Philippe Coutinho - ein großes Versprechen

Philippe Coutinho

Neuzugang des FC Bayern

Philippe Coutinho - ein großes Versprechen

Von Marco Schyns

Beim FC Liverpool war Philippe Coutinho eine Identifikationsfigur und reifte zum Weltklasse-Spieler. In Barcelona blieb er aber nur ein großes Versprechen. Wie geht es für den Brasilianer in München weiter?

Am 7. Dezember 2017 führte Philippe Coutinho den FC Liverpool erstmals als Kapitän aufs Feld. Es war eine besondere Geste seines Trainers Jürgen Klopp, die dem abwanderungswilligen Brasilianer zeigen sollte, welche Wertschätzung er in Liverpool genießt. Kein Spieler stand zu jenem Zeitpunkt länger im Kader der "Reds", Coutinho war - allen Abwanderungsgedanken zum Trotz - eine Identifikationsfigur in Anfield. Und doch verließ er nur gut einen Monat später den Klub.

Klopp ordnet die Situation von damals heute so ein: "Es klingt komisch, aber wir konnten ihn uns nicht leisten. Barcelona hat uns sozusagen mit Geld gezwungen, ihn abzugeben." Coutinho hat es seinem alten Arbeitgeber in jenem Winter noch einmal schwerer gemacht, diese Entscheidung zu treffen. In seinen letzten vier Spielen vor dem Wechsel erzielte der Brasilianer drei Treffer und bereitete zwei weitere vor. Am Boxing Day durfte er die Mannschaft ein drittes und letztes Mal als Kapitän anführen.

Coutinho wurde in Liverpool zum Weltklassespieler

Liverpool war seine Heimat, die Fans liebten den quirligen Brasilianer mit dem feinen Fuß. Klopp hatte ihn in deren gemeinsamer Zeit noch einmal auf ein völlig neues fußballerisches Level gehoben. Ob Linksaußen oder auf der "Zehn" - Coutinho überzeugte bei den "Reds" nicht nur mit Toren und Vorlagen. Mit seiner Schnelligkeit und Wendigkeit schaffte er Räume, für die Gegenspieler war Coutinho nur schwer zu greifen.

Kovac schwärmt von Coutinho - Brasilianer noch nicht bereit für Startelf

Sportschau 22.08.2019 01:44 Min. Verfügbar bis 22.08.2020 ARD Von BR-Reporter Philipp Nagel

Jubel und Freude: Coutinho im Trikot des FC Liverpool

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Ob als Ballverteiler im Mittelfeld oder als Mann für den letzten Pass in den Strafraum - die meisten Angriffe liefen über den 1,72 Meter großen Brasilianer, der es in fünf Jahren Premier League auch geschafft hat, sich körperlich anzupassen. Als er 2013 im Alter von 21 Jahren von Inter Mailand auf die Insel kam, war Coutinho ein großes Versprechen. Als er England im Januar 2018 in Richtung Barcelona verließ, zählte er zu den besten Spielern der Welt. Die Statistiken alleine unterstreichen das: 41 Tore und 37 Torvorlagen in 152 Premier-League-Spielen.

Riesige Erwartungshaltung in Barcelona

Frust und Ärger: Coutinho im Trikot des FC Barcelona

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Barcelona war das Gesamtpaket Coutinho rund 145 Millionen Euro (plus Bonuszahlungen) wert. Nur Neymar (222 Mio. Euro) war jemals teurer. Genau den sollte Coutinho damals ersetzen. Und genau das wurde ihm in den vergangenen eineinhalb Jahren offenkundig zum Verhängnis. Schon zu Beginn war mit der Ablöse, seiner Rolle im Team und den nachgewiesenen Stärken in Liverpool eine Erwartungshaltung entstanden, der Coutinho nicht standhalten konnte.

Zwei Monate dauerte es bis zu seinem ersten Treffer. In seinem ersten halben Jahr bestritt Coutinho nur sechs von 22 Spielen über die volle Distanz. Zwei davon in den letzten drei Partien, als Barcelona bereits Meister war. Der Druck war weg - und Coutinho glänzte. Er traf beim 5:1 gegen Villarreal, erzielte das einzige Tor beim 1:0 gegen Real Sociedad und machte den zweiten Hattrick seiner Karriere gegen UD Levante.

Des Meisters neue Spieler Sportschau 20.08.2019 01:31 Min. Verfügbar bis 20.08.2020 Das Erste

Kritik von der spanischen Presse

Gut 15 Monate später steht fest: Es blieb bei diesem einen, absolut herausragenden Auftritt Coutinhos im Trikot des FC Barcelona. Ansonsten blieb er nicht nur unter seinen Möglichkeiten, sondern präsentierte sich häufig erschreckend schwach. Die spanische Presse, die nach seinem Wechsel zu FC Bayern München jüngst den Charakter des Brasilianers in Frage stellte, schob das auf ein Positionsproblem.

Statt auf seiner besten Position im offensiven Mittelfeld, kam er bei Barcelona meist auf Linksaußen zum Einsatz. Und Coutinho sei, so die Sportzeitung "Sport", "zu gut erzogen", um ein solches Problem mit dem Trainer zu besprechen. Tatsächlich ist der Brasilianer nicht dafür bekannt, schlechte Stimmung zu machen oder sich in irgendeiner Weise medienwirksam zu inszenieren. Er wirkt vielmehr schüchtern und zurückhaltend.

Kovac muss eine geeignete Rolle finden

Jene Charakterzüge könnten für den FC Bayern eine große Chance sein. Denn vor allem Coutinhos Zeit unter Klopp beweist: Wenn der 27-Jährige das Vertrauen des Trainers genießt und das Umfeld ihn zu schätzen weiß, kann Coutinho seine Stärken entfalten - unabhängig von der Position. Denn auch wenn Liverpools 4-3-3-System etwas variabler ist als das des FC Barcelona: Bei den "Reds" hat er häufiger Linksaußen als zentral gespielt. Erst mit dem Transfer von Sadio Mané rückte Coutinho in die Zentrale.

Die Verantwortlichen beim FC Bayern, allen voran Trainer Niko Kovac, stehen nun vor der schwierigen Aufgabe, einen Weltklasse-Spieler zu integrieren und eine geeignete Rolle für ihn zu finden - ohne dass dabei ein Leistungsdruck erzeugt wird, wie ihn Coutinho schon in Barcelona erlebt hat. Gelingt das, könnte es tatsächlich ein Transfercoup der Münchner sein. Gelingt das nicht, bleibt Coutinho auch in München nur ein großes Versprechen.

Stand: 23.08.2019, 09:26

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