicht viel: Fußball in der Bundesliga, das ist für beide eine Erleichterung.

Klos wie die Arminia

Über Arminia Bielefeld lässt sich das gerade eher nicht sagen. Was in der zweiten Liga noch ein Alleinstellungsmerkmal war, der schöne Fußball und die vielen Tore, hat sich nun ein wenig ins Gegenteil verkehrt. Noch immer spielt Bielefeld viele kurze Pässe, oft beginnt das schon beim Torhüter Stefan Ortega Moreno, doch der Druck der Gegner ist nun ein anderer. Es mehren sich die Fehlpässe schon in der Spielauslösung, auch der lange Ball kommt in solchen Situationen zum Einsatz. Es ist auch eine Frage der Klasse. Und Chancen erspielt sich Bielefeld lange nicht mehr so viele, man sieht das an Fabian Klos.

Klos, 32, war im Fußball immer schon ein Spätstarter. Mit Anfang Zwanzig spielte er noch in der Kreis- und Bezirksliga, beinahe wäre er Versicherungskaufmann geworden und nicht Fußballer. Dass er nun, im Herbst seiner Karriere, doch noch in der Bundesliga angekommen ist, ist eine jener Geschichten, die im Fußball eigentlich nicht mehr vorgesehen sind. In 335 Pflichtspielen für Arminia Bielefeld hat Klos 152 Tore geschossen, doch in der Bundesliga hat er noch nicht getroffen.

Es ist eine Serie, von der sie in Bielefeld hoffen, dass sie bald endet. Eine andere dürfte dagegen sicher weitergehen, sie würden sich da eher nicht beschweren: Der Gegner Leverkusen hat von den letzten sechs Spielen in Bielefeld keines gewonnen, viermal gewann stattdessen die Arminia.

Stand: 19.11.2020, 10:09

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