Werder Bremen scheitert an den eigenen Mängeln

Werder Bremens Joshua Sargent enttäuscht nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen

Werder Bremen - Bayer 04 Leverkusen 1:4

Werder Bremen scheitert an den eigenen Mängeln

Von Frank Hellmann (Bremen)

Werder Bremen steuert schnurstracks auf die zweite Liga zu - jetzt mit einer weiteren nicht erstligareifen Vorstellung gegen Bayer Leverkusen. Die Analyse.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Oder wenn einem in der größten Krise ein kecker Spruch einfällt. Arnd Zeigler hat am Montagabend (18.05.20) das einzige Mal auf der sehr luftig ausgelegten Pressetribüne für einen Lacher gesorgt. "Wir bedanken uns bei 42.100 Zuschauern fürs Zuhausebleiben. Danke für ihre Unterstützung“, verkündete der Stadionsprecher des SV Werder, dem bei der 1:4-Heimpleite gegen Bayer Leverkusen die einzige Erheiterung gelang.

Die Warnungen von Innensenator Ulrich Mäurer, Spiele in Bremen notfalls zu verbieten, falls sich im Umfeld Menschenansammlungen bilden, hatten die Anhänger zuvor artig befolgt: So wenig grün-weiße Erkennungszeichen waren rund um den Osterdeich vorhanden, als sei der SV Werder nicht nur vom zweiten Abstieg seit 40 Jahren, sondern auch noch von der Löschung aus dem Vereinsregister bedroht.

Wie ein hoffnungsloser Fall

Was sich indes nicht geändert hatte: Seit der Umbenennung nach einem Immobilienunternehmen ist das Weserstadion zum Selbstbedienungsladen verkommen. Nicht nur wegen der Atmosphäre kam sich die Werkself wie in einem Trainingsspiel vor, um sich mit vier Toren und drei Punkten für Gegner in Schwung zu bringen, die dann – wie Borussia Mönchengladbach am Samstag – wirklich konkurrenzfähig sind. "Wir waren nicht gut genug, um Punkte zu holen“, musste Bremens Kapitän Niklas Moisander zugeben.

Dass Bayer-Trainer Peter Bosz sagte, Werder müsse in der Tabelle besser dastehen, ("da gehören sie nicht hin“), war allein der Höflichkeit des Niederländers geschuldet. Mit der siebten Heimniederlage in Folge und 59 Gegentoren nach 25 Spielen scheinen die Grün-Weißen ein hoffnungsloser Fall, wehr-, hilf- und mutlos.

Aufsichtsrat Bode benennt die Probleme

Die Bremer, die über Jahrzehnte ihre Kontrahenten wie ein Orkan aus dem Weserstadion bliesen, haben die Verunsicherung einfach über die Corona-Krise geschleppt, so dass es gar keinen Unterschied macht, ob die 42.100 Plätze besetzt sind oder nicht: Die wenigen Beobachter vor Ort waren sich einig: Wäre die Partie am 16. März vor vollbesetzen Rängen zur Austragung gekommen, hätte das Ergebnis kaum anders ausgesehen.

Lässige Leverkusener mussten den Ball nur lange genug laufen lassen und irgendwann eine gescheite Flanke bzw. einen Standard schlagen: Mühelos nickten Kai Havertz und Co. die Kugel dann über die Linie. Nicht nur Werders Aufsichtsratschef Marco Bode hätte sich da mehr Courage gewünscht – Kreativität im Offensivspiel, einst Werders Urtugend, vermisste er übrigens auch.

Trainer Kohfeldt kämpft

Werder Bremens Florian Kohfeldt blickt enttäuscht zu Boden

Werder Bremens Florian Kohfeldt blickt enttäuscht zu Boden

Erstaunlicherweise schafft es Trainer Florian Kohfeldt immer wieder, die ausgesprochenen Mängel durch geschickte Rhetorik wegzuschieben. "Das ist nichts, wo ich sage: Das war es jetzt. Das ist noch kein K.o.-Schlag für uns.“ Mut machen, Zuversicht vorspielen. Auf einen Tag X in der Zukunft, an dem schon alles gut werde. Auf dem Papier ist das immer noch nicht unmöglich: Werder tritt am kommenden Samstag beim SC Freiburg an, haben Anfang Juni im Nachholspiel noch Eintracht Frankfurt zu Gast und am Ende sind der SC Paderborn, Mainz 05 und der 1. FC Köln drei der letzten vier Gegner.

Es ist nicht ganz abwegig, in diesen fünf Spielen einige Punkte zu holen - allerdings waren es gegen dieselben Kontrahenten in der Hinrunde auch nur zwei. "Ich kann nicht auf die Mannschaft eindreschen. Das wird nicht aufgehen“, sagte Kohfeldt am späten Montagabend. Seinem Mienenspiel war ein gewisser Verdruss anzusehen, aber von Aufgabe ist er offenbar noch weit entfernt.

Werder-Sportchef Baumann: "Florian ist der richtige Trainer für uns"

Sportschau 19.05.2020 01:16 Min. Verfügbar bis 19.05.2021 ARD

Hartnäckige Mängel

Der 37-Jährige hatte wohl gehofft, die vielschichtigen Probleme könnten sich nach der zweimonatigen Pandemie-Pause einfach verflüchtigen, aber die in dem falsch zusammengestellten Kader zu besichtigenden Mängel scheinen äußerst hartnäckig. „Das mit den Gegentoren ist auch bei Geisterspielen nicht besser geworden“, räumte Kohfeldt kleinlaut ein. Es ist bezeichnend für die Malaise, dass sich der Trainer lauter als seine Spieler gegen die 15. Saisonniederlage wehrte.

"Komm Theo, Körpersprache!“

Permanent stand Kohfeldt an der Linie, um seine Anweisungen anzubringen. Einmal hörte sogar jemand hin. Kohfeldt gab nämlich das gut vernehmbare Kommando zum vorübergehenden Ausgleich: "Komm Theo, Körpersprache!“ forderte er seinen Rechtverteidiger Theo Gebre Selassie vor dem Eckball von Leo Bittencourt auf. Auf Zuruf lenkte der tschechische Routinier tatsächlich die Kugel über die Linie.

Kohfeldt: "Wir dürfen jetzt auf gar keinen Fall den Fehler machen, den wir in der Hinrunde gemacht haben"

Sportschau 18.05.2020 00:19 Min. Verfügbar bis 18.05.2021 ARD

Doch nur drei Minuten später hielten die Bremer Profis mehr Abstand, als jede Corona-Regel vorschreibt: Mühelos köpfte Havertz zum zweiten Mal für Leverkusen ein. Dass der ansonsten so robuste Kevin Vogt, eigentlich als Symbolfigur des Widerstands geholt, beim dritten Gegentreffer auch noch das Kopfballduell verweigerte, sprach Bände. Kohfeldt sprach Klartext: "Das ist kein Pech, das ist einfach schlecht verteidigt.“ Und wenn sich das nicht schnell ändert, droht dem SV Werder ein Abstieg, bei dem seine treuen Fans nicht mal weinende Zeugen sein können.

Fußball · Bundesliga · 26. Spieltag 2019/2020

Montag, 18.05.2020 | 20.30 Uhr

Wappen Werder Bremen

Werder Bremen

Pavlenka – Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Friedl – Vogt (85. Osako) – M. Eggestein, Bargfrede (54. J. Eggestein) – Bittencourt (71. Woltemade), Selke (71. Sargent), Rashica (85. Bartels)

1
Wappen Bayer 04 Leverkusen

Bayer 04 Leverkusen

Hradecky – Weiser, Tapsoba, S. Bender, Sinkgraven – Ch. Aranguiz (85. Paulinho), Demirbay – Wirtz (62. Bellarabi), Amiri (71. Baumgartlinger), Diaby (62. Bailey) – Havertz (85. Alario)

4

Fakten und Zahlen zum Spiel

Tore:

  • 0:1 Havertz (28.)
  • 1:1 Gebre Selassie (30.)
  • 1:2 Havertz (33.)
  • 1:3 Weiser (61.)
  • 1:4 Demirbay (78.)

Strafen:

  • gelbe Karte S. Bender (3 )
  • gelbe Karte Moisander (3 )
  • gelbe Karte Friedl (7 )

Schiedsrichter:

  • Tobias Stieler (Hamburg)

Vorkommnisse:

  • Das Spiel fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Stand der Statistik: Montag, 18.05.2020, 22:24 Uhr

Wappen Werder Bremen

Werder Bremen

Wappen Bayer 04 Leverkusen

Bayer 04 Leverkusen

Tore 1 4
Schüsse aufs Tor 1 6
Ecken 2 9
Abseits 0 0
gewonnene Zweikämpfe 99 94
verlorene Zweikämpfe 94 99
gewonnene Zweikämpfe 51,3 % 48,7 %
Fouls 15 12
Ballkontakte 579 886
Ballbesitz 39,52 % 60,48 %
Laufdistanz 123,58 km 124,21 km
Sprints 218 254
Fehlpässe 60 83
Passquote 83,19 % 87,81 %
Flanken 7 6
Alter im Durchschnitt 26,6 Jahre 25,4 Jahre

Stand: 19.05.2020, 11:51

Darstellung: