Hannover, Stuttgart und das verfluchte zweite Jahr

Angeschlagen: Mario Gomez und der VfB

Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga

Hannover, Stuttgart und das verfluchte zweite Jahr

Von Frank Hellmann

Die Aufgaben am 19. Spieltag dieser Bundesliga-Saison könnten schwieriger kaum sein: Hannover 96 tritt bei Spitzenreiter Borussia Dortmund an (Samstag 15.30 Uhr), der VfB Stuttgart reist zum FC Bayern (Sonntag 15.30 Uhr). Damit droht beiden Teams die zweite Niederlage im zweiten Rückrundenspiel - und noch mehr Gefahr im Abstiegskampf.

Sowohl bei 96 als auch dem VfB wächst die Kritik. Ein Abstieg würde beide Klubs wieder enorm zurückwerfen. Das neue Jahr begann mit Auftaktniederlagen zu Hause - Hannover gegen Bremen (0:1), Stuttgart gegen Mainz (2:3) - denkbar ungünstig. Und die Hürden beim Spitzenreiter BVB und Rekordmeister Bayern könnten höher kaum sein. Die Erwartungen sind entsprechend gering.

Breitenreiter übt Kritik

"Ich wünsche mir, dass wir eine Mannschaft auf dem Platz sehen, die sich wehrt", sagt Hannovers Manager Horst Heldt. Von einem Achtungserfolg wie im Hinspiel (0:0) spricht er vorsichtshalber gar nicht. Stattdessen kassierte der Sportdirektor auf der Pressekonferenz einen Rüffel von Trainer André Breitenreiter, der öffentlich fehlende Rückendeckung beklagte: "Schade, dies hat auch Einfluss auf die Mannschaft. Sie braucht eine klare Führung."

Aber liefert der Cheftrainer dem Team nicht damit schon ein Alibi? Dass Präsident Martin Kind und Heldt andere Trainerkandidaten sichten, findet der 45-Jährige nicht verwerflich. "Es ist völlig normal, dass man darüber nachdenkt, der Mannschaft einen neuen Impuls zu geben."

Breitenreiter: "Hätte mir einen offeneren Umgang gewünscht" Sportschau 25.01.2019 02:35 Min. Verfügbar bis 31.01.2020 Das Erste

Weinzierl hat keine gute Bilanz

Den Trainertausch hat der VfB Stuttgart schon hinter sich. Nur hält sich der Ertrag bislang in Grenzen: Seitdem Markus Weinzierl am achten Spieltag übernahm, stehen drei Siege und acht teils herbe Niederlagen in der Bilanz. Eine Erfolgsgeschichte geht anders. Noch immer ist der VfB keine stabile Einheit, wirkt auch unter Weinzierl anfällig in der Defensive. Verteidiger und Weltmeister Benjamin Pavard, der nächste Saison für den FC Bayern spielt, fehlt noch nach seinem Muskelbündelriss.

Die Ausgangsposition für das Auswärtsspiel bei den Bayern beschreibt der 44-Jährige so: "Man kann in München punkten, Düsseldorf und andere Mannschaften haben es vorgemacht. Man muss sich wehren." Sind das nicht dieselben Töne wie in Hannover? Genauso klingen Durchhalteparolen.

Dabei gibt es eigentlich eine erfreuliche Klammer vom 14. Mai 2017. An besagtem Sonntag duellierten sich Hannover 96 und der VfB Stuttgart, die damaligen Top-Teams der zweiten Liga. Fast 50.000 Zuschauern - egal, welchen Lagers - waren bester Stimmung, denn der 1:0-Sieg der Hausherren hatte irgendwie beiden genutzt: Weil der damalige Dritte Eintracht Braunschweig zeitgleich eine 0:6-Klatsche bei Arminia Bielefeld kassierte, war die direkte Rückkehr der beiden Bundesliga-Absteiger quasi beschlossene Sache.

Weinzierl vor München: "Es gilt, sich zu wehren" Sportschau 25.01.2019 00:44 Min. Verfügbar bis 25.01.2020 Das Erste

Kater- statt Aufbruchstimmung

So kam es denn auch: Hannover feierte am letzten Spieltag ebenso ausgelassen seinen sofortigen Wiederaufstieg wie Stuttgart. Jubel, Trubel, Heiterkeit in beiden Landeshauptstädten. Die Verantwortlichen versicherten: Man habe Demut und Bescheidenheit gelernt, wolle nun aber die Aufbruchsstimmung und Erneuerung nutzen, sich nachhaltig zum festen Bestandteil der Bundesliga zu entwickeln.

Hannover 96 schaffte unter Aufstiegstrainer Breitenreiter fast mühelos den Klassenerhalt. Die Grabenkämpfe im Klub um die so genannte „50+1“-Regel, die Boss Kind unbedingt umgehen will, steckten Trainer und Mannschaft ebenso weg wie den zeitweiligen Stimmungsboykott der Fans. Platz 13 (39 Punkte) war aller Ehren wert. Der Erfolg verleitete Kind im Juni 2018 bei einem Kaminabend zu einer mutigen Zielsetzung. "Platz sechs, mehr ist nicht realistisch", sagte der 74-Jährige auf die Frage eines Zuhörers nach seiner Erwartungshaltung für die laufende Spielzeit.

Massive Fehleinschätzungen

Der Fehler, den Kind beging - die Qualität des Kaders und die Kraft des Klubs zu überschätzen - unterlief auch Wolfgang Dietrich beim VfB Stuttgart. Das Vereinsoberhaupt hatte bereits im Sommer 2017 darüber fabuliert, dass der Verein mit dem roten Brustring sich doch hinter Bayern München und Borussia Dortmund wieder als "dritte Kraft im deutschen Fußball" etablieren könne.

Was für ein Trugschluss! Die Weichen für den Klassenerhalt stellte der VfB im vergangenen Jahr erst, als Aufstiegstrainer Hannes Wolf für Tayfun Korkut weichen musste. Zuvor war die Trennung von Manager Jan Schindelmeiser erfolgt, für den Michael Reschke, zuvor technischer Direktor beim FC Bayern, kam.

Wie bei den Niedersachsen endete die Vorsaison auch bei den Schwaben versöhnlich: mit einer erstaunlichen Erfolgsserie auf  Platz sieben (51 Punkte). Nach einem 4:1-Coup am 34. Spieltag beim FC Bayern wären sogar Europapokalträume in Erfüllung gegangen, wenn nicht eine Woche später Eintracht Frankfurt gegen die Münchner den DFB-Pokal gewonnen hätten.

Keine glückliche Kaderplanung

Die aktuelle Saison hat inzwischen albtraumartige Züge für Hannover und Stuttgart angenommen. Der Absturz ist in beiden Vereinen ein Sammelsurium von Fehleinschätzungen und Fehlplanungen - gerade auch bei der Kaderzusammenstellung.

Weder Heldt noch Reschke ist wirklich ein glückliches Händchen zu bescheinigen. Der eine glaubte, die beim HSV durchgefallenen Walace und Bobby Wood würden den Verein weiterbringen, der andere steckte viel Geld in Neuzugänge wie Gonzalo Castro, Nicolas Gonzalez oder Pablo Maffeo, die allesamt floppten.

mit dpa | Stand: 25.01.2019, 12:53

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