Mainz gegen Werder - zwei Wege, ein Ziel

Bremens Trainer Florian Kohfeldt nach der 0-5-Niederlage gegen Mainz in der Hinrunde

Abstiegskampf in der Bundesliga

Mainz gegen Werder - zwei Wege, ein Ziel

Von Frank Hellmann

Für den SV Werder wird die Auswärtspartie beim FSV Mainz 05 (Samstag 15.30 Uhr) zu einem weiteren Endspiel um den Klassenerhalt. Der Gegner verfolgt unter dem früheren Bremer Kaderplaner Rouven Schröder eine ganz andere Philosophie, um fester Bestandteil der Bundesliga zu bleiben. Die Analyse.

Das Corona-Virus war in Deutschland noch nicht weit verbreitet, als sich Rouven Schröder und Christian Vander Anfang März in einem Hotel in Frankfurt direkt am Mainufer trafen. Kleiner Tisch, schummrige Beleuchtung. Der Sportvorstand des 1. FSV Mainz 05 und der Torwarttrainer von Werder Bremen tauschten sich am Rande des Bremer Pokalspiels in Frankfurt aus, beide sind über den Fußball zu Freunden geworden.

Rouven Schröder

Der Mainzer Sportvorstand Rouven Schröder

Die beiden eint nicht nur die Erscheinung, sondern auch die Erfahrungen Anfang des Jahrtausends beim VfL Bochum. 2001 ging es für den Abwehrspieler Schröder und den Ersatztorwart Vander gemeinsam runter in die zweite Liga. Man traf sich wieder, als Schröder 2014 in Bremen eine Anstellung als Kaderplaner bekam. Bis 2016 arbeitete Schröder unter Manager Thomas Eichin bei Werder, ehe er das Angebot annahm, den Mainzer Allesmacher Christian Heidel zu beerben.

Psychologischer Vorteil für die Nullfünfer

Schröder, 44, und Vander, 39, behielten ihren guten Draht. Doch nun hat die Männerfreundschaft mal kurz Pause. Zu viel steht auf dem Spiel. "Für Werder geht es um alles", weiß der Mainzer Macher. Der psychologische Vorteil liegt auf Seiten der Gastgeber: Die Rheinhessen haben sechs Punkte mehr und die um acht Treffer bessere Tordifferenz gegenüber den Hanseaten.

Schröder warnt allerdings: "Werder Bremen hat unter dem höchsten Druck seine besten Spiele gemacht. In Freiburg, in Paderborn. Auch gegen Bayern war es ein hervorragendes Spiel, ein 1:1 wäre absolut verdient gewesen." Tatsächlich spielt Werder seit dem Re-Start nicht wie ein Absteiger. Cheftrainer Florian Kohfeldt ist am Spielfeldrand enorm präsent und gibt sich kämpferisch. "Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren und wollen an fußballerischen Lösungen arbeiten", verlangt der 37-Jährige.

Bremer haben Fitnessdefizite aufgeholt

Nur kämpfen, kratzen, beißen ist nicht sein Anspruch, wohl wissend, dass Bremen mit Feingeistern wie Milot Rashica, Yuya Osako und Leonardo Bittencourt auch gar nicht die Spielertypen dafür hat. Gleichwohl ist der ehrenwerte spielerische Ansatz immer dann schiefgegangen, wenn die entsprechende kämpferische Haltung nicht hinterlegt war: etwa beim peinlichen 0:5 gegen die Mainzer am vorletzten Hinrundenspieltag. "Wenn ich nur ein Milligramm spüren würde, die Mannschaft denkt, das spielerisch in Mainz lösen zu können, dann werde ich so laut wie noch nie. Aber es gibt keine Anzeichen", versichert Kohfeldt.

Kohfeldt: "Es geht nur darum, in Mainz zu gewinnen" Sportschau 19.06.2020 02:31 Min. Verfügbar bis 19.06.2021 Das Erste

Werder Bremens Joshua Sargent enttäuscht nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen

Werder Bremens Joshua Sargent enttäuscht nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen

Kampfgeist, Teamgeist und Leidenschaft stimmen wieder. Die Grün-Weißen wirken nach der Saisonunterbrechung körperlich präsenter und auch psychisch stabiler. Die Fitnessdefizite sind aufgeholt, zudem zeigt die Zusammenarbeit mit dem Mentaltrainer Jörg Löhr offenbar Wirkung. Doch im schlimmsten Fall reichen für Werder nicht mal zwei Siege, wenn gleichzeitig noch Fortuna Düsseldorf die optimale Ausbeute einfährt.

Mainzer Vorschlag im Spaß: Heimrecht einfach tauschen

Die Mainzer Devise ist einfach. Schröder: "Wir haben den klaren Auftrag, noch einmal die Leistung aus Dortmund abzurufen. Unser Ziel muss sein, den Klassenerhalt in Mainz zu feiern." Der selbst ernannte Karnevalsverein will daheim ein "Humba, Humba, Täterä!" auf das zwölfte Jahr ununterbrochen in der Bundesliga anstimmen, auch wenn die eigenen Fans fehlen. Doch genau wie die Bremer, die in dieser missratenen Saison gerade erst ein einziges Heimspiel gegen den FC Augsburg (3:2) am 1. September 2019 gewinnen konnten, ist Mainz in Corona-Zeiten von einer chronischen Heimschwäche geplagt - und hat gegen Leipzig (0:5), Hoffenheim (0:1) und Augsburg (0:1) verloren. Schröder hat schon den Scherz gemacht, das Heimrecht einfach zu tauschen.

Eine weitere Heimniederlage würde in Mainz wieder alles ins Wanken bringen, denn das letzte Spiel steigt bei Bayer Leverkusen. So viel Druck braucht niemand in einem Klub, der den letzten Abstieg 2007 erlebte, als noch ein gewisser Jürgen Klopp das Sagen hatte. Als die Mainzer Kultfigur nicht sofort wieder aufstieg, versammelten sich im Jahr darauf 15.000 Menschen auf dem Gutenbergplatz zur tränenreichen Verabschiedung.

Schwarz musste gehen, Kohfeldt durfte bleiben

Noch zu Klopps Zeiten hat Sandro Schwarz selbst gespielt. Schröder hat lange am gebürtigen Mainzer als Trainer festgehalten. Doch als sich die Misserfolge häuften, zog der Manager in der Hinrunde die Reißleine und holte den gerade beim 1. FC Köln geschassten Achim Beierlorzer, der mit einem 5:1 in Hoffenheim startete. Sollte Mainz unter dem 52 Jahre alten Franken der Klassenerhalt gelingen – und Werder mit dem Festhalten an Trainer-Eigengewächs Kohfeldt absteigen – hätte er viel richtig gemacht. Auch in der Kaderzusammenstellung könnten die Herangehensweisen kaum unterschiedlicher sein.

Der Mainzer Trainer Achim Beierlorzer

Der Mainzer Trainer Achim Beierlorzer

Während Werder-Geschäftsführer Frank Baumann vorrangig erfahrene Bundesliga-Spieler mit einem gewissen Namen verpflichtet oder ausgeliehen hat (Ömer Toprak, Leonardo Bittencourt, Kevin Vogt, Davie Selke), geht Schröder einen anderen Weg:  Unter seiner Regie werden vorwiegend junge Franzosen (Youssouf Niakaté, Jean-Philippe Mateta), begabte Spanier (Aaron Martin) oder verkannte Niederländer (Jeremiah St. Juste, Jean-Paul Boetius) nach Mainz gelotst, dazu eigene Talente aus dem Nachwuchsleistungszentrum gefördert.

Kritik an der Kaderzusammensetzung kam vom ehemaligen Kapitän Stefan Bell, der in einem SWR-Podcast sagte: "Ich würde mir mehr Spieler wünschen, die lange in Mainz bleiben. Wie früher. Die Fluktuation schadet der Mannschaft, der Hierarchie, der Spielweise, und macht es für die Fans ein Stück weit schwerer, sich zu identifizieren." Schröder will die Wege von Werder und Mainz gar nicht vergleichen: "Jeder hat seine eigene Philosophie. Du machst nicht immer 100 Prozent alles richtig. Die Betrachtung ist gefühlt oberflächlich und vielschichtig."

Bremer Kader kostet viel mehr als der Mainzer

Eine tiefere Analyse könne man gerne nach Saisonschluss angehen. Interne Berechnungen haben übrigens ergeben, dass die Mainzer Profis im Schnitt schon mehr als vier Jahre angestellt sind, insofern stimmen Bells Vorhaltungen nicht ganz. Was in der Betrachtung berücksichtigt werden muss: Mainz gibt für den Lizenzspieleretat knapp 38 Millionen aus, in Bremen sind es fast 50 Millionen Euro. Die Werder-Profis Maximilian Eggestein oder Davy Klaassen, auch Routiniers wie Theodor Gebre Selassie oder Niklas Moisander streichen Gehälter ein, die das Gefüge am Bruchweg sprengen würden.

Jean-Philippe Mateta vom 1.FSV Mainz 05

Aber das alles spielt am Samstag (20.06.2020) keine Rolle. Es geht darum, sich in dem jeweils wichtigsten Geisterspiel der Vereinsgeschichte durchzusetzen. Natürlich hat der Mainzer Manager mitbekommen, dass die Bremer Entourage stets eine Menge Radau auf den Rängen macht. Physiotherapeut Adis Lovic ist der Einpeitscher, der mit seinen Schlägen den Takt vorgibt. Jede gelungene Kombination wird von Ersatzspielern wie Sebastian Langkamp gefeiert. Doch nachahmen müsse man das Hämmern auf einen Medizinkoffer nicht. Schröder bemerkte süffisant: "Wir werden keinen Trommelkurs belegen."

Stand: 19.06.2020, 09:17

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