Bayern gegen Leipzig - Spitzenspiel unter französischem Einfluss

Leipziger Leistungsträger: Christopher Nkunku, Dayot Upamecano und Nordi Mukiele

Topspiel FC Bayern gegen RB Leipzig

Bayern gegen Leipzig - Spitzenspiel unter französischem Einfluss

Von Frank Hellmann

Spitzenreiter FC Bayern München und Verfolger RB Leipzig duellieren sich am Samstag (18.30 Uhr) in der Bundesliga. Beide Klubs setzen verstärkt auf Profis aus Frankreich. DFB-Akademieleiter Tobias Haupt erklärt, was französische Jungprofis so begehrt macht.

Tobias Haupt nennt es einen "Pflichttermin". Das Spiel zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig (Samstag 18.30 Uhr) lässt sich auch der Leiter der Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht entgehen. Der gebürtige Bayer, der während der Pandemie im Wochenwechsel aus München und Frankfurt tätig ist, schaut beim Kräftemessen am heimischen Fernseher genau hin.

Er freue sich auf das Duell "von zwei der spannendsten deutschen Mannschaften", sagt der 36-Jährige im Gespräch mit sportschau.de. Der Champions-League-Sieger und der -Halbfinalist bleiben auf absehbare Zeit "mit ihren starken Trainerpersönlichkeiten" (Haupt) stilprägende Trendsetter.

Zusammen mehr Franzosen im Einsatz als bei Paris St.Germain

Offenkundig ist, dass die deutschen Spitzenvereine immer stärker einem französischen Einfluss unterliegen. Das Gipfeltreffen ist ein Beleg dafür.

Die French Connection des FC Bayern beim Champions-League-Sieg

Die French Connection des FC Bayern beim Champions-League-Sieg

Die Bayern beschäftigen mit den Weltmeistern Benjamin Pavard, Lucas Hernandez, Corentin Colisso und Kingsley Coman vier französische Nationalspieler. Nach dem Champions-League-Triumph in Lissabon im Sommer schoss die French Connection der Bayern ein vielköpfiges Erinnerungsbild; da war auch noch Michael Cuisance dabei. Der ist nun nicht mehr da, dazu kommen seit dieser Saison noch das Toptalent Tanguy Nianzou und Nachverpflichtung Bouna Sarr dazu.

Leipzig setzt aktuell auf vier französische Stützen (Dayot Upamecano, Ibrahima Konaté, Nordi Mukiele, Christopher Nkunku), zuletzt beim Champions-League-Gruppenspiel in Istanbul besetzten drei Franzosen (Upamecano, Konaté und Mukiele) die Viererkette.

Zum Vergleich: Paris St. Germain als das Topteam der Ligue 1 hat neun einheimische Akteure in der laufenden Spielzeit eingesetzt.

Franzosen sind die zweitgrößte Gruppe hinter den Österreichern

Der Anteil französischer Spieler in der deutschen Bundesliga ist hingegen stetig gestiegen: Diese Saison sind 30 Akteure aus dem Nachbarland am Ball, nur die Österreicher (31) bilden eine größere Fraktion. In der Saison 2012/2013, als sich zum Schluss der Bayern und Borussia Dortmund im Champions-League-Finale in Wembley duellierten, hatten gerade mal drei Franzosen in der Bundesliga eine Anstellung gefunden.

Bayern und Leipzig sind nicht die einzigen mit zunehmender frankophiler Ader: Auch Borussia Mönchengladbach setzt in der Offensive auf seine Topstürmer Alassane Plea und Marcus Thuram.

Für Haupt ist die Entwicklung kein Zufall: "Die Masse an Toptalenten ist seit einiger Zeit ein Vielfaches höher als bei uns. Wir hatten davor extrem gute Talentjahrgänge, jetzt ist in Frankreich ein Höhepunkt dieser Welle festzustellen. Während unsere Talente teils wenig Spielmöglichkeiten haben, erhalten französische Junioren-Nationalspieler fast überall auf höchstem Niveau ihre Einsätze."

Bolzplatzmentalität wird in den Banlieues vermittelt

Die Nachwuchsförderung funktioniert in Frankreich vorzüglich, "Individualität, Kreativität, aber auch der Mut, Fehler zu machen", erklärt Haupt, würden dort gleichermaßen gefördert. Der Akademieleiter hat in der Analyse zwei Hauptgründe herausgearbeitet: Zum einen würde in den Banlieues, den teils berüchtigten Vorstadtvierteln, jene Bolzplatzmentalität vermittelt, die hierzulande oft verloren gegangen ist.

Einher gehe oft ein großer Wille, durch den Fußball den sozialen Aufstieg zu schaffen. Ohne Durchsetzungsvermögen geht hier nichts. Zum anderen ermögliche das zentrale System Frankreichs zielgerichtete Fördermaßnahmen, erklärt Haupt. So werden die 40 besten 13- bis 15-jährigen Nachwuchskicker am Verbandsstützpunkt in Clairefontaine vor den Toren von Paris zusammengezogen, um eine junge Elite auszubilden. Diesen Weg ist PSG-Weltstar Kylian Mbappé gegangen.

