FC Bayern - Niko Kovac hat wenig Zeit für viele Baustellen

Niko Kovac

Trainerdiskussion in München

FC Bayern - Niko Kovac hat wenig Zeit für viele Baustellen

Von Patrick Stricker

Angespannte Tage beim FC Bayern München: Nach der krachenden Niederlage bei Eintracht Frankfurt soll Niko Kovac vorerst Trainer bleiben. Zeit zum Beheben der Fehler bleibt wenig, die Bestandsaufnahme der Probleme ist umso wichtiger.

In einem der emotionalsten und lautesten Momente des Nachmittags war Niko Kovac ganz alleine. In der äußersten Ecke seiner Coaching Zone stand er da, regungslos, um ihn herum 51.500 größtenteils jubelnde Fußballfans in der Frankfurter Arena. Nach ein paar Sekunden bückte er sich, hob seine Trinkflasche vom Boden auf, nahm einen Schluck und trottete schließlich zur Trainerbank. Wenige Momente zuvor hatte Eintracht Frankfurt den Treffer zum 5:1-Endstand erzielt.

Eine Niederlage, die die kritische Situation des 48-Jährigen beim Rekordmeister weiter verschärft. Dieser Eindruck verfestigte sich noch im Laufe des Samstagabends (02.11.2019), als außer ihm und Torwart Manuel Neuer kein Münchner Stellung beziehen wollte zu dem, was in den vorangegangen 90 Minuten passiert war. Präsident Uli Hoeneß, der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, Sportdirektor Hasan Salihamidzic sowie der Großteil der Spieler verließen das Stadion, ohne sich öffentlich zu äußern. Und ohne Kovac den Rücken zu stärken.

Wie kann der FCB so auseinanderfallen? 

Am Sonntag sickerte dann durch: Kovac darf seinen Job behalten - vorerst zumindest. Der Trainer soll die Münchner auch am Mittwoch in der Champions League gegen Olympiakos Piräus und im noch wichtigeren Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund am Samstag betreuen. Dann, so schreibt es die "Bild-Zeitung", werde Kovacs Situation und Zukunft neu bewertet. Von einer Endspielwoche berichteten auch weitere Medien, die Informationen decken sich mit denen des Bayerischen Rundfunks. 

Eine Woche - streng genommen ja nur sechs Tage - ist wenig Zeit für Kovac und sein Team, um die Probleme, die die Mannschaft in Frankfurt abermals offenbarte, in Angriff zu nehmen. Die zentrale Frage: Wie kann der deutsche Serienmeister derart auseinanderfallen? Einfachste Antwort: Weil er nach der unnötigen, aber berechtigten Roten Karte gegen Jérôme Boateng rund 80 Minuten in Unterzahl agierte und sich damit in der seit Wochen ungewohnt wackligen Innenverteidigung zusätzlich schwächte. Das ist richtig, aber auch nur ein Teil der Analyse.

Coutinho fremdelt mit seiner Rolle im Spielaufbau

Denn selbst wenn die Bayern in Unterzahl agieren, das ist kein Geheimnis, sind sie stets in der Lage, konkurrenzfähig zu bleiben. Gegen Ende der ersten Halbzeit, also schon weit nach dem Platzverweis, hatten sie ihre beste Phase, weil das Frankfurter Pressing etwas nachgelassen hatte und die Gäste ihren Ballbesitz von der eigenen in die gegnerische Hälfte verlagern konnten. Auch wenn der zwischenzeitliche 1:2-Anschlusstreffer durch Robert Lewandowski eine willensstarke Einzelleistung des Polen war: Die Eintracht konnte sich in diesem Moment nicht sicher sein, den Vorsprung über die Zeit zu retten. 

Eine Einschätzung, die sich nach dem Seitenwechsel in Luft auflöste. Und das lag nicht nur daran, dass die Hausherren den zusätzlichen Platz bei Kontern und Standardsituationen perfekt ausnutzten. München kam so gut wie nie dazu, selbst einmal einen Angriff flüssig vorzutragen. Allen voran Philippe Coutinho schien im Spielaufbau immer wieder zu fremdeln. Die besten Belege dafür stammen bereits aus der ersten Halbzeit.

