Schürrle und der Fluch seiner Ablösesummen

Andre Schürrle (r) jubelt mit Torschütze Mario Götze beim Finale der WM 2014

Karriereende des Weltmeisters mit 29 Jahren

Schürrle und der Fluch seiner Ablösesummen

Von Christian Hornung

Ohne seinen Assist im Finale 2014 in Rio wäre Deutschland vielleicht nicht Weltmeister geworden. Sein Fußballglück hat André Schürrle danach aber nie mehr gefunden, möglicherweise auch wegen der irren Ablösesummen, die die Klubs für ihn zahlten - eine Analyse.

Es klingt nach einer frustrierten Abrechnung mit seiner Branche, was Schürrle gerade dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" erzählt hat. Er hätte "immer eine Rolle spielen müssen, um in dem Business zu überleben", sagt er kurz nach seiner Vertragsauflösung bei Borussia Dortmund: "Die Tiefen wurden immer tiefer, die Höhepunkte immer weniger. Verletzlichkeit und Schwäche dürfen zu keinem Zeitpunkt existieren, es zählt nur die Leistung auf dem Platz."

Warum "Weichei"?

Ein Standard-Stammtisch-Reflex auf solche Aussagen lautet: "Na, dafür ist der arme Kerl aber auch fürstlich entlohnt worden." Mitleid oder zumindest Mitgefühl bei sehr hohem Verdienst - das schließt sich bei vielen Beobachtern oder Kommentatoren in den Sozialen Netzwerken meistens aus. Aber warum eigentlich?

André Schürrle - die Höhepunkte seiner Karriere Sportschau 17.07.2020 00:57 Min. Verfügbar bis 17.07.2021 Das Erste

Warum muss man ein "Weichei" sein, wenn man auch mit 29 Jahren eine solch konsequente Entscheidung trifft? Warum muss man sich wie Marcell Jansen, der ebenfalls mit 29 Schluss machte, von einem Sportvorstand wie Leverkusens Rudi Völler vorhalten lassen, man habe den Fußball nie geliebt? Schürrle hat den Fußball geliebt, sagt er, und zwar vor allem bei der Weltmeisterschaft in Brasilien, das sei "die geilste Zeit meines Lebens" gewesen. Und die Nationalmannschaft war für ihn wie "ein Nest".

Kein Ablöse-Stress im DFB-Trikot

André Schürrle stemmt den WM-Pokal beim Finale 2014

André Schürrle stemmt den WM-Pokal beim Finale 2014

Der Teamgeist und der Erfolg des DFB-Teams mögen dabei sicher eine große Rolle gespielt haben. Aber vielleicht war es zusätzlich auch so, dass Schürrle im Kreis der anderen Nationalspieler zur Abwechslung mal für ein paar Wochen nicht dem Druck der aberwitzigen Ablösesummen ausgesetzt war. Wenn Schürrle für Deutschland eine Chance vergab oder einen krassen Fehlpass spielte, dann schloss sich dort ein "Post" wie "... und für den haben die auch noch 30 Millionen bezahlt" eben aus.

In seinen Vereinen las Schürrle immer wieder solche Kommentare über sich, und er war nach eigener Aussage ein Typ, der sich Kritik enorm zu Herzen nahm. Weil sich die Erwartungen an einen Profi sehr oft über seine Ablösesummen definieren, stand der 57-malige Nationalspieler immer unter besonderem Stress: Es begann mit 8,5 Millionen Euro, die Bayer Leverkusen für ihn an den 1. FSV Mainz überwies, es folgten 22 Millionen (Chelsea an Leverkusen), 32 Millionen (Wolfsburg an Chelsea) und nochmal 30 Millionen, die Borussia Dortmund an Wolfsburg zahlte.

André Schürrle beendet seine Karriere

Sportschau 17.07.2020 00:46 Min. Verfügbar bis 17.07.2021 ARD Von Daniela Müllenborn

In jedem vierten Spiel getroffen

Stolze 92,5 Millionen Euro hat Schürrle an Transfererlösen eingespielt. Fußball-Fans, die gegen diese Summen allein Tore und Vorlagen rechnen möchten, dürften ihn eigentlich gar nicht mal so hart kritisieren: Sowohl in der Bundesliga (51 Treffer in 209 Einsätzen) als auch in der Premier League (17/68) hat er in jeder vierten Partie getroffen. Dazu kamen noch 40 Vorlagen.

Bei seiner letzten Station als Leihgabe an Spartak Moskau kam dann nur noch ein Treffer in 13 Einsätzen dazu. Und offenbar hat Schürrle für sich selbst auch einfach analysiert, dass es nicht mehr für das Level reicht, welches mit seinem Namen immer verbunden wurde. Dann aufzuhören, ist höchst respektabel, kommt sehr selten vor, ist aber auch kein Einzelfall.

Odonkor, Rau und Deisler

Neben Schürrle und Jansen, die beide mit 29 Schluss machten, erkannte beispielsweise auch der einst (zu) früh zu den Bayern transferierte Tobias Rau mit 27 Jahren, dass er statt Fußball lieber studieren und Lehrer werden möchte. Die drei Ex-Nationalspieler Sebastian Deisler, David Odonkor und Stefan Reinartz waren ebenfalls noch keine 30, als sie aus unterschiedlichen Gründen ihre Karrieren beendeten. Das Recht dazu hatten sie alle.

Stand: 17.07.2020, 18:50

Darstellung: