Werder Bremen und die Vorboten des Abstiegs

Davie Selke (Mitte) wird von drei Frankfurtern bedrängt

Werder Bremen - Eintracht Frankfurt 0:3

Werder Bremen und die Vorboten des Abstiegs

Von Frank Hellmann (Bremen)

Eine Heimbilanz zum Gruseln und Abwehrfehler in Endlosschleife: Beim SV Werder vergrößern sich nach dem 0:3 gegen Eintracht Frankfurt die Sorgen wieder dramatisch. Trainer Florian Kohfeldt betätigt sich zwar als Mutmacher, aber die Fakten sind eher entmutigend. Eine Analyse.

Die erdrückende Stille im Weserstadion, die erloschenen Lichter der großen Flutlichtmasten: Gespenstischer hätte die Atmosphäre in der Heimspielstätte von Werder Bremen nach der 0:3-Heimpleite im Weserstadion gegen Eintracht Frankfurt nicht sein können. In einem Nachholspiel, in dem es um sehr viel für die Grün-Weißen ging, blieb am Mittwochabend (03.06.2020) ein geisterhaftes Nichts übrig. Vielleicht war die Szenerie auch nur Vorbote für das, was sich am 27. Juni nach dem letzten Heimspiel gegen den 1. FC Köln bietet.

Eines ist gewiss: Wenn die Bremer den Rest der Saison so weiterspielen, ist der mit einem Jahr Unterbrechung immer erstklassige SV Werder am Ende des Monats nur noch zweitklassig.

Bremens Moisander: "Kleiner Rückschlag"

Sportschau 03.06.2020 01:37 Min. Verfügbar bis 03.06.2021 ARD Von Felix Gerhardt

Letzter Heimsieg liegt mehr als neun Monate zurück

Für den Klassenerhalt ist vor allem die Heimbilanz viel zu gruselig: Nur ein Mal, am 1. September 2019, gegen den damals völlig aus der Spur geratenen FC Augsburg (3:2), blieben die drei Punkte im Weserstadion.

Und nun hat auch noch das zarte Pflänzchen Hoffnung, mit sieben Punkten aus drei Spielen ohne Gegentor erwachsen, einen Knacks bekommen. "Wir haben nicht erwartet, jedes Spiel zu gewinnen“, sagte Trainer Florian Kohfeldt, der die "Eintracht auf keinen Fall drei Tore besser“ fand, aber der Daueroptimist musste auch zugeben: "Wir haben in der zweiten Halbzeit nicht mehr gemeinschaftlich gegen den Ball verteidigt.“

Wieder einmal hielten die Bremer Abwehrspieler, allen voran ihr überforderter Abwehrchef und Kapitän Niklas Moisander bei den drei Gegentoren von André Silva (60. Minute) und Stefan Ilsanker (81. und 90.) so viel Abstand, wie es sich Politiker bei der Berliner Schlauchboot-Party gewünscht hätten. Ein Fehlverhalten, das die ganze Saison und nun die Gegentore 60 bis 62 begleitete.

Frankfurts Ilsanker: "Verdienter Sieg"

Sportschau 03.06.2020 01:41 Min. Verfügbar bis 03.06.2021 ARD Von Felix Gerhardt

Hasebe vs. Vogt

"Eine sehr gute Flanke, aber wir müssen da nah am Mann bleiben und ich war zu weit weg", räumte der 34 Jahre alte Moisander sein Fehlverhalten beim 0:1 ein. Bis dahin hatten die Hanseaten den Gegner mit allen Mitteln - auch mit allerlei Gewese der Ersatzspieler und Getue von der Trainerbank bekämpft - letztlich aber waren "100 Prozent Mentalität und 99 Prozent Aufmerksamkeit“ (Kohfeldt) zu wenig, um einen vermeintlichen Mitkonkurrenten noch in den Abstiegskampf zu ziehen.

Frankfurt ist Werder auf zehn Punkte enteilt - und in der stabilen Verfassung auch nicht mehr einzufangen. Es war der entscheidende Schachzug von Trainer Adi Hütter, sich an die erfolgreiche Taktik der Vorsaison zu erinnern: mit der Systemumstellung auf Dreierkette und einem spielintelligenten Mittelmann Makoto Hasebe, der intuitiv weiß, wann er auf- oder einrücken muss.

Der 36 Jahre alte Japaner hielt das Zentrum dicht, steuerte das Aufbauspiel - genau das gelang auf der Gegenseite Kevin Vogt nämlich nicht, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Immer wieder rief Kohfeldt hinein, den verwaisten Sechser-Raum zu besetzen.

Eintracht wirkt reifer und robuster

In allen relevanten Statistiken - Torschüssen, Laufleistung, Ballbesitz, Zweikämpfen, Ecken - lagen die Teams fast gleichauf, aber unter dem Strich gewann die reifere, robustere und vor allem taktisch bessere Mannschaft. "Wir sind gut in Schuss, läuferisch und kämpferisch", sagte Hütter. Der Österreicher fand den Sieg "vollkommen verdient“ und lobte die "abgeklärte, sehr griffige, bissige zweite Halbzeit.“ Dass sein Lieblingsschüler und Landsmann Ilsanker just nach einer Einwechslung seine ersten beiden Bundesliga-Treffer beisteuerte, machte den Abend aus Hütters Sicht perfekt.

Kaum jemand im Eintracht-Umfeld zweifelt mehr am Klassenerhalt. Im Heimspiel gegen Mainz 05 (Samstag, 15.30 Uhr) kann das Abstiegsgespenst endgültig aus dem Frankfurter Stadtwald vertrieben werden. Die beiden Auswärtssiege in Wolfsburg und Bremen haben die Stimmungslage merklich aufgehellt.

Leihgabe Davie Selke ist kein Faktor

Noch vor Mitternacht machte sich auf der anderen Seite Kohfeldt an die Aufbauarbeit. "Wir sollten heute enttäuscht sein, weil das ein Rückschlag war. Aber es war kein Knockout.“ Der 37-Jährige wollte partout keine "Wende in der Mentalität“ beobachtet haben, obwohl die Köpfe nach dem Rückstand erkennbar nach unten gingen.

Die leicht angeschlagenen Milot Rashica und Leonardo Bittencout belebten das Bremer Spiel in der zweiten Hälfte in keiner Weise, beide sind aber gegen den VfL Wolfsburg am Sonntag (13.30 Uhr) so etwas wie die letzten Hoffnungsträger. Der von Hertha BSC geliehene Mittelstürmer Davie Selke vermittelt in vorderer Linie indes ein immer trostloseres Bild. Kohfeldt wollte diese offensichtlichen individuellen Schwachstellen aber weniger thematisieren als den kollektiven Glauben an den Klassenerhalt.

Tückisches Restprogramm

Man habe ohnehin keine Zeit, der vergebenen Chance nachzutrauern, so Kohfeldt. "Der Weg zum Klassenerhalt ist heute schwieriger geworden, aber er ist nicht unmöglich." Das Restprogramm birgt allerdings Tücken: Es geht noch gegen Paderborn, Mainz und Köln (und zwischendrin gegen die Bayern), aber schon in der Hinrunde erwies sich die Hoffnung auf eine ordentliche Ausbeute als trügerisch: Statt neun gab es damals null Zähler aus den letzten vier Spielen.

Obwohl sich mit dem ehemaliger Handballer Jörg Löhr ein neuer Mentalcoach an dem labilen Ensemble versucht, bleibt die Verunsicherung ein Bremer Problem. Und auf den Faktor von außen, der 2016 im emotionalen Schulterschluss mit den Fans enormes Zutrauen auf der Zielgeraden vermittelte, können die Norddeutschen jedenfalls nicht mehr setzen.

Fußball · Bundesliga · 24. Spieltag 2019/2020

Mittwoch, 03.06.2020 | 20.30 Uhr

Wappen Werder Bremen

Werder Bremen

Pavlenka – Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Friedl (76. Augustinsson) – Vogt (83. Woltemade) – M. Eggestein, Klaassen – Bartels (61. Rashica), Osako (76. Bittencourt) – Selke (61. Sargent)

0
Wappen Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt

Trapp – Abraham, Hasebe, Hinteregger – Touré, Kohr, Rode (81. Ilsanker), Kostic – Gacinovic (88. de Guzmán), Kamada (77. Sow) – A. Silva (77. Dost)

3

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 A. Silva (61.)
  • 0:2 Ilsanker (81.)
  • 0:3 Ilsanker (90.)

Strafen:

  • gelbe Karte Bartels (2 )
  • gelbe Karte Hinteregger (7 )
  • gelbe Karte Veljkovic (6 )

Schiedsrichter:

  • Patrick Ittrich (Hamburg)

Vorkommnisse:

  • Das Spiel fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Stand der Statistik: Mittwoch, 03.06.2020, 22:35 Uhr

Wappen Werder Bremen

Werder Bremen

Wappen Eintracht Frankfurt

Eintracht Frankfurt

Tore 0 3
Schüsse aufs Tor 3 4
Ecken 5 6
Abseits 6 2
gewonnene Zweikämpfe 100 90
verlorene Zweikämpfe 90 100
gewonnene Zweikämpfe 52,63 % 47,37 %
Fouls 13 20
Ballkontakte 583 565
Ballbesitz 50,78 % 49,22 %
Laufdistanz 114,91 km 114,12 km
Sprints 232 214
Fehlpässe 68 55
Passquote 81,67 % 83,63 %
Flanken 9 15
Alter im Durchschnitt 26,7 Jahre 28,5 Jahre

sid/dpa/red | Stand: 04.06.2020, 09:33

Bundesliga | Tabelle

RangTeamSP
1.Bayern München3482
2.Bor. Dortmund3469
3.RB Leipzig3466
4.Bor. M´gladbach3465
5.Bayer Leverkusen3463
 ...  
16.Werder Bremen3431
17.Fort. Düsseldorf3430
18.SC Paderborn 073420
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