Keine Abstimmung, keine Kommunikation, kein Laufweg

Bei einem zu hastig gespielten Pass von Joshua Kimmich nach gut 20 Minuten stand der Brasilianer überdeutlich im Abseits – Kommunikation, Abstimmung oder gar ein durchdachter Laufweg waren hier nicht zu erkennen. Kurz vor dem Pausenpfiff misslang ihm dann selbst ein Zuspiel, als er einen FCB-Vorstoß auf den rechten Flügel verlagern wollte, der Ball aber mit reichlich Abstand zu Mit- und Gegenspielern ins Aus flog.

Coutinho, obwohl auf einer zentralen Position unterwegs, lieferte bis zu seiner Auswechselung in der 57. Minute unterdurchschnittliche Statistiken: 7,68 gelaufene Kilometer, nur drei gewonnene Zweikämpfe, 39 Ballbesitzphasen und 26 gespielte Pässe. Eine Leistung, die sich auf weite Teile seiner Mitspieler übertrug. Fazit: Defensive Instabilität und ein holpriger Spielaufbau sind zwei riesige Baustellen, die selbst der Rekordmeister nicht innerhalb von 90 Minuten beheben kann.

Kovac: "Ich gebe nie auf"

Während der Pressekonferenz im Nachgang der Partie sah sich Kovac daher gleich mehrfach mit einer Frage konfrontiert: Wie will er diese Fehler abstellen und die Mannschaft wieder aufrichten? In seinen Antworten blieb der Coach, sichtlich gezeichnet von der deutlichen Niederlage bei seinem Ex-Klub und mit einer angekratzten Stimme, schmallippig. "Wir müssen die Niederlage abschütteln und die Köpfe freibekommen. Im körperlichen Bereich können wir jetzt nichts machen", sagte er. "Wir müssen die Fehlpässe abstellen." Und wie geht er persönlich mit der Lage um?

Kovac: "Ich bin nicht naiv oder blauäugig" Sportschau 02.11.2019 00:27 Min. Verfügbar bis 02.11.2020 Das Erste

"Ich bin nicht naiv und nicht blauäugig. In der letzten Saison hatten wir eine ähnliche Situation, am Ende sprang das Double raus. Ich gebe nie auf." Zumindest in den kommenden zwei Spielen darf Niko Kovac genau das unter Beweis stellen.

Fußball · Bundesliga · 10. Spieltag 2019/2020

Samstag, 02.11.2019 | 15.30 Uhr

Wappen Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt

Rönnow – Abraham, Hinteregger, N´Dicka – G. Fernandes (80. A. Silva) – da Costa, Rode (71. Gacinovic), Sow, Kostic – Dost (64. Kamada), Paciencia

5
Wappen Bayern München

Bayern München

Neuer – Pavard, Boateng, Alaba, Davies – Kimmich, Thiago – Müller (64. Javi Martinez), Philippe Coutinho (57. Coman), Gnabry (69. Goretzka) – Lewandowski

1

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 1:0 Kostic (25.)
  • 2:0 Sow (33.)
  • 2:1 Lewandowski (37.)
  • 3:1 Abraham (49.)
  • 4:1 Hinteregger (61.)
  • 5:1 Paciencia (85.)

Strafen:

  • gelbe Karte Ulreich (1 )
  • rote Karte Boateng (9./Notbremse)
  • gelbe Karte Kimmich (3 )
  • gelbe Karte Kamada (2 )

Zuschauer:

  • 51.500

Schiedsrichter:

  • Markus Schmidt (Stuttgart)

Vorkommnisse:

  • Rote Karte für Boateng (Bayern) nach Videobeweis. Foulelfmeter sowie Gelbe Karte für Boateng zurückgenommen (9.). Gelbe Karte für Ulreich (Bayern) auf der Ersatzbank (51.).

Stand der Statistik: Samstag, 02.11.2019, 19:32 Uhr

Wappen Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt

Wappen Bayern München

Bayern München

Tore 5 1
Schüsse aufs Tor 11 3
Ecken 3 0
Abseits 2 3
gewonnene Zweikämpfe 79 94
verlorene Zweikämpfe 94 79
gewonnene Zweikämpfe 45,66 % 54,34 %
Fouls 12 7
Ballkontakte 539 750
Ballbesitz 41,82 % 58,18 %
Laufdistanz 117,21 km 103,64 km
Sprints 219 218
Fehlpässe 65 78
Passquote 82,09 % 86,17 %
Flanken 10 6
Alter im Durchschnitt 26,7 Jahre 27,2 Jahre

dpa | Stand: 03.11.2019, 15:43

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