Die gefährliche Lage bei Borussia Mönchengladbach

Marco Rose (l) und Max Eberl (r)

Mehr positiver Schein als Sein?

Die gefährliche Lage bei Borussia Mönchengladbach

Von Sebastian Hochrainer

Nach vier Vertragsverlängerungen, dem Überwintern in der Champions League und im DFB-Pokal herrscht große Zufriedenheit bei Borussia Mönchengladbach. Aber das könnte sich in den nächsten Monaten durchaus ändern.

Laut Christoph Kramer hat Gladbach in der Bundesliga "vielleicht vier, fünf Punkte zu wenig. Wir müssen nicht darüber reden, dass die Tabelle jetzt nicht so gut aussieht. Aber wir haben noch viele Spiele vor uns und werden sicher keine Panik machen". Panik ist auch nicht angebracht, aber ein genauer Blick auf die Gesamtsituation zeigt: Die Lage in Gladbach ist nicht ohne.

Neue Verträge verstärken gute Stimmung

Die jüngsten Vertragsverlängerungen von Sportdirektor Max Eberl und Geschäftsführer Stephan Schippers sowie der beiden Routiniers Lars Stindl und Tony Jantschke hat die Laune in Gladbach noch weiter verbessert. Es waren allesamt positive Nachrichten für den Verein, jedoch welche, die zu erwarten waren.

Eberl will Gladbach noch weiter voranbringen, seine Entscheidung für eine Fortsetzung der Arbeit am Niederrhein sei auch deswegen gefallen, weil der Verein eine Vision habe und er diese gestalten könne. Für die Umsetzung seiner Vorhaben stehen nun aber erst die wirklich entscheidenden Themen an.

Wichtigste Entscheidungen kommen erst noch

Denn in den nächsten Monaten wird es um die Zukunft von mindestens vier Beschäftigten gehen, die eine enorme Bedeutung für den Verein haben. Es sind Personalien, deren Ausgänge weitaus weniger erwartbar sind als die in den vergangenen Wochen.

Bei Matthias Ginter, Denis Zakaria und Nico Elvedi werden im Laufe der Rückrunde Entscheidungen fallen. Entweder sie verlängern ihre jeweils bis 2022 laufenden Verträge oder werden verkauft. Das hat Eberl bereits offen kommuniziert, weil Gladbach noch kein Verein sei, der es riskieren könne, derart hochpreisige Spieler ablösefrei abzugeben - der kommende Sommer wäre also die letzte Gelegenheit für einen Verkauf.

Eberl zum Fußball in Lockdown-Zeiten: "Irgendetwas, an das man sich erfreuen kann"

Sportschau 12.12.2020 01:52 Min. Verfügbar bis 12.12.2021 ARD Von Sven Pistor


Eberl will mit allen drei Spielern verlängern. Aber: Einfach so kann sich der Verein das aufgrund der Corona-Verluste (2020 etwas weniger als 20 Millionen Euro) gar nicht leisten. Ginter, Zakaria (seit 2017 in Gladbach) und Elvedi (seit 2015) gehören mittlerweile nicht nur zu den Leistungsträgern, sondern sind auf dem internationalen Markt enorm begehrt. Entsprechend kostspielig werden neue Verträge sein.

Unterschiedlich große Chancen

Grundsätzlich fühlen sich die Spieler wohl, nach Informationen von sportschau.de gestaltet sich die jeweilige Situation jedoch unterschiedlich. Zakaria hätte gerne schon im vergangenen Sommer den Sprung zu einem absoluten Top-Klub gewagt.

Das frühzeitige Veto der Gladbacher und seine schwere Verletzung - der Schweizer Nationalspieler fiel aufgrund eines Knorpelschadens über acht Monate lang aus - verhinderten dies. Eine Verlängerung käme höchstens in Frage, wenn eine nicht zu hoch angesetzte Ausstiegsklausel im Vertrag verankert wird.

Ginter - eigentlich unverzichtbar

Borussia Mönchengladbachs Verteidiger und Nationalspieler Matthias Ginter in Aktion

Matthias Ginter

Die gibt es wohl am ehesten bei Matthias Ginter. Der deutsche Nationalspieler weiß um sein Standing im Verein, er hat in dieser Saison alle Pflichtspiele über die volle Distanz gemacht und ist sportlich unverzichtbar. Dass er vor der Saison von der Mannschaft als dritter Kapitän abgewählt wurde, traf Ginter, eine Zukunft in Gladbach kann er sich dennoch vorstellen. Einen ersten Austausch hat es zwischen dem Spieler und dem Verein nach Informationen von sportschau.de mittlerweile gegeben, konkret wird es aber erst in den nächsten Monaten.

So wird es auch bei Elvedi sein. Der geht weniger emotional an die Sache heran als Ginter, der mit seiner Familie im Rheinland eingelebt hat. Elvedi kann sich gerade den Sprung in die englische Premier League sehr gut vorstellen, bei dieser Personalie wird es wohl darum gehen, ob sich für den Spieler die richtige Gelegenheit bietet. Passiert das nicht, hat Gladbach durchaus Chancen, den 24-Jährigen länger an sich zu binden.

Borussia ist in einer Preisfalle

Ein weiteres Problem für die Borussen: Die an den Spielern interessierte Konkurrenz weiß, dass der Verein eine schlechte Verhandlungsposition hat. Gladbach will die Verträge unter keinen Umständen auslaufen lassen, was die Verhandlungspartner nutzen werden, um den Preis zu drücken. Finanziell und personell bergen diese Entscheidungen also eine große Gefahr für Gladbach.

Auch bei Rose entscheidet nicht Gladbach

Marco Rose, Trainer von Mönchengladbach

Marco Rose

Die wichtigste Personalie ist jedoch die des Trainers. Zwar sagte Eberl zuletzt, Marco Rose (Vertrag bis 2022) werde "zu 99 Prozent" in Gladbach bleiben, doch dem Sportdirektor sind die Hände gebunden. Rose besitzt eine Ausstiegsklausel, zwar eine, die über fünf Millionen Euro liegen soll, aber dennoch eine, die für einen Verein wie Borussia Dortmund, der den 44-Jährigen offenbar verpflichten möchte, kein Hindernis sein dürfte. Auch hier hat nicht Gladbach die Zügel in der Hand, sondern Rose. Und sein Abgang wäre noch schmerzhafter als der der bereits genannten Spieler.

Denn Rose hat seit seinem Amtsantritt im Sommer 2019 für einen enormen Ruck im Verein gesorgt. Unter Dieter Hecking hatte Gladbach gerade nach zwei neunten Plätzen die Europa League erreicht, aber es herrschte eine Unzufriedenheit im Umfeld des Vereins. Rose hat sofort mit seiner menschlichen Art und seiner Spielweise die Herzen der Fans, der Mitarbeiter und der Spieler gewonnen. Roses Wort ist Gesetz in Gladbach, er wird nahezu verehrt. Entsprechend hart würde den Klub sein Abgang treffen.

Viele Spieler hängen an Rose

Denn neben der Tatsache, dass dadurch die sportliche Entwicklung gestoppt werden würde, war Rose auch für viele Spieler ein Grund dafür, in Gladbach zu bleiben, als er kam. Zakaria und Elvedi waren nach Informationen von sportschau.de zwei Spieler, die sich Gedanken um ihre Zukunft in Gladbach machten, sich nach dem Trainerwechsel aber schnell bekannt haben, zu bleiben.

Ihre Vorstellungen haben sich wie die vieler anderer Spieler erfüllt, zahlreiche Profis haben sich unter Rose weiterentwickelt. Florian Neuhaus, Jonas Hofmann und Marcus Thuram sind zu Nationalspielern geworden, andere haben sich dank der Leistungen im Klub in ihren Heimatteams zu Stammspielern entwickelt. Geht Rose, droht die Mannschaft vielleicht nicht unbedingt auseinander zu brechen, einen Aderlass dürfte es aber schon geben.

Spieler setzten sich hohe Ziele

Und dann ist da noch die sportliche Situation. Dass Gladbach erstmals in der Klub-Geschichte das Achtelfinale der Champions League erreicht hat, ist ein riesiger Erfolg, das Überwintern im DFB-Pokal ebenfalls erfreulich. Aber die Gefahr ist durchaus gegeben, dass die Borussen am Ende der Saison mit leeren Händen dastehen oder sich mit der Europa League begnügen müssten. Die Verantwortlichen würden das zwar als Erfolg verkaufen, die Spieler würden das aber anders sehen.

Denn Profis wie Thuram, Neuhaus oder Keeper Yann Sommer, bei denen aktuell kein Abgang droht, sehen sich weiter in der Champions League. Sich erneut für die zu qualifizieren, wird aber ein enormer Kraftakt. So erfolgreich Rose und Co. im aktuellen Wettbewerb auch sind, ist es dennoch sehr unwahrscheinlich, dass Gladbach in der nächsten Saison als Titelverteidiger in die Königsklasse geht. Bliebe nur der Weg über die Liga.

Großer Rückstand auf die größten Konkurrenten

Sechs Punkte hat Gladbach aktuell schon Rückstand auf die Top vier. Dass Borussia Dortmund gerade noch gar nicht zu diesem Kreis gehört, dürfte den Borussen auch nicht gelegen kommen, ist doch eine Leistungssteigerung in Dortmund zu erwarten. Bayer Leverkusen und RB Leipzig, die eigentlich als die großen Widersacher im Kampf um Platz vier gelten, sind schon auf zehn Punkte enteilt.

Sportlich und personell ist die Situation also durchaus angespannter als sie bei all der Zufriedenheit den Anschein macht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Dreifachbelastung den Gladbachern in dieser Saison Probleme bereitet, im neuen Jahr wird es da auch keine Entspannung geben.

Stand: 28.12.2020, 05:00

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