DFB tauscht sich mit dem französischen Verband aus

DFB-Akademieleiter Tobias Haupt

DFB-Akademieleiter Tobias Haupt

Haupt tauscht sich regelmäßig mit Franck Thivilier, dem Technischen Direktor und Leiter der Pro-Lizenz-Ausbildung in Frankreichs Fußballverband (FFF) aus. Die Trainerausbildung sieht er als weitere Stellschraube an, die Zukunft im Nachwuchsfußball zu gestalten.

So würden sich Trainer und Talente immer wieder Feedback geben - auch da kann der DFB gerade von den FFF-Kollegen lernen, glaubt Haupt. Teilweise gibt es auch auf den ersten Blick überraschende Ansätze. "In Frankreich arbeiten zum Beispiel mehr Trainer in höherem Alter mit den Talenten." Weil vielleicht Lebenserfahrung für Jugendliche wichtiger ist als Taktikexpertise.

Der Chef der DFB-Akadamie hält daher fest: "Wir sind gerade dabei, die Ausbildung und Wettbewerbsstrukturen so zu verändern, dass sich unsere Talente in Zukunft wieder optimal entwickeln können. Gleichzeitig müssen wir andere inhaltliche Schwerpunkte in der Talententwicklung in den Leistungszentren setzen und unseren Talenten auch entsprechende Spielmöglichkeiten auf dem Platz verschaffen. Das schaffen wir nur, wenn alle Akteure im deutschen Fußball an einem Strang ziehen."

Technisch und taktisch top ausgebildet

In Leipzig setzen sie schon länger auf Kicker aus dem Nachbarland. Als Ralf Rangnick noch bei RB Leipzig das Sagen hatte, erklärte der Projektleiter unverhohlen die Vorliebe für französische Jungprofis, die perfekt ins Konzept passen. "Wir suchen nach Spielerin, die Straßenfußball-Kultur haben, mit einer guten technischen und taktischen Ausbildung. Frankreich ist dafür ein exzellenter Markt."

Unter dem Brausedach reifen diese Spieler auch deshalb, weil Gérard Houllier, erfolgreicher Vereinstrainer in Frankreich, als Global Sports Director unterwegs ist, der bei Transfers französischsprachiger Spieler schon mal entscheidende Tipps gab.

Sadio Mané oder Naby Keita, jetzt beim FC Liverpool, heuerten deshalb in jungen Jahren zuerst bei Red Bull Salzburg an. Genau wie Rangnick preist auch RB-Sportdirektor Markus Krösche die Vorzüge: "Das Ausbildungsniveau bei den französischen Jugendmannschaften ist sehr gut - sowohl in taktischer als auch in technischer Hinsicht. Das macht diese Talente grundsätzlich für viele Vereine attraktiv."

Um den 18-jährigen Tanguy Nianzou buhlten beide Klubs

Der FC Bayern besann sich auf den französischen Nachwuchs später als RB Leipzig. 2019 heuerten die Weltmeister Pavard und Hernandez gemeinsam für festgeschriebene Ablösen an der Säbener Straße an: Damit war das Außenverteidigerpaar vom WM-Titel 2018 in München vereint.

Diesen Sommer lockte der Triplesieger Frankreichs Toptalent Nianzou. Der in Paris geborene Verteidiger, 18 Jahre jung, gab gerade beim 3:1-Sieg beim VfB Stuttgart vergangenen Samstag (28.11.2020) sein Bundesligadebüt.

"Einer der besten Spieler Europas in seinem Jahrgang", sagte Bayerns Sportvorstands Hasan Salihamidzic bei der Vorstellung, als er von den Qualitäten in der Spieleröffnung, der Technik und der Kopfballstärke schwärmte. Der bei PSG ausgebildete Abwehrmann hätte das Potenzial, glaubt auch Rangnick, "einer der besten Innenverteidiger der nächsten zehn Jahre zu werden". Kein Wunder, dass auch Leipzig den 1,87-Meter-Modellathleten auch nur allzu gerne unter Vertrag genommen hätte.

Nianzou ist nicht der einzige Franzose, den beide Teams wollen. Hartnäckig hält sich in der Branche die Vermutung, dass Abwehrass Upamecano entweder 2021 oder 2022 von Leipzig nach München wechselt. Der Innenverteidiger mit Türsteher-Erscheinung bringt alles mit, was ein moderner Abwehrspieler haben sollte: Er ist schnell, robust, technisch gut und kann ein Spiel lesen. Trainer Julian Nagelsmann sieht in ihm "eine Naturgewalt", die er nur ungern dem Kollegen Hansi Flick überlassen würde.

Unterschiede zeigen sich auch bei Nationalmannschaften

Der qualitative Unterschied der deutschen und französischen Jahrgänge zeigt sich auch in den Nationalmannschaft. DIe DFB-ELf taumelt auch und gerade wegen der eklatanten Defensivschwäche durchs Coronajahr 2020. Noch immer wird debattiert, ob Joachim Löw nicht doch Mats Hummels, 31, oder sogar Jerome Boateng, 32, zur Stabilisierung der brüchigen Deckung zurückholen sollten.

Löw-Kollege Didier Deschamps dagegen kann es sich leisten, bei so hoch veranlagten Legionären wie Upamecano, Konaté und bald wohl auch Nianzou in aller Ruhe abzuwarten, ob diese in Deutschland zu Weltklassespielern reifen. Löw wäre wohl schon froh, wenn er nur einen aus dieser Kategorie im Blickfeld hätte - aber da ist weit und breit niemand mit solchen Veranlagungen.

Stand: 03.12.2020, 17:57

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